Noelle & von Campe in Kriegen und Krisen

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Undatierte Werksansicht, wohl 1930/40er Jahre Foto: Elisabeth Pophal

Der Erste Weltkrieg markierte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der prosperierenden Glashütte Noelle & von Campe. Große Teile der Belegschaft wurden eingezogen, Absatzmärkte im Ausland brachen weg, Steinkohle wurde knapp. 1917 schloss man sich zur gemeinsamen Produktion mit dem benachbarten Konkurrenten der Georgshütte zusammen und arbeitete jahrelang an dessen Ofen.
Kriegsende und Revolution brachten kaum Veränderungen, zeitweilige Betriebsstilllegungen prägten die eben nicht goldenen 1920er Jahre. Während der Weltwirtschaftskrise stand die Glashütte vor dem Aus. Die Lüdenscheider Firma Gebr. Noelle ging bankrott, die Familie Noelle musste wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten auch in Boffzen aussteigen. 1931 wurden die mehr als 120 Beschäftigten entlassen, der Glasofen wurde kalt gelegt, der Betrieb lag von 1931 bis 1934 still.

Die Automatisierung beginnt ab Mitte der 1930er Jahre und verdrängt zunehmend die Arbeitsplätze der Mundbläser Foto: Elisabeth Pophal

Danach aber folgte mehr als ein Jahrzehnt steten Wachstums. Noelle & von Campe war ein Renommierprojekt der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungspolitik. Regionale Investoren, Boffzener und Höxteraner Bürger sowie die Familie von Campe brachten 1934 Kapital für die Weiterführung zusammen. Die wirtschaftliche Erholung und die 1936 einsetzende massive Rüstungskonjunktur führten zu steter Auslastung und wachsenden Gewinnen. Die Produktion wurde modernisiert und teilweise automatisiert. Konservengläser, Flaschen und Verpackungsglas dominierten. Der Zweite Weltkrieg begann mit neuerlichen Einberufungen, doch Rohstoffe waren weiter vorhanden, auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Tschechien und der Slowakei sicherten die zunehmend kriegswichtige Produktion. Rüstungsgüter wurden gefertigt, ab 1944 Glasminen. Die durch Luftangriffe nicht beschädigte Hütte konnte nach 1945 weiterproduzieren, machte bis 1953 stetig Gewinne. Danach veränderte sich der Glasmarkt rapide – und Noelle & von Campe reagierte mit verstärkter Automatisierung.

Anteilsschein von 1934, mit dem sich der Verein für die sozialen Interessen der Gemeinde Boffzen an Noelle & Campe beteiligte Foto: Archiv Glasmuseum Boffzen