Die Arbeitersiedlung Steinbreite

Mehr zum Thema: Ein Versuch zur Heilung der Verwerfungen des Industriezeitalters – Die Boffzener Arbeitersiedlung Steinbreite als Reformprojekt vor dem Ersten Weltkrieg

Zweifamilienhaus Heinrich Böker Steinbreite 6 von 1910, Planer: Baugeschäft August Knop, Foto der Bauzeichnung: Ehepaar Hille

Der betriebliche Wohnungsbau war Grundlage des Wachstums der Boffzener Glasindustrie. Erste Arbeiterhäuser entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft der Hütten, doch es handelte sich um größere Einzelhäuser, nicht um eine Siedlung aus einem Guss.Dies änderte sich nach der Jahrhundertwende. Ab 1906 entstand eine größere Wohnungskolonie von fünfzehn Arbeiterhäusern in der heutigen Steinbreite, nachdem Noelle & von Campe zuvor landwirtschaftlich genutzte Flächen ankaufen konnte.
Die Wohnungen waren größer und hygienisch besser ausgestattet als die Häuser im Boffzener Dorfkern und auch die früheren Vierfamilienhäuser der Glashütte. Die Haustypen variierten zwischen Mehr- und Einfamilienhäusern, alle besaßen Gartenland und angrenzende Stallungen. Eine begrenzte Eigenversorgung mit Lebensmitteln war nicht nur Krisenpuffer im Falle von Arbeitslosigkeit, sondern erlaubte auch geringere Löhne.

(l.) Das 1906/07 erbaute Wohnhaus von Friedrich Loges in der Steinbreite 3 als Hintergrund der Silberhochzeit von Anna Loges (geb. Kleine) und Friedrich Loges sen. Foto: Carsten Stender, (r.) Mehrfamilienhaus Steinbreite 2 von 1910 Heinrich Riefkuhle und Ernst Kleine als Bauherren. Zu sehen sind Anna und Heinrich Riefkuhle mit ihren Kindern Anna und Heinrich Foto: Inge Prenzel

Noch 1919 bemerkte der Arbeiterrat von Noelle & von Campe: „Die Arbeiter der Gemeinde Boffzen sind durch die hier üblichen Akkord- und Tagelöhne gezwungen, neben ihrem Beruf noch etwas Landwirtschaft zu betreiben. Nach Feierabend wurde das gepachtete Land und die Wiese bearbeitet, um die Familien existenzfähig zu halten.“
Dennoch handelte es sich bei der Wohnungskolonie Steinbreite um ein Modellvorhaben. Die Blaupause boten Ideen des Architekten Karl Siebold (1854 – 1937), bekannt für seine Kirchenneubauten und Heilstätten in den Bethelschen Anstalten bei Bielefeld. Seine 1906 erschienene Broschüre „Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Kleinwohnungswesen“ ließ der Firmenteilhaber Max Eugen Noelle an die Arbeiter verteilen. Für ihn, einen überzeugten Anhänger eines praktischen Protestantismus, waren Arbeiterwohnungen nicht nur unternehmerisch geboten, sondern auch ein Beitrag zur sozialen Integration der Arbeiterschaft in die Gesellschaft.

Luftaufnahme vor 1917 mit Blick auf die Wohnungskolonie der Steinbreite (oben rechts) Foto: Burckhard von Campe