Noelle & von Campe als Zulieferer: Die Glaswaren von Gebr. Noelle in den 1930er Jahren

Noelle-Menagen für den Tisch daheim und außerhaus (Die Schaulade 13, 1937, 24)

Die Boffzener Glashütte Noelle & von Campe ist ein spätes Kind des Krieges. Die Lüdenscheider Firma Gebr. Noelle war 1814 als Kommissionsgeschäft für Kleineisenwaren gegründet worden. Sie betrieb mehrere Hammerwerke, ab 1846 auch eine Zinnfabrik. Das Familienunternehmen profitierte von den naturwissenschaftlichen Fortschritten der 1850er Jahre, denn damals entstanden neue Legierungen, die auch den bürgerlichen Haushalt verschönern konnten. Bei den neuen „Britanniawaren“ handelte es sich um silbern scheinende Gusslegierungen aus Hartzinn mit anderen Metallen. Sie waren ein Erfolgsprodukt der Kaiserzeit, wurden vielfach exportiert. Gebr. Noelle erhielten 1862 für ihre Britannia-Metallwaren eine ehrenvolle Erwähnung auf der Londoner Weltausstellung – und entwickelten sich in den 1870er Jahren zu einem der führenden deutschen Hersteller (National-Zeitung 1862, Nr. 364 v. 8. August, 7; David Gropp, Eine Unternehmensvilla in Lüdenscheid von 1913 […], Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 19, 2013, 15-22, hier 15).

Boffzener Glas als Zwischenprodukt: Gebr. Noelles Siphons und Dettweilers Taschenfläschchen für Hustende (Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 5, Beibl. 2, 2 (l.); Münchener Medicinische Wochenschrift 36, 1889, 893)

Das rasche Wachstum von Gebr. Noelle resultierte aus einer wachsenden Angebotspalette, darunter seit 1869 auch Siphons, also gläserne Apparate zur Vermengung von Kohlensäure mit Wasser. Die Glasgefäße erwarb die Lüdenscheider Metallwarenfirma anfangs aus Frankreich, doch der Krieg gegen den späteren „Erzfeind“ zerstörte 1870/71 die bestehenden Geschäftskontakte. Das war eine Chance für die kriselnde Glasfabrik Steinbreite. Seit 1870 lieferte sie erste speziell für Gebr. Noelle gefertigte Hohlgläser. Dies bedeutete steten Absatz für die Boffzener Hütte, einen sicheren Zufluss heimischer Zwischenprodukte für die in Lüdenscheid dann marktfertig montierten Britanniawaren. 1874 wurden die Besitzer von Gebr. Noelle schließlich Gesellschafter der neu gegründeten Firma Noelle & von Campe. Die märkische Unternehmerfamilie engagierte sich seither direkt in Boffzen, Familienangehörige leiteten die Glashütte vor Ort. Insbesondere Max Eugen Noelle (1861-1946) prägte nicht nur das Ortsbild des Brückfeldes mit seiner 1897 gebauten Villa, sondern engagierte sich vielfältig vor Ort, war vor allem aber von 1896 bis 1930 Geschäftsführer von Noelle & von Campe.

Sein Wegzug während der Weltwirtschaftskrise resultierte aus einer Doppelkrise in Boffzen und Lüdenscheid. Gebr. Noelle waren über Jahrzehnte ein profitables und marktbezogen arbeitendes Unternehmen, das schon in den 1870er Jahren mehr über 700 Beschäftigte hatte, die es bis 1914 nahezu halten konnte (Fritz Grüber, Die Lüdenscheider Industrie in den letzten 75 Jahren. II., Lüdenscheider General-Anzeiger 1929, Nr. 153 v. 3. Juli, 5-7, hier 5; Rainer Assmann, Wie wurde man in Lüdenscheid Millionär – oder auch nicht?, Der Reidemeister 2014, Nr. 198, 1709-1724, hier 1718). Schon kurz nach der Reichsgründung hatte man sich erste Gebrauchszeichen gesichert, einen Anker und einen nach oben gerichteten Pfeil (Der Markenschutz 1, 1875, 12). Das Sortiment der Firma war breit gefasst, umgriff anfangs vor allem Besteck, Kannen und Metalltöpfe, dann auch ein wachsendes Sortiment von Tafelgerätschaften: Menagen, also Salz-, Pfeffer- und Ölbehälter, Likörbecher, Butterschalen, Geleegläser und vieles andere mehr (Deutscher Reichsanzeiger 1909, Nr. 266, 1; Sprechsaal 45, 1912, 417, 492, 523). Britanniametall aus Lüdenscheid und Glaswaren aus Boffzen boten eine Kombination, die gerade im Ausland erfolgreich war. Umgekehrt waren Gebr. Noelle insbesondere nach der Jahrhundertwende zunehmend von den Preisschwankungen auf den globalen Rohstoffmärkten abhängig. Die Boffzener Glashütte bildete mit ihren recht steten Gewinnen einen wichtigen wirtschaftlichen Puffer für die volatilere Lüdenscheider Firma.

Britannia- und Glaswaren von Gebr. Noelle auf dem Ehrenbürgerbrief der Stadt Lüdenscheid an Otto von Bismarck 1895 (Assmann, 2014, 1717)

Während des Ersten Weltkrieges war sie von der Wirtschaftsblockade besonders stark betroffen. Trotz neuerlicher Prosperität in der Mitte der 1920er Jahre konnte man, wie auch in Boffzen, an die großen Erfolge der Vorkriegszeit nicht vollends anknüpfen. Die Weltwirtschaftskrise traf die Metallverarbeitung mit Wucht, seit Ende der 1920er Jahre entließen Gebr. Noelle immer mehr Mitarbeiter. Auch Max Eugen Noelle, der ebenfalls Mitgesellschafter von Gebr. Noelle war (Gräber, 1929, 5), musste dem Tribut zollen. Ende Juli 1931 stellte die Mutterfirma, „früher eine der größten Lüdenscheider Firmen“ (Lüdenscheider General-Anzeiger 1931, Nr. 177 v. 1. Januar 1931) einen Stilllegungsantrag. Gebr. Noelle wurden zahlungsunfähig. Auch wenn der Konkurs abgewendet werden konnte, begann am 25. September 1931 ein Vergleichsverfahren (Lüdenscheider General-Anzeiger 1931, Nr. 227 v. 28, September, 4). Der Grund für die Malaise war bezeichnend: Die Firma hatte große Mengen Metall eingekauft, die angesichts des globalen Zollkrieges und des Preisverfalls nun massiv an Wert verloren hatten (Hagener Zeitung 1931, Nr. 235 v. 7. Oktober, 10). Die Verhandlungen mit den Gläubigern zogen sich hin, schließlich wurde Gebr. Noelle im Juni 1932 von einem Konkurrenten, der 1895 in Mettmann gegründeten Firma Seibel & Co. übernommen, jedoch unter dem alten Namen fortgeführt (Lüdenscheider General-Anzeiger 1932, Nr. 136 v. 13. Juni, 4). Richard Hermann Noelle und Fritz August Noelle wurden Geschäftsführer der neuen Firma, doch die eigentliche Macht lag bei dem Mettmanner Fabrikanten Rudolf Seibel (Lüdenscheider General-Anzeiger 1932, Nr. 125 v. 31. Mai, 8). Das sollte so bleiben.

Auch in Boffzen hatte Noelle & von Campe Anfang der 1930er Jahre die Produktion erst heruntergefahren, dann eingestellt, verkaufte einzig noch die vorhandenen Lagerbestände. Doch obwohl die alte Firma Gebr. Noelle in einem anderen Unternehmen aufging und kein Noelle-Spross – sieht man vom Noellenhof ab – mehr in Boffzen residierte, riss die Geschäftsbeziehung zwischen Weserbergland und dem märkischen Land nicht völlig ab. Mehr noch: Auch wenn die Lüdenscheider dem 1934 gegründeten Verein zur Wiederinbetriebnahme der darniederliegenden Glashütte nicht beigetreten waren, zeichneten sie Ende Juni 1934 doch einen Anteil von 1.000 RM zur Stützung des Neubeginns (Kassenbuch der Firma Noelle & von Campe, ca. 1926 bis 1940). Dadurch wurden die Lieferbeziehungen gestärkt, musste sich die Firma nicht abermals gänzlich neue Lieferanten für die Glaswaren suchen. Die Fachzeitschrift für Glas, Porzellan und Steingut „Die Schaulade“ erlaubt nähere Einblicke (Schlesische Digitale Bibliothek).

Im Dienst der neuen Zeit: Einblicke in das Sortiment (Die Schaulade 13, 1937, 164)

Gebr. Noelle waren auch unter neuer Leitung ihrem Kernsortiment treu geblieben, erweiterten dies aber während des Nationalsozialismus. Die Firma passte sich an, nicht nur wegen des Hakenkreuzes auf der oben angezeigten Signalpfeife. Und offenkundig wuchs die Firma seit Mitte der 1930er Jahre wieder: Hatte man anfangs Räumlichkeiten für den Reichsluftschutzbund kostenlos zur Verfügung gestellt, benötigte man sie 1936 für die wachsende Produktion (Westfälische Landeszeitung 1934, Nr. 280 v. 12. Oktober, 7; Lüdenscheider General-Anzeiger 1936, Nr. 47 v. 25. Februar). Parallel zu den hier vorgestellten Anzeigen wurde 1937 der alte Mittelbau der Firma durch einen größeren Neubau ersetzt (Westfälische Landeszeitung 1937, Nr. 152 v. 3. Juli, 3).

Neue Aufträge aus Lüdenscheid: Eintrag im Kassenbuch von Noelle & von Campe am 29. Juni 1934 (Kassenbuch, Freundeskreis Glas, 236)

Dies deckt sich mit den Aufträgen, die aus Lüdenscheid in Boffzen eingingen: War die Familie Noelle auch nicht mehr Eigentümer sowohl der Metallwarenfabrik als auch der Glashütte – die neuen Besitzer kauften weiterhin Gas aus Boffzen. Das zeigen die handschriftlichen Notizen im einzigen der Aktenvernichtung bei Noelle + von Campe entgangenen Auftragsbuch, das von Oktober 1935 bis Oktober 1936 reicht. Die Glashütte lieferte Streuer, Essig- und Ölkaraffen, Senftöpfe, Taschenflaschen für Hochprozentiges, Spuckflaschen für Tuberkulose-Kranke (den blauen Heinrich), ab und zu auch eine Siphon-Flasche. Man hielt also fest am gemeinsamen Erfolgssortiment aus kaiserlichen Zeiten. Dazu kamen Aufträge, die Gebr. Noelle an die Glashütte vermittelte. Die Rechnungen gingen an die Lüdenscheider, die Ware aber wurde von Boffzen an Dritte geliefert – etwa an Abnehmer für Pillengläser und Parfümflaschen. Der Gesamtwert der Bestellungen war für die Existenz und den Fortgang von Noelle & von Campe unverzichtbar: Gebr. Noelle rangierten 1935/36 unter den drei größten Auftraggebern der Glashütte. Molkereien bildeten die zweite, die Lübecker Molkereimaschinenfabrik H. Christian Radbruch die dritte Säule. In Boffzen entstanden neben dem breitgefächerten Sortiment für Gebr. Noelle demnach vorwiegend einfache Milchflaschen sowie Milchflaschen mit Spezialverschlüssen.

Stahlbesteck mit freundlichem Glanz und ein neues Kinderbesteck (Die Schaulade 13, 1937, 240 (l.); 369)

Blicken wir genauer auf das Angebot von Gebr. Noelle: Im Zentrum stand nach wie vor Besteck. Allerdings handelte es sich nicht mehr um Britanniametalle, sondern um Stahl- oder Neusilberwaren. Anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums hieß es 1939: „Britannia ist längst ‚ad acta‘ gelegt. Der Silberglanz vergangener Zeit ist wesentlich verfeinert worden. Neue Metalle und neue Verfahren haben Bestecke entstehen lassen, deren Gebrauchswert echtem Silber gleichkommt, und die sich neben ihm recht gut sehen lassen können“ (125 Jahre Gebr. Noelle, Lüdenscheid i. Westfalen 1939, s.p.). Zinn war angesichts des Vorrangs von Wehrwirtschaft und Aufrüstung für Haushaltswaren eine Seltenheit geworden. Die neuen Bestecke waren „sachlich“ gehalten, im funktionalen Stil der NS-Zeit. Seit 1933, hieß es im Jubiläumsprospekt, habe sich die Anzahl der Beschäftigten in Lüdenscheid mehr als verdoppelt.

Vom Glasrohling zur Menage: Links gepresstes Glas aus Boffzen, rechts ein fertiges Set aus Lüdenscheid (Foto v. Andreas Krukemeyer (l.); 125 Jahre Gebr. Noelle, 1939, s.p.)

Weiterhin wichtig waren Menagen, die nicht nur im Haushalt vielfach unverzichtbaren Beistellsets für Salz oder Zucker, Pfeffer oder deutsche Gewürze, Soßen und Würzen, Essig oder dem damals eher seltenen Speiseöl. Menagen bildeten ein Wachstumsmarkt, denn neben den Gaststätten nahm insbesondere die Zahl der Kantinen in Betrieben, beim Reichsarbeitsdienst und in der Wehrmacht rasch zu. Lager jeder Art verlangten Haushaltsgerätschaften – und Gebr. Noelle bot solche an. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war ein Drittel der Deutschen auf diese Gemeinschaftsverpflegung angewiesen. Sie waren entsprechend die am häufigsten bestellte Warengruppe aus der Boffzener Glashütte.

Noelle-Menagen für den Tisch daheim und außerhaus (Die Schaulade 13, 1937, 24)

Andere Anzeigen unterstrichen den Formwandel der Noelleschen Offerten: Neben schlichten, einfach zu reinigenden Glas-Metallwaren lieferte man auch noch ältere, stärker verspieltere Varianten. Der Anker aber kennzeichnete weiterhin das sich stets häutende, stets erneuernde Angebot.

Unterschiedliche Menagen aus Lüdenscheid (Die Schaulade 13, 1937, 208)

Es ist daher nicht überraschend, dass Gebr. Noelle auch Neuigkeiten bewarb. Während der ebenfalls nicht nur für Familienhaushalte gedachte Ausgießer sicher schon länger im Angebot war, handelte es sich beim „Knips“ um einen neuen Löffelaufsatz, den man gleichermaßen bei Kaffee und Tee nutzen konnte.

Ein bewährter Ausgießer und ein neuer Teebrühwürfel (Die Schaulade 13, 1937, 480 (l.), ebd., 514)

Die einst in Boffzen direkt tätige Firma produzierte auch in den Folgejahren Besteck und Tischgerätschaften, deckte zudem den Wachstumsmarkt für Wanderungen, Märsche und Außer-Haus-Verpflegung ab.

Stand der Gebr. Noelle auf der Leipziger Messe 1938/39: Besteck und Haushaltwaren dominieren, in der Mitte aber Glas aus Boffzen (125 Jahre Gebr. Noelle, 1939, s.p.)

Nach Kriegsbeginn 1939 entwickelte sich das Sortiment in Richtung Kriegsbedarf fort. Das galt später auch für Noelle & von Campe, deren Produktion von Einkochgläsern ja Teil der Ende 1936 einsetzenden „Erhaltungsschlacht“ war, dem Einmachen aller Lebensmittel, dem allumfassenden „Kampf dem Verderb“. Ab 1944 markierten dann Glasminen die direkte Integration der Boffzener Glashütte in der Kriegswirtschaft.

„Ausrüstungsgegenstände“: Metallverarbeitung während des Zweiten Weltkrieges (Westfälische Landeszeitung 1941, Nr. 32 v. 2. Februar, 11)

Als unverzichtbarerer Kunde hatte Gebr. Noelle weiterhin einigen Einfluss auf die Produktion in Boffzen. Doch sie waren zugleich Gesellschafter, wenngleich mit der kleinsten möglichen Stückelung. An den Gesellschafterversammlungen nahmen sie allerdings während der NS-Zeit in der Regel nicht teil. Die überlieferten Protokolle erwähnten einzig im März 1948 Johannes Seibel und Fritz August Noelle, schon 1949 übertragen sie ihr Stimmrecht bereits wieder anderen (Protokolle der Gesellschafterversammlungen 1935 bis 1986). Die Geschäftsbeziehungen zwischen Boffzen und Lüdenscheid liefen derweil weiter.

Uwe Spiekermann und Stefanie Waske

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