Eine Waffe auch aus Boffzen – Die Glasmine 43

Ab 1944 wurden in Boffzen von der Hohlglashütte Noelle & von Campe Glasminen hergestellt. [1] In der Nachkriegszeit war dies Alltagswissen. Doch erst eine Anfrage des Historikers und Juristen Frank Baranowski führte 1995 zu Nachfragen bei der Samtgemeinde Boffzen. Cord von Campe, langjähriger Geschäftsführer von Noelle & von Campe, bestätigte damals den Sachverhalt, gab Mitte 1944 als Produktionsbeginn an, sprach von staatlicher Weisung. [2] „In der Glashütte Noelle wurden zum Kriegseinsatz Glasminen hergestellt“ – so hieß es dann auch in der Boffzener Gemeindechronik 2006. [3] Diese klare Aussage war notwendig, überging die Ortschronik aus dem Jahre 1956 doch die gesamte NS-Geschichte der lokalen Glashütten. [4] Das Glasmuseum Boffzen benannte 2016 in seiner Ausstellung „Von wegen ‚nur‘ Einkochgläser – 150 Jahre Noelle und von Campe“ die lokale Produktion von Glasminen. Die parallel vom Unternehmen initiierte und finanzierte Festschrift sparte hingegen diese Kriegsproduktion aus, folgte so der Vergangenheitsverdrängung der Vorgängerchroniken. [5] 2019 kaufte dann der damalige Verantwortliche für das Glasmuseum Boffzen, Manfred Bues, eine Glasmine an. Auf die folgende Presseberichterstattung meldete sich ein Zeitzeuge, der ihm bestätigte, dass er die Glaskörper vor Kriegsende transportiert habe. [6] Der Freundeskreis Glas entschied sich, dieses wichtige Thema mit dem Stelenweg 2020 aufzugreifen – um damit über die Glasmine und die Rüstungsproduktion bei Noelle & von Campe zu informieren.

Was ist eine Glasmine?

In der Glashütte Noelle & von Campe wurden die Glasbehälter der Glasmine 43 der deutschen Wehrmacht gefertigt. Dabei handelte es sich um eine gegen Personen gerichtete Landmine, umgangssprachlich auch Tretmine genannt. Sie konnte durch die damals gängigen Metalldetektoren nicht geortet werden, so dass der zumeist von Minenräumung begleitete Vormarsch gegnerischer Truppen verzögert werden konnte.

Hohlglasbestandteile der Glasmine 43 (Wikipedia)

Glasminen waren relativ klein. Sie bestanden aus einem Glastopf von ca. 14,5 cm Durchmesser und 8 cm Höhe. In dem Topf befand sich ein Zwischenboden, der den unten liegenden ca. 200 g schweren Sprengkörper von der oben befindlichen Zündvorrichtung abgrenzte. Die Mine wurde mit einem Glasdeckel von etwa 15 cm Durchmesser abgeschlossen. [7] Sie wurde in den Boden eingegraben, lag dann etwa 3-5 cm unter der Oberfläche. Der Glasdeckel brach bei einer Belastung von 10-12 kg, löste den Zündmechanismus aus, und die Mine explodierte. [8]

Die Glasmine schien eine relativ einfache Waffe zu sein. Doch sie war das Ergebnis aufwändiger Entwicklungsarbeit. Zwischen 1944 und 1945 wurde sie mit verschiedenen, zunehmend schwieriger zu ortenden Zündern ausgestattet. Die ersten Minen besaßen noch einen metallenen Hebelzünder SM 4, es folgte der Druckzünder DF 6 und dann der erste chemische Buck-Zünder. Am Ende stand der damals ortungssichere Glaszünder SF 14. [9] Die Entwicklung ging von der mechanischen zur chemischen Zündung, zugleich aber reduzierten die Konstrukteure immer stärker die Metallbestandteile im Zwischenboden, im Zünder und dem Gewinde des Sprengkörpers. Lediglich in der Sprengkapsel befanden sich schließlich noch kleine Aluminiumfolien.

Glasminen waren grundsätzlich wasserdicht, so dass sie nicht allein auf Land eingesetzt werden konnten. Die Glasmine 43(W) – W stand wohl für Wattenmeer – hatte eine größere Bodenplatte. Als Schützen-Küstenmine wurde sie auch unter Wasser eingesetzt. Einsatzorte bildeten Strände, Flussufer und Flusskreuzungen. Auch hierfür gab es unterschiedliche Zünder, anfangs der Reibungszünder SF 6, dann aber der damals nicht zu ortende chemische Zünder SF 18.

Der Begriff „Glasmine“ steht demnach für unterschiedliche Waffen. Es gab nicht die eine Glasmine. Die Glasböden waren je nach Sprengladung (200 g oder 150 g) unterschiedlich groß, auch die Art der Zünder hatte Einfluss auf die Glaskörper. Das Gewicht der Glaskörper differierte um bis zu 300 g, deren Höhe um bis zu 4 cm. Der obere Durchmesser wich um bis zu einem, der untere um bis zu zwei cm ab. Auch die Wandstärke variierte um bis zu 100%. Deutliche Unterschiede bestanden auch bei der Farbe: Es gab Minen mit farblosem, gelblichem, bläulichem und bräunlichem Glas. Die scheinbar einfache und einheitliche Waffe verwies damit auf ein zentrales Manko der deutschen Rüstung, nämlich die unzureichende Normierung der Waffen und die relative Unfähigkeit zu kostensparender Massenfabrikation. Dies war der Preis, den das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion in Kauf nahm, um Glasminen dezentral von mittelständischen Unternehmen, wie Noelle & von Campe, produzieren zu lassen.

Geräumte Glasmine 43 in Hoek van Holland mit Hebelzünder, August 1945 (Wikipedia)

Eine kleine Vergeltungswaffe

Die Glasmine 43 war eine kleine Vergeltungswaffe. Ihre Entwicklung resultierte aus der wachsenden Zahl von Niederlagen und erzwungenen Rückzügen der Wehrmacht. Sie war allerdings nicht allein Bestandteil einer zunehmend auf Defensivkraft setzenden Rüstung, sondern zielte auf das „Ausbluten“ der Gegner, um am Ende den objektiv illusorischen „Endsieg“ zu ermöglichen. Adolf Hitler selbst nahm Anteil an der Entwicklung der Glasmine, nahm befriedigt zur Kenntnis, dass diese „nicht radioelektrisch geortet werden könne wie die bisherigen Minen“. [10] Die Alliierten Streitkräfte waren 1944 in der Lage, die ab 1942 produzierten Holzminen zu orten. Metalle sollten eingespart, die Räumung weiter erschwert werden. Daraufhin wurde zuerst mit Keramik, dann mit Glas experimentiert. Für Glas sprachen einerseits niedrigere Kosten, anderseits aber die einfachere Fertigung. Die deutschen Glashütten waren schon von Kriegsbeginn an in die Wehrwirtschaft eingebunden, produzierten neben Rüstungsgütern vorrangig Gebrauchsglas. Die dafür erforderlichen Maschinen erlaubten vielfach auch die Herstellung der Glaskörper der neuen Mine. Sie wurde ab April 1944 an die Wehrmacht ausgegeben. [11] Festzuhalten ist, dass Glasminen bereits damals gegen das geltende Kriegsvölkerrecht verstießen. [12] Ihr Einsatz war damit grundsätzlich ein Verbrechen.

Glasminenproduktion im Deutschen Reich

Der Glasbehälter der Glasmine 43 erinnert an ein Konservierungsglas, während des Zweiten Weltkrieges einer der wichtigsten Artikel von Noelle & von Campe. Die Glashütte gehörte zu einem breiteren Verbund vorrangig mittelständischer Glasproduzenten, die über das gesamte Großdeutsche Reich verteilt waren. Detaillierte Angaben sind schwierig, denn die zentralen Akten wurden während des Krieges zerstört. Auch in Boffzen soll nichts erhalten geblieben sein.

Insgesamt wurden 1944 9,887 Mio. und 1945 1,125 Mio. Glasminen produziert, also etwas mehr als 11 Millionen Stück. [13] Während dieses Zeitraums wurde im Anti-Personenminen-Sektor lediglich die Schützenmine 42 häufiger hergestellt (18,749 Mio. Stück). Diese hatte ein Sperrholzgehäuse, eine Sprengladung von ebenfalls 200 g TNT und explodierte bereits bei einer Last von unter 5 kg. Sie konnte jedoch mit üblichen Metalldetektoren geortet werden.

Mangels fehlender zentraler Akten ist die Rekonstruktion der Glasminenproduktion schwierig – wie ja auch das Beispiel Boffzens unterstreicht. Fasst man die sehr unterschiedlichen Überlieferungen einzelner Glashütten zusammen, so haben wohl die folgenden Betriebe diese Waffen gegen Kriegsende hergestellt:

  • Gifhorner Glashütte, Niedersachen
  • Annahütte, H. Heye Glas, Brandenburg
  • Glasfabrik H. Heye Germersheim, Rheinland-Pfalz
  • Glashütte Bernsdorf, Sachsen
  • Marienhütte Gnarrenburg, Niedersachsen
  • Ruhrglas AG Essen, Nordrhein-Westfalen
  • Siemens Glas AG Freital, Sachsen
  • Glashütte Kritzow, Mecklenburg-Vorpommern
  • Glasfabrik Brockwitz AG, Sachsen
  • Glashütte Noelle & von Campe, Niedersachsen [14]

Hinzu kamen wohl weitere Glashütten in Bayern und auch dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren. [15]

Staatliche Weisungen dürfte es nicht gegeben haben. Die Kommandowirtschaft des NS-Staates ließ Platz für unternehmerische Autonomie. Rüstungsaufträge konnten bis in die Endphase des Krieges abgelehnt werden. [16] Dies hatte allerdings Konsequenzen, nämlich geringe Rohstoff- und Beschäftigtenzuweisungen, niedrigere Gewinne, unter Umständen die Schließung des Betriebes. All dies wurde in den Glashütten abgewogen, am Ende dann der Rüstungsauftrag angenommen.

Die Glasminenproduktion erfolgte in verschiedenen Teilen des damaligen Reiches, deckte sich mit den Schwerpunkten der Glasindustrie etwa in der Niederlausitz oder aber dem Weserbergland. Die meist mittelständischen Betriebe waren durch den Bombenkrieg der Alliierten kaum auszuschalten, der Nachschub der Glasbehälter damit relativ sicher. Engpass für den Nachschub waren eher die Zünder, deren Herstellung wahrscheinlich stärker zentralisiert war. Anfang 1945 wurden beispielsweise 324.000 Glasminenzünder bei einem Luftangriff auf den französischen Ort Salbris zerstört.

Varianten der Glasmine 43: Oben mit Hebel-, unten mit chemischem Zünder (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, 32)

Eine präzise Analyse der Glasminenproduktion wird auch dadurch erschwert, daß die Glasteile nur selten mit den gängigen Glaszeichen der Hütten gekennzeichnet waren (also etwa NC für Noelle & von Campe). Stattdessen wurden zumeist Zahlen eingeprägt, teilweise aber auch darauf verzichtet. Ausnahmen waren die Glashütten Bernsdorf (Anker), die Glasfabrik H. Heye Germersheim (Bäumchen) und die Ruhrglas AG in Essen (Hammer und Schwerter). [17]

Glasmineneinsatz in der Wehrmacht

Glasminen waren vor allem Defensivwaffen. Es ging darum, Durchbruchslinien zu sichern und Flankenschutz zu gewährleisten. Minen halfen zudem, gegnerische Vorstöße zu verzögern, um dann stärkere Kräfte zu massieren. Sie sicherten zudem Truppenrückzüge, verzögerten insbesondere das rasche Nachstoßen gegnerischer Truppen. [18] Ihr Einsatz folgte einem militärischen Nutzenkalkül. Der durch die Glasminen verursachte Verlust eines Beines schaltete nicht nur einen gegnerischen Soldaten aus, sondern band zusätzliche Ressourcen im Sanitäts- und Transportwesen. [19] Das galt nicht nur für die unmittelbare Explosionswirkung der Mine, sondern in noch stärkerem Maße für ihre Splitter. Diese waren auf Röntgenbildern nicht sichtbar, entsprechend schwierig und aufwändig waren Diagnose und Therapie. Aus diesem Kostenkalkül heraus setzte die Wehrmacht Glasminen vor allem an westlichen Frontabschnitten ein. US-amerikanische und britische Truppen besaßen einen weiten höheren Mechanisierungsgrad und investierten deutlich höhere Summen in die Vermeidung von Todesfällen als etwa die sowjetischen (und auch deutschen) Armeen.

Verlegen von Glasminen zum Küstenschutz (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, I)

Glasminen wurden entsprechend erst einmal zur Befestigung der Küste der Normandie bzw. zur Verstärkung des Westwalls eingesetzt. Gesichert wurden auch deutsche Auffangstellungen in Mittelitalien. [20] Während der alliierten Invasion Frankreichs zeigte sich allerdings, dass selbst ein massiver Mineneinsatz Durchbrüche nicht verhindern konnte. [21]

Zum bekanntesten Einsatzgebiet der Glasminen wurde dann von September 1944 bis Februar 1945 die „Grenzlandbucht“ um das Wurmgebiet, das Jülicher Land und die Eifel. Die dort geschlagene Schlacht im Hürtgenwald mündete in massive Verluste der U.S. Army und einen taktischen Erfolg der Wehrmacht – wenn denn die Verlängerung eines längst verlorenen und damals täglich ca. 10.000 gefallene deutsche Soldaten kostenden Krieges mit diesem Wort bezeichnet werden kann. Die von Artilleriebeschuss durchfurchten Wälder waren mit Minen gespickt, darunter hunderttausende von Glasminen. Minenräumung war in diesem Umfeld kaum mehr möglich: „Unter den Minenräumern aber war der Tod. Das Suchgerät reagierte nicht auf Glasminen. Oder es verirrte sich unter den tausenden herumliegenden Metallteilen.“ [22] Auch für die deutschen Truppen bargen Glasminen beträchtliche Risiken, denn nicht selten gingen Minenpläne verloren, so dass neu eingesetzte Einheiten von den eigenen Waffen bedroht wurden. [23] Die erbittert geführten Kämpfe förderten zugleich einen prekären Mythos der Glasminen, die daher heute noch in Militaria-Kreisen hohe Aufmerksamkeit genießen.

Gegenüber den Kämpfen im Westen verblassen andere Einsätze der Glasminenwaffe. Prophylaktisch wurde etwa das Führerhauptquartier Wolfsschanze damit gesichert. Bekannt ist ferner der Einsatz von Glasminen und auch Glashandgranaten im Kampf um die sächsische Metropole Dresden. [24] Glasminen wurden zudem an Volkssturmeinheiten ausgegeben. [25]

Glasmine 43 mit Hebelzünder vor dem Verschließen (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, 30)

Glasminen gehörten zu den prägenden Erlebnissen nicht zuletzt deutscher Soldaten in der Endphase des Krieges. Der Historiker und Publizist Joachim Fest erinnerte sich an seinen Einsatz als 18-Jähriger: „Die Kompanie, der ich angehörte, kam nach Euskirchen, um auf einem halbfertigen Feldflughafen Glasminen zu verlegen. Die neuentwickelten Sprengkörper sahen wie Einweckgläser aus und zerbarsten bei der Explosion in unzählige winzige Splitter, die furchtbare Verletzungen hervorriefen. Tag für Tag, während wir im freien Gelände arbeiteten, tauchten Lightning-Tiefflieger auf und veranstalteten Schießübungen auf uns, die wir wehrlos inmitten der im Sonnenlicht blitzenden Glastöpfe lagen.“ [26] Der FAZ-Journalist Walter Henkels, während des Krieges Mitglied einer Propagandakompanie der Waffen-SS, machte später aus seiner Abscheu vor diesen Waffen keinen Hehl: „Wer kennt die Heimtücke der S- und T- und Riegelminen, der Mäusefallen, Ringelminen und Glasminen? Die Hauptteile der Schützen-Kastenminen nach der Heeresdienstvorschrift sind? Nun, was sind sie? Inbegriff des grausigen Schlachtens.“ [27]

Unzureichende Hilfsmittel für die Holz- und Glasminenräumung in den Niederlanden: Minenschuhe (Die Weltpresse 1945, Nr. 25 v. 16. Oktober, 8)

Derartige Wertungen hängen gewiss mit dem Wissen zusammen, dass es nicht zuletzt deutsche Kriegsgefangene waren, die die letztlich überwundenen Minenfelder mit vielfach unzureichenden Mitteln räumen mussten. Der Heidelberger Historiker Erich Maschke, ehedem ein überzeugter Nationalsozialist, vermerkte mit zynischer Zurückhaltung, dass man erfreulicherweise feststellen konnte, dass eine im deutsch-belgischen Grenzgebiet eingesetzte Minenräumkompanie „nur“ vier Tote zu beklagen hatte. [28]

Nachwehen: Konversion und das weltweite Verbot von Landminen

Nach der Befreiung fanden die Glasminen andere, mehr zivile Verwendung. Viele der 9,7 Mio. nicht verlegten Glasbehälter mutierten zu Blumentöpfen und Konservierungsgläsern, dienten als Behälter für Schmierseife und all die vielen kleinen Dinge, die das Leben im Frieden so lebenswert machten. [29] Bürgerliche Betriebsamkeit machte auch vor diesen früheren kleinen Vergeltungswaffen nicht Halt: Man liest von einer Firma, die Glasminenbehälter gewerblich zu Blumentöpfen umarbeitete, verziert mit zwei umlaufenden Bändern mit farbigen Punkten. [30]

Sowohl die Bundeswehr als auch die Nationale Volksarmee nahmen in den 1950er Jahren dann wieder Minen in ihre Waffenarsenale auf. Glasminen aber waren nicht darunter. Dennoch beschäftigen sie auch gegenwärtig Kampfmittelräumeinheiten, denn bis heute sind nicht alle Minen dieses Typs aufgespürt und entfernt worden. [31] Im Hürtgenwald haben Glasminen noch in der Nachkriegszeit zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. [32] Im Gesamtgebiet werden bis heute noch etwa 8.000 dieser Waffen vermutet. Der westliche Uferbereich der Urft-Talsperre im Nationalpark Eifel ist nach wie vor eine Sperrzone. Hinzu kommen kleinere, durch Flatterbänder gekennzeichnete Gefahrenbereiche. [33]

Warnschild vor einem Minenfeld (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 5, 73)

Der Einsatz der Glasmine 43 führte aus all diesen Gründen zu einem Umdenken, zu einer generellen Revision beim Einsatz von Landminen. Die Initiativen gingen weltweit von Bürgern aus, nicht von den Staaten und Regierungen. Schon in den 1970er Jahren wurde ein umfassendes Landminenverbot auch mit Bezug auf die Glasmine 43 gefordert. [34] 1983 verbot ein erstes, am 3. Dezember erlassenes UN-Protokoll die Produktion von Landminen, die nicht geortet werden konnten und nicht über einen Selbstzerlegemechanismus verfügten. Das Verbot wurde durch ein weiteres UN-Protokoll 1983 erweitert und mündete schließlich in die Ottawa-Konvention vom 1. März 1999, durch die „Einsatz, die Produktion, Lagerung und Weitergabe von Schützenabwehrminen“ verboten wurden. [35] Gleichwohl sind damit Glasminen nicht gänzlich verschwunden. 2004 kamen die Waffen im kolumbianischen Bürgerkrieg neuerlich zum Einsatz. Als einfache und billige Waffen werden sie gerade in asymmetrischen Konflikten bis heute eingesetzt – völkerrechtswidrig, wie einst die deutschen Glasminen 43. Die Geschichte der Glasmine, sie ist bis heute nicht zu Ende.

Uwe Spiekermann, 12. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Frank Baranowski, Rüstungsindustrie in Holzminden, Bevern und Boffzen, in: D[etlef] Creydt (Hg.), Zwangsarbeit für Rüstung, Landwirtschaft und Forsten im Oberwesergebiet 1939-1945, Holzminden 1995, 243-248, hier 245.
[2] Stellungnahme der Samtgemeinde Boffzen vom 22. August 1995, Unterlagen Glasmuseum Boffzen.
[3] Björn Lohnert, Geschichte der Neuzeit, in: Chronik der Gemeinde Boffzen, hg. v.d. Gemeinde Boffzen und Ulrich Ammermann, Beverungen 2006, 83-131, hier 120.
[4] Otto Ahrens, 1100 Jahre Boffzen, Boffzen 1956.
[5] 100 Jahre NC Glashütte, o.O. 1966; Sven Tode, Eine Welt in Glas. 150 Jahre Noelle + von Campe Glashütte 1866-2016, Hamburg 2016. Auch die nicht gedruckte Chronik Noelle + von Campe Glashütte GmbH. Chronik 1866-1981, o.O. 1981 erwähnt die Glasminenproduktion nicht.
[6] Der Tod kommt aus dem Einweckglas, Täglicher Anzeiger Holzminden 2019, Ausg. v. 15. Mai.
[7] Angaben n. Fritz Hahn, Waffen und Geheimwaffen des deutschen Heeres 1933-1945, Bd. 1, Koblenz 1986, 125. Detaillierte und illustrierte Beschreibungen enthalten Catalog of Enemy Ordnance Materiel, o.O. 1945, 278 und 304.6; The Glasmine 43, Intelligence Journal 3, 1945, Nr. 7, 30-33.
[8] Kurt Rieger, Robert Johnson und Uwe Feist, Militärfahrzeuge of the Wehrmacht, Bd. 2, Bellingham 2008, 152.
[9] Hahn, 1986, 125; Norman Youngblood, The Development of Mine Warfare. A Most Murderous and Barbarous Conduct, Westport, Conn. 2006, 115.
[10] Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, Bd. 19, hg. v. Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Berlin-West 1973, 53.
[11] Hahn, 1986, 125.
[12] Arbeitshilfen zur wirtschaftlichen Erkundung, Planung und Räumung von Kampfmitteln auf Liegenschaften des Bundes, hg. v. d. Bundesministerien für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bzw. Verteidigung, Hannover 2007, A-10.1, 7.
[13] Hahn, 1986, 132.
[14] Gifhorns Glashütte baute Minen, WAZ-Online 2010, Ausg. v. 22. Dezember; Thomas Wünsche, Im „Einweckglas“ lauert der Tod, Schaumburger Zeitung und Landes-Zeitung 2016, 1. Februar und 26. Oktober; Pressglas-Korrespondenz 2001, Ausg. 5-6, 18 und 38; Pressglas-Korrespondenz 2016, Ausg. 2, 6; http://www.glasmuseum-gnarrenburg.de/; Agustin Saiz, Deutsche Soldaten. Uniforms, Equipment & Personal Items of the German Soldier 1939-1945, Madrid 2008, 277; Pressglas-Korrespondenz 2015, Ausg. 1-3, 7; Pressglas-Korrespondenz 2001, H. 5, Anhang; http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1; ebd., page=2 [Abrufe durchweg 4. Oktober 2020].
[15] http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1; http://de.sklarnaharrachov.cz/glashutte/geschichte [Abruf 4. Oktober 2020].
[16] Christoph Buchheim, Unternehmen in Deutschland und NS-Regime 1933-1945. Versuch einer Synthese, Historische Zeitschrift 282, 2006, 353-390; Jonas Scherner, Das Verhältnis zwischen NS-Regime und Industrieunternehmen – Zwang oder Kooperation?, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 51, 2006, 166-190; Peter Hayes, Corporate Freedom of Action in Nazi Germany, Bulletin of the German Historical Institute 45, 2009, 29-42; Norbert Frei und Tim Schanetzky (Hg.), Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010.
[17] https://www.militaria-fundforum.de/forum/index.php?thread/295608-glasmine/; http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1 [Abruf 4. Oktober 2020].
[18] Zur Entwicklung der Waffengattung vgl. Wolfgang Fleischer, Deutsche Landminen und Zünder bis 1945. Kampfmittel und Militärausrüstung, Stuttgart 2016; Terry Gander, Enzyklopädie deutscher Waffen 1939-1945. Handwaffen, Artillerie, Beutewaffen, Sonderwaffen, Stuttgart 2006; Alex Buchner, Deutsche und alliierte Heereswaffen 1939-1945. Deutschland, UdSSR, England, USA, Friedberg 1992.
[19] Mike Croll, The History of Landmines, Barnsley 1998, 44.
[20] Thomas D. Parrish und Samuel Lyman Atwood Marshall, Encyclopedia of World War II, New York 1978, 234.
[21] Tony Hall, D-Day: Operation Overlord, London und New York 1993, 50.
[22] Friedrich Schulz, Dienstgruppe GCLO, GSO. Eine deutsche Nachkriegstrilogie, Bonn 1956, 48.
[23] Max von Falkenberg, Hürtgenwald 44/45. Die Schlacht im Hürtgenwald, o.O. 2004, 202.
[24] Dietmar Kunz, Kriegsschauplatz Sachsen 1945. Daten, Fakten, Hintergründe, Altenburg 1995, 20; Wolfgang Fleischer, Das Kriegsende in Sachsen 1945. Eine Dokumentation der Ereignisse in den letzten Wochen des Krieges, Friedberg 2004, 107.
[25] Hans Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/45. Eine territoriale Miliz im Rahmen der Landesverteidigung, Berlin-West und Frankfurt a.M. 1962, 38.
[26] Joachim Fest, Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Hamburg 2009, s.p. (e-Book).
[27] Walter Henkels, Kohlen für den Staatsanwalt. Die sagenhafte Stunde Null, Düsseldorf und Wien 1969, 94.
[28] Erich Maschke, Die deutschen Kriegsgefangenen im Gewahrsam Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs, Bielefeld 1962, 172.
[29] Ernst Helmut Segschneider und Martin Westphal, Zeichen der Not. Als der Stahlhelm zum Kochtopf wurde, Detmold 1989, 109; Gifhorns Glashütte, 2010.
[30] http://www.profilm.de/insel/mieten/Konversion2.php [Abruf 4. Oktober 2020].
[31] Arbeitshilfen, 2007, A-3.1, 67.
[32] Burkhard Heinrich Stark, Weltkrieg vom Hörensagen, Norderstedt 2020, 151-152.
[33] Eva-Maria Altena und Simon Mewes, Zum Umgang mit den Westwallanlagen, Mainz 2014, 22; Thomas Enke, Landminen und Munition in Krisengebieten. Sicherheitshandbuch für Einsatz- und Hilfskräfte, Regensburg und Berlin 2017, 89.
[34] Anti-personnel Weapons, hg. v. Sipri, London 1978, 183.
[35] Thomas Enke, Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik, Regensburg und Berlin 2020, 312-313.

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