Die Boffzener Glasindustrie offiziell – Auszüge aus dem Deutschen Reichsanzeiger 1874-1944

Glas ist ein Gemenge gar unterschiedlicher Rohmaterialien. Erst in rechter Kombination und nach kundiger Verarbeitung ergeben sie ein glänzend-schimmerndes Produkt, das von der Könnerschaft des Herstellers zeugt. Geschichte ist ähnlich beschaffen. Es bedarf breiter Kenntnisse und Erfahrungen, um aus dem Material, um aus gar unterschiedlichen Quellen eine Einheit zu schaffen, eine die trägt und Erklärungswert hat. Entsprechend ist es eine wichtige Aufgabe des Freundeskreises Glas, einschlägige Quellen zu sichten und zu sichern. Eine wichtige Grundlage bieten dabei offizielle Quellen, solche amtlicher Natur: Vor Gericht, auf dem Amt, im Vertrag wird Tacheles geredet, nicht schwadroniert. Einschlägige amtliche Quellen bilden daher wichtige Referenzpunkte für jede tiefergehende historische Arbeit – doch sie sind im Regelfall breit zerstreut, finden sich in staatlichen und privaten Archiven, in mehr oder minder geordneten Sammlungen. Und doch: Es gibt eine wichtige Ausnahme, den Deutschen Reichsanzeiger.

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Titelvignette des Deutschen Reichs-Anzeigers (DRA) 1900

Dabei handelt es sich um eine ab 1819 in Preußen als Allgemeine Preußische Staatszeitung begonnene amtliche Zeitung, deren Hauptaufgabe es war, die Verwaltung des Königsreichs über die einschlägigen Verordnungen und Personalnachrichten zu informieren. Die mehrfach umbenannte Zeitung ging 1871 in den Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staatsanzeiger auf und erschien ab November 1918 als Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger. Die Zeitschrift besteht auch heute noch, nämlich als Bundesanzeiger. Der Deutsche Reichsanzeiger begann als überschaubare Zeitung, legte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch an Umfang deutlich zu, spiegelte damit die Verrechtlichung und Bürokratisierung des Alltagslebens. Handelsregistereintragungen, Konkursnachrichten, Gebrauchsmuster und Patentanmeldungen, Zwangsvollstreckungen und Steckbriefe finden sich darin – auch alle im Ersten Weltkrieg verletzten und gefallenen Soldaten aus Boffzen und selbst die vergebliche Suche des Holzmindener Amtsanwaltes nach dem 1853 in Boffzen geborenen Glasmachers Carl Wilhelm Heinrich Nolte, der 1883 auswanderte, ohne sich zuvor als Ersatzreservist bei der Militärbehörde ordnungsgemäß abzumelden (DRA 1883, Nr. 54 v. 3. März, 5; ebd. Nr. 66 v. 17. März, 6).

Der Deutsche Reichsanzeiger ist ein Monument preußischer und deutscher Bürokratie – und als solches hat es einen Umfang angenommen, der per Hand kaum zu bewältigen ist. Seit kurzem liegt jedoch eine digitalisierte Version vor, die ein Blättern am heimischen Schreibtisch erlaubt, zudem eine Volltextsuche anbietet. Fürwahr, ein monumentales Unterfangen, für das man Dank sagen muss.

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Leider spiegelt die Digitalisierung des Deutschen Reichsanzeigers jedoch die gängige Rückständigkeit dieses Landes: Der Aufwand war immens, doch das Resultat ist halbbacken. Die Texterfassung selbst ist ungleich, Teile des Textes sind verwischt, verwackelt und schon im Scan schlecht oder gar nicht lesbar. Die digitale Lesbarkeit dieser dann mit einer OCR-Technologie bearbeiteten Scans ist bestenfalls mittelmäßig zu nennen – auch wenn die beauftragte Firma mehrere Durchgänge gefahren hat, um das Ergebnis zu verbessern. Nach meiner gewiss groben Schätzung ist etwa die Hälfte der Firmen- oder Personennamen unmittelbar lesbar. Durch die Kombination verschiedener Suchworte kann man das Ergebnis allerdings verbessern. „Noelle & von Campe“ ist eben komplexer als „Noelle“ oder „Campe“ – wenngleich dann die Zahl der einzusehenden Fundstellen rasch hochschnellt. Um allen Glasfreunden mühselige Kärrnerarbeit zu ersparen, finden Sie nun nachfolgend zentrale Ergebnisse meiner Recherchen nach der Geschichte der Boffzener Glasindustrie. Beibehalten habe ich die natürlich andere Schreibweise, auch originale Fettungen. Die Auszüge setzen erst nach der Reichsgründung 1871 ein, war Boffzen und der Landkreis Holzminden doch Teil des selbständigen Herzogtums Braunschweig. Sie enden offiziell 1945, doch es wird an einer Digitalisierung auch des Bundesanzeigers gearbeitet. Festzuhalten ist, dass die halbgare Digitalisierung leider ein nur lückenhaftes Bild erlaubt. Das gilt weniger für die Handelsregistereinträge als für die hier nur teilweise erfassten Patentanmeldungen und Warenzeichen. Bewahrt man dies im Hinterkopf, so bieten die folgenden Quellenauszüge gleichwohl ein solides Fundament für weitergehende Untersuchungen. Zugleich laden sie ein, die nach wie vor beträchtlichen Lücken in unserem Wissen über die Boffzener Glasindustrie weiter zu schließen.

Noelle & von Campe

Handelsregistereinträge

Zu den Boffzener Pionierunternehmen s. Uwe Spiekermann und Stefanie Waske, Wagemut und Kapitalmangel – Die Anfänge der Boffzener Glasindustrie 1866-1874

1874, 22. Dezember:

Braunschweig, Herzogliches Handelsgericht: „Aus der zwischen dem Kaufmanne Heinrich Schmidt und dem Oekonomen August von Campe, Beide auf der Steinbreite bei Höxter, unter der Firma: Schmidt & Co., Glasfabrik Steinbreite bei Höxter bestandenen offenen Handelsgesellschaft ist der gen. Kaufmann Schmidt ausgeschieden, an dessen Stelle aber sind die Kaufleute Heinrich Noelle und August Noelle, Beide zu Lüdenscheid, seit dem 1. Oktober d. Js. eingetreten, welche das Handelsgeschäft in Gemeinschaft mit dem Oekonomen von Campe in offener zur Glasfabrik Steinbreite (Gem. Bezirk Boffzen) domicilirten Handelsgesellschaft jedoch unter der neuen Firma: Noelle & von Campe fortsetzen. Die sämmtlichen Aktive und Passiva der erstgenannten Firma sind auf die neue Firma übergegangen. Zugleich ist dem Kaufmanne Hermann Noelle zu Höxter von dem Inhaber der letztgenannten Firma für diese Prokura ertheilt. Demgemäß ist die erstgenannte Firma im Handelsregister für den Amtsgerichtsbezirk Holzminden Fo. 37 gelöscht, dagegen die letztgenannte Firma, sowie die dem Kaufmanne Noelle ertheilte Prokura in dasselbe Register Fol. 44 eingetragen.“ (DRA 1875, Nr. 3 v. 5. Januar, 6)

1888, 30. Mai:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist bei der daselbst Seite 44 eingetragenen Firma Noelle & von Campe heute vermerkt, daß dem Kaufmann Max Eugen Noelle zur Steinbreite bei Höxter für die genannte Firma Prokura ertheilt ist.“ (DRA 1888, Nr. 144 v. 5. Juni, 12)

1890, 14. April:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „In das hiesige Handelsregister ist Fol. 44 bei der Firma Noelle & von Campe eingetragen: Laut Anzeige vom 15./27. März 1890 ist der Antheil des verstorbenen Fabrikanten Heinrich Noelle zu Lüdenscheid an dem offenem Handelsgeschäfte durch Erbgang auf seine Söhne Hermann Wilhelm Noelle und Gustav Adolf Noelle zu Lüdenscheid übergegangen und wird das Handelsgeschäft von diesen und den Mitgesellschaftern August Noelle in Lüdenscheid und August von Campe zu Steinbreite bei Boffzen unter des bisherigen Firma fortgeführt. Ferner ist daselbst die dem Kaufmann Hermann Noelle zu Höxter unterm 22. Dezember 1874 ertheilte Prokura gelöscht.“ (DRA 1890, Nr. 96 v. 18. April, 12)

1899, 6. Oktober:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist Fol. 44 bei der Firma Noelle & von Campe eingetragen: Laut Anmeldung vom 16. v. Mts. und vom heutigen Tage ist der Kaufmann August Noelle in Lüdenscheid aus der Gesellschaft ausgetreten und sind seine beiden Söhne, der Kaufmann und Fabrikant Max Eugen Noelle in Brückfeld bei Boffzen und der Kaufmann und Fabrikant Walther Noelle in Lüdenscheid, als neue Gesellschafter eingetreten. Die dem Kaufmann Max Eugen Noelle ertheilte Prokura ist gelöscht.“ (DRA 1899, Nr. 242, 10)

1901, 31. Mai:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist Fol. 44 bei der Firma Noelle & von Campe in Boffzen eingetragen: Der Fabrikant August von Campe ist durch Tod aus der Gesellschaft ausgeschieden, und an seiner Stelle ist sein Sohn, Fabrikant Otto von Campe zu Brückfeld b. Boffzen, mit dem 1. Mai 1901 als Gesellschafter eingetreten.“ (DRA 1901, Nr. 132 v. 6. Juni, 10)

1912, 9. April:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister A Fol. 44 ist bei der Firma Noelle & von Campe in Boffzen folgendes eingetragen: Der Gesellschafter Hermann Wilhelm Noelle [ist] durch Tod aus der Gesellschaft ausgeschieden. [An] seine Stelle ist der Kaufmann und Fabrika[nt] Richard Hermann Noelle in Lüdenscheid eingetrete[n].“

1922, 30. Mai:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist heute bei der Firma Noelle & von Campe zu Boffzen eingetragen, daß der Kaufmann und Fabrikant Kommerzienrat Gustav Adolf Noelle aus der Gesellschaft ausgeschieden ist. Der Kaufmann und Fabrikant Adolf Leonhard Noelle zu Lüdenscheid ist als persönlich haftender Gesellschafter in die Gesellschaft eingetreten.“ (DRA 1922, Nr. 137 v. 15. Juni, 18)

1931, 16. April:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister A ist bei der Fa. Noelle & von Campe zu Boffzen-Brückfeld heute eingetragen, daß der Kaufmann Adolf Leonhard Noelle aus der Gesellschaft ausgeschieden ist.“ (DRA 1931, Nr. 98 v. 28. April, 10)

1933, 22. Februar:

Amtsgericht Holzminden: „Im hiesigen Handelsregister A ist am 22. 2. 1933 bei der Fa. Noelle & v. Campe, off. Handelsges., zu Boffzen eingetragen, daß die Gesellschaft aufgelöst ist. Der bisherige Mitgesellschafter Walter Noelle ist der alleinige Liquidator der Gesellschaft.“ (DRA 1933, Nr. 57 v. 8. März, 9)

1933, 9. März:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister B ist am 9. 3. 1933 die Firma Noelle & v. Campe, Glashütte, GmbH., mit dem Sitz zu Brückfeld-Boffzen a. Weser, eingetragen. Gesellschaftsvertrag vom 7. 2. 1933. Gegenstand des Unternehmens ist die technische und handelsgeschäftliche Auswertung einer Glashütte. Die Gesellschaft hat einen oder mehrere Geschäftsführer. Zum Geschäftsführer ist der Kaufmann Otto von Campe in Boffzen a. Weser bestellt. Der Geschäftsführer vertritt die Gesellschaft in allen gerichtlichen und außergerichtlichen Angelegenheiten. Sind mehrere Geschäftsführer bestellt, so wird die Gesellschaft durch 2 Geschäftsführer oder durch einen Geschäftsführer und einen Prokuristen vertreten. Stammkapital: 21.700 RM.“ (DRA 1933, Nr. 67 v. 20. März, 10)

1934, 5. Mai:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister B ist bei der Fa. Noelle & v. Campe, GmbH. in Brückfeld-Boffzen a. d. Weser, eingetragen: a) Am 5. 5. 1934: Der bisherige Geschäftsführer Otto von Campe ist abberufen. An seine Stelle ist der Betriebsleiter Eduard Künzl in Boffzen-Brückfeld zum Geschäftsführer bestellt. Zum Prokuristen der Gesellschaft ist der Buchhalter Julius Crummenerl in Boffzen-Brückfeld bestellt.“ (DRA 1934, Nr. 300 v. 27. Dezember, 12)

1934, 10. Dezember:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister B ist bei der Fa. Noelle & v. Campe, GmbH. in Brückfeld-Boffzen a. d. Weser, eingetragen: […] b) Am 10. 12. 1934: Das Stammkapital ist durch Beschluß der Gesellschaft vom 4. 5. 1934 von 21.700,– RM auf 126.000 Reichsmark erhöht. Durch gleichen Beschluß ist § 4 des Ges.-Vertr. (Stammkapital) geändert. §§ 5–15 sind aufgehoben und durch §§ 5–14 ersetzt.“ (DRA 1934, Nr. 300 v. 27. Dezember, 12)

1944, 16. September:

„H.-R. B II 5 Noelle & von Campe, Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Brückfeld-Boffzen. Die Prokura des Buchhalters Julius Crummenerl, Boffzen, ist erloschen.“ (DRA 1944, Nr. 217 v. 26. September, 1)

 

Gebrauchsmuster

1880, 31. Mai:

Anmeldung am 19. Mai 1880, erteilt am 31. Mai 1880: „1 Paket mit 2 Mustern für Bierseidel und Glas, Muster für plastische Erzeugnisse, Fabriknummern 13911 und 14011, Schutzfrist 3 Jahre“ (DRA 1880, Nr. 130 v. 5. Juni, 7)

1909, 11. Januar:

Anmeldung Gruppe 64a Nr. 365.089 Konserven- u. dgl. Gefäß (N. 8213) (DRA 1909, Nr. 39 v. 15. Februar, 18)

1911, 3. November:

Verlängerung der Schutzfrist (gegen Zahlung von 60 M) Gruppe 64a Nr. 365.089 Konserven- u. dgl. Gefäß. Beantragt am 11. Januar 1909, Gebühr bezahlt am 3. November 1911 (N. 8213) (DRA 1911, Nr. 279 v. 27. 11, 15)

Verlängerung der Schutzfrist (gegen Zahlung von 60 M) Gruppe 64a Nr. 365.098 Konserven- u. dgl. Gefäß. Beantragt am 13. Januar 1909, Gebühr bezahlt am 3. November 1911 (N. 8219) (DRA 1911, Nr. 279 v. 27. 11, 15)

1927, 3. September:

Anmeldung eines Vogelbadehauses, Fabriknummer 10, Schutzfrist drei Jahre, am 2. September 1927 (DRA 1927, Nr. 215 v. 14. September, 5)

 

Warenzeichen

[NC., B. und Anker] Braunschweig, Herzogliches Handelsgericht – Warenzeichen für weißes und farbiges Hohlglas, Preßglas und gehärtetes Glas. Angemeldet am 25. Oktober 1875, erteilt am 5. Januar 1876 (DRA 1876, Nr. 22 v. 25. Januar, 9)

03_Deutscher Reichsanzeiger_1876_01_25_Nr022_p09_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Warenzeichen_NC_Anker_B

[Anker] (Klasse 29, Nr. 37.141, N. 1025) – Bildzeichen für weißes und farbiges Hohlglas, Preßglas und gehärtetes Glas, mit Ausschluss von Flaschen und Flacons. Angemeldet am 12. August 1898, erteilt am 12. April 1899 (DRA 1899, Nr. 103 v. 2. Mai, 13)

04_Deutscher Reichsanzeiger_1899_05_02_Nr103_p13_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Bildzeichen_Anker

Dr. Dettweiler (Klasse 29, Nr. 39.919, N. 1178) – Taschenflaschen für Hustende. Angemeldet am 8. Mai 1899, erteilt am 27. September 1899 (DRA 1899, Nr. 252, 9)

05_Deutscher Reichsanzeiger_1899_Nr252_p09_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Bildzeichen_Dr-Dettweiler

[Pfeil] (Klasse 29, Nr. 44.154, N. 1282) – Bildzeichen für Kinder-Saugflaschen. Angemeldet am 16. November 1899, erteilt am 6. Juni 1900 (DRA 1900, Nr. 156 v. 3. Juli, 12)

06_Deutscher Reichsanzeiger_1900_06_06_Nr156_p12_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Bildzeichen_Pfeil

Steuerrad (Klasse 29, Nr. 132.222, N. 5203) – Warenzeichen für weißes und farbiges Hohlglas, Pressglas und gehärtetes Glas. Angemeldet am 11. Mai 1910, erteilt am 7. Juli 1910 (DRA 1910, Nr. 167 v. 19. Juli, 14)

07_Deutscher Reichsanzeiger_1910_07_19_Nr167_p14_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Warenzeichen_Steuerrad

Steuerrad (Klasse 29, Nr. 133.681, N. 5202). Bildzeichen für weißes und farbiges Hohlglas, Pressglas und gehärtetes Glas. Angemeldet am 11. Mai 1910, erteilt am 29. August 1910 (DRA 1910, Nr. 212 v. 9. September, 17)

08_Deutscher Reichsanzeiger_1910_09_09_Nr212_p17_Glasindustrie_Noelle-von-Campe_Boffzen_Bildzeichen_Steuerrad

Patente

Verschluss für Konservenbüchsen – Angemeldet am 22. Juni 1879 von Noelle & von Campe (Nr. 8373) (DRA 1879, Nr. 265 v. 11. November, 6)

Verschluss für Konservenbüchsen – Kl. 64, Nr. 19777, Vergabe an Noelle & v. Campe (DRA 1879, Nr. 184 v. 8. August, 3)

Verschluss für Senfbüchsen – Anmeldung am 7. Mai 1880 von Noelle & von Campe (Nr. 6021, Zusatz zu P. R. Nr. 8373, Kl. 64) (DRA 1880, Nr. 106 v. 7. Mai, 8)

Verschluss für Senfbüchsen – Erteilt am 15. Februar 1880 an Noelle & von Campe (Nr. 11782, I. Zusatz zu P. R. 8373) (DRA 1880, Nr. 239 v. 11. Oktober, 7)

Glasblasemaschine – „J.A. Widmer in Berlin, Admiralstr. 19, Hof I. und die Firma Noelle & von Campe in Glashütte Brückfeld, Stat. Fürstenberg a. Weser.“ Erteilt am 4. September 1891 (Klasse 32, Nr. 63.849) (DRA 1892, Nr. 149 v. 27. Juni, 11)

Glaspreß- und Blasform – „Jacob Adolf Widmer in Berlin N., Ackerstraße 133, und die Firma Noelle & von Campe in Glashütte Brückfeld, Station Fürstenberg, Weser.“ Erteilt am 14. November 1891 (W. 8009) (DRA 1892, Nr. 224 v. 22. September, 7)

Glaspreß- und Blasform – „J. A. Widmer in Berlin N., Ackerstr. 133, und die Firma Noelle & von Campe, Glashütten Brückfeld, Station Fürstenberg, Weser.“ Erteilt am 15. November 1891 (Klasse 32, Nr. 66.918) (DRA 1893, Nr. 1 v. 2. Januar, 8)

Konservengefäß – Erteilt am 18. Juni 1910 an Noelle & von Campe (Klasse 64a, Nr. 427.756, N. 9845) (Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 160 v. 11. Juli, 14)

Saugflasche – Erteilt am 1. Februar 1911 an Noelle & von Campe (Klasse 30g, Nr. 454.159, N. 10.501) (DRA 1911, Nr. 62 v. 13. März, 19)

 

Aufgebote

1927, 25. August:

Holzminden, Amtsgericht: „Die Handelsgesellschaft Noelle & von Campe, Boffzen, Glasfabrik, Steinbreite bei Höxter, hat das Aufgebot des Hypothekenbriefes über die im Grundbuch von Boffzen Band II Bl. 9 Abt. III Nr. 1 für die Arbeiterkrankenkasse der offenen Handelsgesellschaft Noelle & von Campe, Boffzen, Glasfabrik, Steinbreite bei Höxter, eingetragene Hypothek von 10.000 RM beantragt. Der Inhaber der Urkunde wird aufgefordert, spätestens in dem auf den 19. März 1928, vormittags 9½ Uhr, vor dem unterzeichneten Gericht anberaumten Aufgebotstermin seine Rechte anzumelden und die Urkunde vorzulegen, widrigenfalls die Kraftloserklärung der Urkunde erfolgen wird.“ (DRA 1927, Nr. 208 v. 6. September, 12)

1928, 19. März:

„Durch Ausschlußurteil vom 19. März 1928 ist der Hypothekenbrief über die im Grundbuche von Boffzen Bd. II Bl. 9 Abt. III Nr. 1 für die Arbeiterkrankenkasse der offenen Handelsgesellschaft Noelle & von Campe, Boffzen, Glasfabrik Steinbreite b. Höxter, eingetragene Hypothek von 10.000,– RM für kraftlos erklärt.“ (DRA 1928, Nr. 83 v. 6. April, 3)

 

Becker & Co.

Handelsregistereinträge

1875, 27. Juli:

Braunschweig, Herzogliches Handelsgericht: „Auf Anmeldung ist im Handelsregister für den Amtsgerichtsbezirk Holzminden auf Seite 21 bei der Firma: G. Becker & Co. zu Neuhaus vermerkt, daß das Geschäft von dem bisherigen Geschäftsführer Georg Becker zu Neuhaus an seine Söhne, die bisherigen Prokuristen Carl Becker und Wilhelm Becker daselbst, welche dasselbe als offene Handelsgesellschaft fortbetreiben werden, übertragen ist.“ (DRA 1875, Nr. 175, 5)

1887, 28. Dezember:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „In dem hiesigen Handelsregister ist am heutigen Tage Fol. 21 vermerkt, daß die daselbst eingetragene, zwischen den Kaufleuten Carl Becker und Wilhelm Becker zu Neuhaus unter der Firma G. Becker & Co. mit dem Sitze zu Neuhaus und mit einer Zweigniederlassung zu Rottmünde und Georgshütte bestandene offene Handelsgesellschaft durch gegenseitige Vereinbarung der Gesellschafter mit dem gestrigen Tage aufgelöst ist, und daß das Geschäft der Haupt- und Zweigniederlassungen unter der bisherigen Firma vom Mitgesellschafter Wilhelm Becker auf alleinige Rechnung unter Uebernahme sämmtlicher Aktive und Passiva fortgeführt wird.“ (DRA 1888, Nr. 1 v. 2. Januar, 10)

1888, 23. Juni:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist bei der daselbst eingetragenen Firma: G. Becker & Co zu Neuhaus heute eingetragen, daß dem Kaufmann Otto Klapprodt zur Georgshütte bei Boffzen für genannte Firma Prokura ertheilt worden ist.“ (DRA 1888, Nr. 166 v. 27. Juni, 9)

1902, 3. Februar:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist heute bei der Firma G. Becker & Co. zu Neuhaus eingetragen, daß die Zweigniederlassung in Rottmünde aufgegeben und deshalb gelöscht und daß auf der Georgshütte b. Boffzen eine Zweigniederlassung errichtet ist.“

1902, 27. Februar:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist heute bei der unter Nr. 20 eingetragenen Firma G. Becker & Co. zu Neuhaus vermerkt, daß die Zweigniederlassung auf Georgshütte b. Boffzen gelöscht und die dem Kaufmann Otto Klapproth [sic!, US] auf Georgshütte b. Boffzen ertheilte Prokura erloschen ist.“ (DRA 1902, Nr. 59 v. 10. März, 19)

1902, 9. Mai:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „In das hiesige Handelsregister ist heute bei der Firma G. Becker & Co zu Georgshütte b. Boffzen eingetragen, daß dem Buchhalter Otto Klapprodt zu Georgshütte b. Boffzen Prokura ertheilt ist.“ (DRA 1902, Nr. 114 v. 16. Mai, 14)

1904, 10. Dezember:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „In das hiesige Handelsregister ist heute bei der Firma G. Becker & Co. zu Georgshütte b. Boffzen Fol. 222 in der Spalte „Erlöschen der Prokuren“ folgendes eingetragen: Die dem Buchhalter Otto Klapprodt erteilte Prokura ist erloschen.“ (DRA 1904, Nr. 296 v. 16. Dezember, 16)

1907, 22. Januar:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist heute der Dr. phil. Arno Becker in Neuhaus i. Solling als alleiniger Inhaber der Firma G. Becker & Co in Neuhaus i. Solling eingetragen.“ (DRA 1907, Nr. 29 v. 31. Januar, 19)

1914, 11. August:

Holzminden, Herzogliches Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister A ist unter Nr. 216 bei der Firma G. Becker & Co auf Georgshütte bei Boffzen heute folgendes eingetragen: Dem Buchhalter Otto Höve zu Georgshütte bei Boffzen ist Prokura erteilt.“ (DRA 1914, Nr. 195, 9)

1922:

DESAG-Prospekt 1925: „Von den übrigen M 6.000.000 neuen Stammaktien, […] dienten M 250.000 zum Erwerb der bisher als offene Handelsgesellschaft unter der Firma Becker & Co. in Neuhaus betriebenen Glashütte.“ (DRA 1925, Nr. 69 v. 23. März, 9)

1927, 4. Januar:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handels ist eingetragen: Dr. Becker & Co. G.m.b.H., Tafelglashütte, Neuhaus i. Solling, Sitz das. laut Gesellschaftsvertrag vom 3. 12. 1926. Zweck: Erwerb der Grundstücke der Spiegelglas-A.-G. Freden das. und Betrieb einer Tafelglashütte. Geschäftsführer: Dr. Arno Becker in Neuhaus und Christian Lauritzen in Einbeck, jeder selbständig vertretungsberechtigt. Stammkapital: 45.000 RM mit voll eingezahlten Einlagen von 20-, 10- und 15.000 RM. Prokurist: Ehefrau Dr. Becker in Neuhaus.“ (DRA 1927, Nr. 11 v. 14. Januar, 11)

1927, 21. Februar:

Holzminden, Amtsgericht: „Im hiesigen Handelsregister ist bei der Fa. Deutsche Spiegelglas-A. G. Betrieb Neuhaus, Hauptniederlassung Kl. Freden, Zweigniederlassung Neuhaus i. Soll., eingetragen, daß die Prokura des Dr. Arno Becker in Neuhaus und die Zweigniederlassung der Deutschen Spiegelglas-A. G. Betrieb Neuhaus, nachdem der Betrieb eingestellt sind.“ (DRA 1927, Nr. 57 v. 9. März, 10)

1938, 18. August:

Holzminden, Amtsgericht: „H.-R. A III 19 Fa. G. Becker & Co., Georgshütte b. Boffzen. Das Geschäft ist durch Vertrag vom 25. 7. 1938 mit allen Aktiven und Passiven auf den Fabrikbesitzer Karl August Becker in Boffzen übergegangen.“ (DRA 1938, Nr. 199 v. 27. August, 9)

 

Gebrauchsmuster

1937, 23. November:

Holzminden, Amtsgericht: „In das Musterregister ist am 23. 11. 1937 für die Firma G. Becker & Co., Georgshütte, eingetragen: Versiegeltes Paket, enthaltend 1 Muster für Glasschule Fabrikbezeichnung ‚Ideal‘, plastisches Erzeugnis, Schutzfrist 3 Jahre, angemeldet am 19. 11. 1937, 8,10 Uhr.“ (DRA 1937, Nr. 280 v. 4. Dezember, 1)

 

Patent

Neuerungen am Verschluß von Konservebüchsen – Angemeldet von G. Becker & Co. in Rottmünde am 19. Juli 1880 (Klasse 64, Nr. 9718) (DRA 1880, Nr. 167 v. 19. Juli, 6)

 

Klage

Düsseldorf, Königliches Landgericht: „Die Firma G. Becker & Co. in Neuhaus bei Holzminden, Prozeßbevollmächtiger: Rechtsanwalt Justizrat Dr. Busch in Düsseldorf, klagt gegen die Eheleute Paul Legrand, früher in Düsseldorf, jetzt ohne bekannten Wohn- und Aufenthaltsort, auf Grund der von den Beklagten akzeptierten Wechsel vom 15. April 1913, fällig am 15. Juli 1913, mit dem Antrag auf Zahlung von 1456,56 M nebst 6% Zinsen und 24,32 M Kosten. Die Klägerin ladet die Beklagten zur mündlichen Verhandlung des Rechtsstreits vor die 2. Kammer für Handelssachen des Königlichen Landgerichts in Düsseldorf auf den 30. September 1913, Vormittags 10 Uhr, mit der Aufforderung, sich durch einen bei diesem Gerichte zugelassenen Rechtsanwalt als Prozeßbevollmächtigten vertreten zu lassen.“ (DRA 1913, Nr. 183 v. 5. August, 5)

 

Uwe Spiekermann, 3. März 2021

Konsumgenossenschaften in Deutschland (und in Boffzen) – Ein Überblick

Not war der Ausgangspunkt, Selbsthilfe die Antwort. Mitte des 19. Jahrhunderts fanden sich in aufstrebenden Gewerbe- und Industrieregionen Menschen zusammen, die der Fremdversorgung durch Krämer Besseres entgegensetzen wollten. Handelnd wandten sie sich gegen überteuerte und qualitativ schlechte Lebensmittel, wollten gute Ware für ihr Geld. [1] Anfangs gingen Arbeiter und Bürger Hand in Hand, mieteten ein Ladenlokal, organisierten den Einkauf und Verkauf von Grundnahrungsmitteln. Die Konsumgenossenschaften begannen in der Provinz, in Mitteldeutschland, im Südwesten, 1891 auch im Boffzener Brückfeld. Sie waren Kinder des Liberalismus, wurden in den ersten Jahrzehnten von der aufstrebenden Sozialdemokratie und den konservativ-mittelständischen Kräften gleichermaßen bekämpft. Für die einen waren sie die weiße Salbe des Kapitalismus, der erst beseitigt werden müsse, ehe eine gerechte Welt entstehen könne. Für die anderen bedrohten die Konsumgenossenschaften die bestehende Ordnung, mit dem Handelsstand als Garanten der Alltagsversorgung, dem dafür auch ein gerechter Lohn zustehen würde. Es dauerte Jahrzehnte, ehe die seit 1850 lokal entstehenden Vereine ihre teils aus England, teils aus der deutschen Genossenschaftstradition entlehnten Prinzipen festlegten: Offene Mitgliedschaft, demokratische Verwaltung, Rückvergütung der Überschüsse nach Maßgabe des jeweiligen Einkaufs, beschränkte Verzinsung der Mitgliedseinlage, politische und religiöse Neutralität, Barzahlung beim Einkauf und Förderung der Erziehung der Mitglieder. [2] Die Konsumgenossenschaften standen gegen das Duckmäusertum der monarchischen Ordnung: In der Genossenschaft war der Mensch frei, Gleicher unter Gleichen, Schmied seines eigenen Glückes. Zugleich aber zielten sie auf eine andere, eine solidarische Produktion und einen fairen Konsum, boten damit eine Alternative zum kaum gebändigten Kapitalismus der frühen Industrialisierung.

Bauzeichnung des Gebäudes für den 1891 gegründeten Konsumverein Brückfeld (Archiv der Samtgemeinde Boffzen, unverzeichnet)

Konsumgenossenschaftsbewegung zwischen Emanzipation und Repression

Die Konsumgenossenschaften entwickelten sich bis in die 1880er Jahre nur langsam. Gründe hierfür waren nicht nur die Unerfahrenheit der Mitglieder im Handelssektor, sondern auch die rechtlichen Rahmenbedingungen: Vor dem Genossenschaftsgesetz von 1889 haftete jedes Mitglied persönlich für Verluste oder gar den Bankrott der Konsumgenossenschaft. Seither konnte die Haftung beschränkt werden. Erkauft wurde dies mit dem Verbot des Verkaufs an Nichtmitgliedern. Beides nutzte jedoch der Konsumgenossenschaftsbewegung. Seither konnten auch Arbeiter mit geringem Einkommen und wenig Besitz gefahrlos Mitglieder werden, und die Genossenschaften mussten aktiv um Mitglieder werben. Die Folge war ein rasches Wachstum der im Allgemeinen Verband Deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften organisierten Vereine: Von 1888 bis 1900 stieg deren Zahl von 198 auf 568, die der Mitglieder gar von 173.000 auf 522.000. [3] Das waren mehr als zwei Millionen Käufer, durfte damals doch nur der Haushaltsvorstand einer Familie beitreten.

Das Größenwachstum veränderte die innere Struktur der Vereine. Das tradierte Gleichgewicht von Bürgern und Arbeitern geriet ins Wanken. Arbeiter, zumal organisatorisch geschulte Kräfte aus der Gewerkschaftsbewegung, übernahmen in immer mehr Vereinen die Mehrheit. Sie aber wollten die Kraft der wachsenden Organisation nutzen, um mehr zu erreichen als billige Lebensmittel: „An die Stelle des Nutzenkalküls trat zunehmend die Vision einer von der Masse der Konsumenten getragenen Veränderung der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse.“ [4] Dazu bündelte man einerseits die Einkaufsmacht der Vereine durch die 1894 erfolgte Gründung einer in Hamburg ansässigen Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine (GEG). Anderseits nahmen insbesondere städtische Genossenschaften zuvor vielfach gescheiterte Versuche der Eigenproduktion von Brot und Backwaren, Fleisch und Fleischwaren wieder auf. Als 1899 das Hamburger Gewerkschaftskartell selbstbewusst eine neue Konsumgenossenschaft gründete, war deren Name zielbewusst Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“. Es ging nun um den Aufbau einer wirtschaftlichen und sozialen Gegenwelt: „Schaut der Arbeit Kinder geh’n / Stark und frei daher, / Schlank und rüstig, ernst und schön, / keine Krüppel mehr.“ [5]

Zentrale Einrichtungen in jeder Stadt: Verwaltung, Großhandelslager und Bäckerei des Allgemeinen Consum-Vereins Augsburg und Umgebung 1906 (Frauen-Genossenschaftsblatt 6, 1907, 101)

Damit wurden auch die bisherigen Allianzen zwischen Arbeitern und Unternehmern brüchig, die abseits der allgemeinen Konsumgenossenschaften zu zahlreichen Werkkonsumanstalten geführt hatten: 1869 gab es deren etwa sechzig, bis 1913 sollten es dreihundert werden. [6] In der Montan-, Textil-, Papier- und chemischen Industrie errichteten die Firmenleitungen für ihre Beschäftigten Läden, koppelten diese häufig mit Sparvereinen, subventionierten die Preise und gewährten Prämien für den Aufbau kleiner Rücklagen. Das war betriebliche Sozialpolitik, ein Angebot an eine loyale, und das hieß, möglichst nicht gewerkschaftlich oder sozialdemokratisch organisierte Stammarbeiterschaft. Wie der Arbeiterwohnungsbau hatten auch die Werkkonsumanstalten ein Janusgesicht. Materielle Vorteile wurden gewährt, um die Beschäftigten an das Unternehmen zu binden und zu industriefrommem Verhalten zu verpflichten. Denn der Einkauf in einer Werkkonsumanstalt gründete nicht auf einem Rechtsanspruch, sondern war eine einseitig gewährte Zusatzleistung. Am bekanntesten dürfte wohl die Kruppsche Konsumanstalt in Essen gewesen sein, die 1913 103 Verkaufsstellen hatte und mehr als 1.400 Beschäftigte. [7]

Der Brückfelder Konsumverein war allerdings anders organisiert. Bei ihm handelte es sich um eine Werkkonsumgenossenschaft. Diese wurde von der Glashütte Noelle & von Campe gefördert, war formal jedoch unabhängig. Max Eugen Noelle war eine treibende Kraft der Gründung, wirkte dann auch als Vorsitzender mit. Noelle & von Campe baute 1891 ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus, ermöglichte dadurch den Glasarbeitern einen bequemen Einkauf. Doch die Mitgliedschaft war freiwillig, war nicht begrenzt auf die Beschäftigten der Hütte. Zahlreiche Mitglieder stammten aus der Georgshütte, und auch andere Familien Boffzens reihten sich beim Einkauf ein. Der lokale Konsum war gewiss auf das Entgegenkommen der Hütten angewiesen – doch formal war er frei und vertrat im Rahmen des Allgemeinen Verbandes auch eigene Positionen. 1896 protestierte er in einer Reichstagspetition gegen die geplanten Strafbestimmungen beim Verkauf an Nichtmitglieder, wollte man doch an möglichst viele Boffzener verkaufen. [8]

Das 1896 novellierte Genossenschaftsgesetz war Teil einer breit angelegten liberal-konservativen Förderung des Mittelstandes, vornehmlich des Handwerks und des Kleinhandels. Das neue Genossenschaftsgesetz machte den Alkoholverkauf konzessionspflichtig, erließ strikte Strafbestimmungen für den Verkauf an Nichtmitglieder. Wichtiger noch waren zahlreiche Sondersteuerprojekte, mit denen das Wachstum der Konsumgenossenschaften begrenzt werden sollte. Für das Großherzogtum Braunschweig typisch waren Steuern auf breite Sortimente. Von den dortigen 83 Vereinen führten 76 Manufaktur-, 71 Eisenkurzwaren und 46 weitere Gebrauchsgüter, wie Küchenartikel oder Schuhe. Sie standen nun vor der Wahl, Sortimente einzuschränken oder hohe Steuern zu bezahlen. [9] Aus den Konsumgenossenschaften wurden so vornehmlich Lebensmittelgeschäfte. Die Behörden versuchten ferner, sie zu Einkommens- und Gewerbesteuern heranzuziehen – die Genossenschaften an sich nicht zahlen mussten, da sie keine Erwerbszwecke verfolgten. Gerade in Braunschweig war steuerliche Willkür vor dem Ersten Weltkrieg nicht unüblich, war Teil der Disziplinierung aller vermeintlichen Staatsfeinde.

Mittelständisches Pamphlet gegen neue Betriebsformen im Handel 1904 (E[mil] Suchsland, Los von den Konsumvereinen und Warenhäusern!, 8. erw. Aufl., Halle a.d.S. 1904, I)

All diese Debatten mündeten schließlich in die Spaltung der (Konsum-)Genossenschaftsbewegung. Nachdem schon vor der Jahrhundertwende eine wachsende Zahl von Beamtenkonsumvereinen sich von den allgemeinen Vereinen abgegrenzt und Sondervorteile angestrebt hatte, wurden die „Arbeiterkonsumgenossenschaften“ 1902 aus dem Allgemeinen Verband ausgeschlossen, hatten dort doch Handwerker- und Agrargenossenschaften die Mehrheit. Der 1903 gegründete Zentralverband Deutscher Konsumvereine bündelte die große Mehrzahl dieser Konsumgenossenschaften. Damit begann ein fulminantes Wachstum, das auch durch die 1908 erfolgte Neugründung des Verbandes Westdeutscher Konsumvereine nicht gebremst wurde. Als Reichsverband der Konsumvereine vertrat er ab 1913 zahlreiche Vereine aus dem Milieu der christlichen Gewerkschaften und des Katholizismus. Vor dem Ersten Weltkrieg lag der Marktanteil aller Konsumgenossenschaften bei etwa 5% im Lebensmittelsektor, deutlich über dem aller privatwirtschaftlich organisierten Filialgeschäfte. Der Konsumverein Brückfeld machte diesen Schritt in organisatorisches Neuland allerdings nicht mit. Er blieb bis zu dessen Ende Anfang der 1920er Jahre Mitglied im Allgemeinen Verband, schloss sich dann dem Konsumverein Holzminden an, wurde so Mitglied im Zentralverband. Damit war die organisatorische Abkoppelung von den Glashütten gleichsam offiziell.

Der Traum von einer anderen Konsum- und Arbeitskultur

Die organisatorische Neugründung der Konsumgenossenschaftsbewegung hatte schon zuvor zu ihrer langsamen Sozialdemokratisierung geführt. Gleichwohl wurde sie seitens der SPD erst 1910 als dritte Säule der Arbeiterbewegung anerkannt, deutlich später als seitens der freien Gewerkschaften. Obwohl der Zentralverband stets seine politische Neutralität hervorhob, waren die meisten Leitungsfunktionen von pragmatischen Sozialdemokraten besetzt. Sie konzentrierten sich auf zwei zentrale Aspekte: Materiell ging es um den Ausbau einer eigenständigen Welt des Konsums, ideell um realistisch-visionäre Ideen für eine gerechte Welt.

Zeigen, wer man ist: Erste Eigenmarken der Grosseinkaufs-Gesellschaft deutscher Consumvereine 1903 (Frauen-Genossenschaftsblatt 2, 1903, 6 (l.), ebd., 38)

Die GEG wurde zunehmend zur Dachorganisation der lokalen Konsumgenossenschaften. Sie kaufte jedoch nicht nur Waren in großen Partien, um sie billiger verkaufen zu können. Sie schuf auch eigene Handelsmarken, gab der Gegenwelt damit ein Gesicht. Moderate Fortschritte machte auch die Eigenproduktion: 1914 gab es vor Ort immerhin 238 Bäckereien, 37 Fleischereien, 35 Kaffeeröstereien, ferner Müllereien, Abfüllereien, wenige Molkereien, gar drei landwirtschaftliche Güter. [10] Parallel baute man ein konsumgenossenschaftliches Pressewesen auf. Neben wöchentlich erscheinenden Fachzeitschriften (Konsumgenossenschaftliche Rundschau, Konsumgenossenschaftliche Praxis) traten Publikumszeitschriften (Frauen-Genossenschaftsblatt resp. Konsumgenossenschaftliches Volksblatt und Die Genossenschaftsfamilie), die vor dem Ersten Weltkrieg eine wöchentliche Auflage von mehr als 700.000 Exemplaren besaßen. Sie dienten der Agitation und Unterhaltung, gaben manchen Haushaltstipp, vermittelten Warenkunde und klärten Verbraucher über ihre Rechte und Pflichten auf. All das erfolgte ein wenig von oben herab, musste die Hausfrau doch zur treuen Genossenschafterin erst erzogen werden. Und es schuf die Einsicht, die aufgrund der wachsenden Effizienz der Organisation steigenden Gewinne nicht nur jährlich an die Mitglieder auszuzahlen, sondern immer größere Anteile für Investitionen zu nutzen. Die Leitungskader bauten entsprechende Aus- und Fortbildungskapazitäten auch für die Funktionäre auf. Ausbildung und Betriebsstatistik suchten im Deutschen Reich ihresgleichen. Und 1910 setzte schließlich die zentrale Eigenfabrikation der GEG ein, die Seifen, Tabakwaren, Senf und Zündhölzer, Nudeln und Verpackungsmaterialen für alle Vereine und als einheitliche Handelsmarken herstellte.

Gegenmacht: Mitgliederwerbung während der Agitation gegen die Lebensmittelteuerung 1907 (Vorwärts 1907, Nr. 240 v. 13. Oktober, 14)

Warum dies alles? Nur für höhere Effizienz und preiswerte Waren? Nein, so die Antwort führender Theoretiker wie Heinrich Kaufmann und vor allem Franz Staudinger. „Die Genossenschaft ist der Friede“ hieß es selbstbewusst – und es war dies die Idee einer Gemeinschaft der Gleichen, die ihre materielle Lebenssituation selbstbestimmt verbesserte und sich zugleich bildete und sittlich hob. Eine Gesellschaft, in der Argumente zählten, am Ende ein vernünftiger Kompromiss stand. Man mag über diesen Idealismus spöttisch lächeln, doch war allen nur zu bewusst, dass dieses hehre Ideal in Kämpfen errungen werden musste. Die Gemeinwirtschaft sei der Profitwirtschaft überlegen, sie ziele nicht auf lautstark tönende Werbung und aggressive Marktpräsenz, sondern auf die Überzeugungskraft guter Ware, niedriger Preise und der Vision einer gerechten und wohlhabenden Gesellschaft. Wenn Sie mehr wissen wollen, lesen sie doch einfach mal nach, in den alten verstaubten Büchern und Artikeln. [11]

Mitglieder- und Umsatzbewegung der führenden Konsumvereinsverbände 1864-1930 (berechnet n. Erwin Hasselmann, Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. 1971, 705-709

Während des Ersten Weltkriegs zeigte sich, dass die Konsumgenossenschafter nicht nur von einer besseren Welt träumen konnten. Die überlegene Organisation war ein wichtiger Faktor in der Rationierung, in der Kriegsernährungswirtschaft. Die Revolution 1918 wurde von ihnen begrüßt, doch sie plädierten für Mäßigung, für eine parlamentarische Demokratie. Die Weimarer Republik beendete manche rechtliche Willkür der Vorkriegszeit, schuf jedoch keine Gemeinwirtschaft. Die Konsumgenossenschaften selbst opferten, zumal während der Inflation, große Teile ihres Kapitals und ihrer Rentabilität, um ihre wachsende Mitgliederzahl – 1923 hatte der Zentralverband 3,4 Mio. Mitglieder, der Reichsverband mehr als 800.000 – auskömmlich zu versorgen. Ab 1924 begannen umfassende Rationalisierungen, nicht kaufende Mitglieder, die sog. „Papiersoldaten“, wurden ausgeschlossen. Die Eigenproduktion wurde massiv ausgebaut [12], die GEG entwickelte sich zum größten Lebensmittelproduzenten Kontinentaleuropas. Die Filialnetze in den größeren Städten umfassten vielfach mehrere hundert Läden. Getragen wurde all dies von starken Milieus der Sozialdemokratie und des Zentrums. 1930 kauften mehr als 10 Millionen Menschen bei den Konsumgenossenschaften, lag ihr Marktanteil im Lebensmittelhandel bei mehr als 10%, nahm ihre Bedeutung im Gebrauchsgüterhandel rasch zu. [13] Zukunftssicher und überzeugt von der Überlegenheit des eigenen Wirtschaftens wurden die Investitionen zu Beginn der Weltwirtschaftskrise nicht zurückgefahren. Die zahlreichen, im Stil des „Neuen Bauens“ gestalteten Fabrik- und Lagergebäude zeugten vom Glauben der Genossenschafter an ein von ihnen gestaltetes Morgen.

Eine produktive Gesellschaft garantiert Wohlstand für alle (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 22, 1929, 193)

Die Weltwirtschaftskrise traf die Konsumgenossenschaften spät, noch 1930 erwirtschafteten sie Überschüsse. Dann aber traf sie der wirtschaftliche Niedergang mit voller Wucht, wurden ihre Mitglieder doch überdurchschnittlich arbeitslos. Die Organisationen reagierten ungläubig, doch solidarisch. Wie schon während der Kriegs- und Inflationsjahre schonten die Konsumgenossenschaften sich nicht, ließen die Mitglieder anschreiben, halfen die Not zu begrenzen. Die Verbrauchergenossenschaft Holzminden, deren Mitglied der Boffzener Konsum unterdessen geworden war, konnte die Ausfälle von etwa 20% der Umsätze 1932/33 erst Ende der 1930er Jahre abtragen. [14] Sie trug demnach einen Teil der Lasten der völligen bzw. teilweisen Stilllegung von Noelle & von Campe bzw. der Georgshütte. Die Mitgliederzahlen aller Konsumgenossenschaften sanken dennoch, teils wegen der Einlagen, teils wegen des prinzipiellen Anschreibens im gewerblichen Einzelhandel. Kleine Teile der Mitglieder traten auch aus politischen Gründen aus, fundamentaloppositionelle Kommunisten einerseits, Nationalsozialisten anderseits. Hinzu kamen massive finanzielle Probleme, schrieben die Eigenbetriebe doch tiefrote Zahlen, halbierten die Mitglieder die Einlagen ihrer Sparkonten. Doch die eigentliche Bewährungsprobe war politischer Natur, denn die Konsumgenossenschaften gehörten zu den sog. unerwünschten Betriebsformen, die die NSDAP und die DNVP zu beseitigen versprachen.

Drangsalierung, Selbstgleichschaltung und Verbot – Konsumgenossenschaften während der NS-Zeit

Das konservativ-nationalsozialistische Kabinett Hitler führte seit Anfang 1933 die mittelstandsfreundliche Politik der vorhergehenden Präsidialdiktatur fort. Sondersteuern auf Großbetriebe wurden verdoppelt, Ausverkäufe drastisch eingeschränkt, seit 1934 waren Einzelhandelsgeschäfte konzessionspflichtig. Die Konsumgenossenschaften wurden nicht verboten, doch ihre Arbeit massiv eingeschränkt – nachdem ihr Personal zahllosen Übergriffen und willkürlichen Verhaftungen ausgesetzt war. [15] Dennoch wurde die Organisation nicht nur mit Zwang gleichgeschaltet, sondern ordnete sich vielfach willig in die Strukturen des NS-Staates ein. Dieser führte Zentralverband und Reichsverband zu einer Einheitsorganisation zusammen, dem Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften. Der Begriff Konsumgenossenschaft wurde durch den der Verbrauchergenossenschaft ersetzt, und mit dem Rabattgesetz von 1934 begrenzten die Machthaber die jährlichen Rückvergütungen auf höchstens 3%. Das Gesetz über Verbrauchergenossenschaften von 1935 ordnete schließlich die Auflösung von 82 großen Konsumgenossenschaften an. Damit wurden 40% des Umsatzes privatisiert bzw. in Auffanggesellschaften überführt, der verbliebene Rest jedoch stabilisiert. Zugleich wurde den nun nach dem Führerprinzip geleiteten Vereinen untersagt, Sparkassen zu unterhalten. Damit unterminierte man die Eigenkapitalbildung der Genossenschaften neuerlich.

Nach der Selbstgleichschaltung: Warenausstellung der Verbrauchergenossenschaft „Eintracht“, Bocholt im Dezember 1933 (Rundschau des Reichsbundes der deutschen Verbrauchergenossenschaften 31, 1934, 23)

All dies schlug sich auch im Weserbergland nieder. Die Verbrauchergenossenschaft Holzminden musste ihre Schlachterei verpachten, während sich die Auflösung der Sparkonten noch bis Ende der 1930er Jahre hinzog. [16] Die Ende 1935 vorsorglich beantragte Auflösung wurde jedoch nicht vollzogen, stattdessen die Organisation durch Kredite der GEG und staatlicher Stellen auf einem gegenüber 1930 fast halbierten Niveau konsolidiert. Für die Geschäfte vor Ort – und die 1937 mehr als 200 Boffzener Mitglieder – bedeutete all dies ein Ende ihrer Sonderstellung, eine Abkehr von der konsumgenossenschaftlichen Vision einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Auch in Boffzen hieß es nun gleichtönend blökend: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Das galt natürlich nicht für alle, denn als 1941 die noch bestehenden Genossenschaften in das Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront überführt wurden, fanden Filetstücke rasch Investoren. Die Mehrzahl der Genossenschaften blieb aber bis 1945 Teil der nationalsozialistischen Zwangsorganisation.

Neuformierung in beiden deutschen Staaten

Nach der Befreiung hofften die Konsumgenossenschaften auf einen Neubeginn. Die Besatzungsmächte revidierten die meisten diskriminierenden NS-Gesetze, neuerlich übernahm man die Aufgabe, die Grundversorgung sicherzustellen, kämpfte aber zugleich jahrelang um die Restitution des früheren Eigentums. Am Gedanken der Einheitskonsumgenossenschaft hielt man fest, übernahm zugleich die vielfältigen Anregungen des Auslandes, zumal der skandinavischen und der Schweizer Schwesterorganisationen. Entsprechend wurden die Konsumgenossenschaften seit den späten 1940er Jahren zu den Wegbereitern der Selbstbedienung. Gleichwohl waren die Probleme des Neuaufbaus offenbar. Die Mitgliedsbasis war zerstoben, sie wieder herzustellen wurde versucht: Doch dies glückte nur zum Teil, waren tradierte Arbeitermilieus doch zerbrochen. Hinzu kam die unvollständige Auseinandersetzung mit der eigenen Kollaboration im Nationalsozialismus, die allzu viele personelle Kontinuitäten erlaubte. Intellektuell blieb die Bewegung den Ideen der späten 1920er Jahren verhaftet. Es galt die Eigenproduktion fortzuführen, ja auszubauen, unabhängig davon, ob die dort hergestellten Produkte noch zeitgemäß waren. Die GEG unterhielt gar eine eigene Fischereiflotte, folgte damit der NS-Fischpolitik. Und die Marinaden wurden teils in Gläsern verkauft, die Noelle & von Campe in Boffzen produziert hatte. Die Grundversorgung der Mitglieder wurde breit gefasst, ein eigens gegründeter Versandhandel bot Haushalts- und Elektrogeräte sowie Textilien an.

Konsumgenossenschaften als Teil der neuen Bundesrepublik Deutschland (Der Verbraucher 19, 1959, Nr. 25, I)

All das gründete auf Illusionen kontinuierlichen Wachstums. Doch der „Konsum“ konnte nach einer raschen Wachstumsphase Anfang der 1950er Jahre keine weiteren Marktanteile gewinnen (1960 ca. 3,7%), verlor gar seit Anfang der 1960er Jahre relativ an Bedeutung – und das trotz 1960 2,6 Millionen Mitgliedern. [17] Der Grund hierfür lag zum einen im veränderten Wettbewerb. Die ehedem kleinbetriebliche Konkurrenz schloss sich nicht mehr allein in Einkaufsgenossenschaften wie der Edeka oder der Rewe zusammen, sondern es entstanden vom Großhandel geleitete freiwillige Ketten, wie etwa die Spar. Der Konsum verlor die Preisführerschaft, lange bevor Lebensmitteldiscounter in den 1960er Jahren ganz neue Wege gingen. Zum anderen verschlechterte sich mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland der politische Rahmen neuerlich. Höhepunkt der mittelständischen Interessenpolitik war gewiss das Rabattgesetz von 1954. Die Adenauer-Regierung setzte damit die von den Alliierten suspendierte NS-Gesetzgebung wieder in Kraft, begrenzte die jährliche Rückvergütung wieder auf 3%, verbot neuerlich Spareinrichtungen. Damit versetzte man der Kapitalbildung einen entscheidenden Schlag, just als es darum ging, die bestehenden Geschäfte in die neue Konsumwelt der Selbstbedienung zu führen. Parallel wurde der Verkauf an Nichtmitglieder erlaubt. Das klang schön, unterminierte jedoch Versuche, die tradierte Genossenschaftskultur wieder aufzubauen. Die Konsumgenossenschaften wurden so Geschäfte wie andere auch, mit guten und preiswerten Waren, gewiss, doch zunehmend altbacken, denunziert als „Arme-Leute-Läden“.

Die Coop AG als Vorreiter der Einkaufzentren (Der Verbraucher 26, 1972, Nr. 2, 1)

Die Folge waren langwierige Modernisierungsdebatten – und die Förderung großbetrieblicher Einzelhandelsformen. [18] Der Konsum wurde in den 1960er Jahren Vorreiter der SB-Warenhäuser und Einkaufszentren. Zusammen mit der gewerkschaftlichen Baugenossenschaft Neue Heimat investierten die Konsumgenossenschaften massiv in Neubaugebieten, verschrieben sich dem Ideal der automobilen Stadt und effizienter Großläden. Parallel aber dünnte man das bestehende Filialnetz aus, trennte sich von zahllosen kleinen Konsumläden, verlor damit Präsenz vor Ort. 1969 änderte die Organisation ihren Namen in Coop, neue Rechtsformen schlossen sich an. 1974 wurde die Coop AG gegründet, schienen nur so die immensen Investitionen finanzierbar zu sein. „Der Lebensmittelhandel ist in hohem Maße verkaufsflächenexpansiv und investitionsintensiv geworden … Mit ihrer begrenzten Eigenkapitalbasis können Konsumgenossenschaften den wachsenden Kapitalbedarf in ihrer Rechtsform nicht mehr decken … Die Rückvergütungsgewährung mußte aufgegeben, die Diskontpolitik forciert, die Kapitalbeschaffung gesichert werden“ [19] – so begründete 1974 auch der frühere Konsum-, Bau- und Sparverein Produktion in Hamburg seine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Es folgten weitere Krisenjahre, ehe die Geschichte der deutschen Coop AG 1989 in einem Abgrund von Wirtschaftskriminalität endete. Die Geschäfte gingen an die Metro-Gruppe über. Deutlich positiver war die Entwicklung der Coop eG, einer Reihe teils großer Regionalgenossenschaften. Doch auch sie wurden in den letzten zwei Jahrzehnten teils von Edeka, teils von Rewe übernommen.

Rasches Wachstum unter staatlicher Protektion: Konsumläden in der DDR (Der Handel 5, 1955, Nr. 23, 5)

In der früheren DDR endete die Geschichte der organisierten Konsumgenossenschaftsbewegung mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der maroden sozialistischen Diktatur. In der sowjetischen Besatzungszone dominierten die neu konstituierten Vereine neben dem privaten Einzelhandel den legalen Handel der Nachkriegszeit. Sie blieben jedoch fest in Händen von Staat und SED. Seit November 1948 trat die staatliche Handelsorganisation (HO) an deren Seite. Sie verkaufte Mangelwaren ohne Bezugsscheine zu höheren Preisen, half damit den Schwarzmarkt nach und nach auszutrocknen. HO und Konsumgenossenschaften erhielten einen Großteil der staatlichen Investitionsmittel, sie wurden entsprechend Wegbereiter einer nur sehr verhaltenen Modernisierung des Handels, die jedoch ebenfalls den Weg in die Selbstbedienung vollzog. [20] Die Konsumgenossenschaften profitierten von der steten Sozialisierung des selbständigen Einzelhandels. Ihr Marktanteil stieg von 14% 1946 auf 34% 1965, fiel allerdings deutlich hinter die Handelsorganisation zurück. Das Filialnetz des Konsums bestand vielfach aus kaum modernisierten Kleinläden, auch wenn in den Großstädten repräsentative Warenhäuser entstanden. Neben Lebensmittelgeschäften gab es zahlreiche Spezialgeschäfte für Gebrauchsgüter. Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik kollabierte die Organisation rasch, auch wenn sich regionale Gruppen bis heute erfolgreich im Markt behaupten. [21]

Nach vielen Umbauten – das Gebäude des früheren Konsumvereins Brückfeld im Oktober 2020 (Foto: Uwe Spiekermann)

In Boffzen spiegelten sich auch diese allgemeinen Veränderungen. Der lokale Konsum wurde nach dem Kriegsende Mitglied der neu gegründeten Konsumgenossenschaft Weserbergland mit Sitz in Stadtoldendorf. Diese war größer und leistungsfähiger als der frühere Holzmindener Verein, errichtete später auch einen zweiten Konsumladen im Boffzener Unterdorf, an der Oberen Dorfstraße. [22] Die frühere Werkkonsumgenossenschaft im Hause von Noelle & von Campe am Sollingtor wurde in den 1950er Jahren zum „Konsum“, ab 1969 dann zum Coop, ehe sie von einem privaten Einzelhändler übernommen wurde. In Boffzen endete die Konsumgenossenschaftsgeschichte damit früher als im Bundesgebiet. Der kleine Laden steht für die tiefgreifenden Veränderungen des Alltagskonsums und der Lebenszuschnitte im letzten Jahrhundert. Dass neue alltagprägende Konsumgenossenschaften wieder entstehen werden, ist unwahrscheinlich. Und doch, wer weiß schon, was passiert, wenn sich freie Menschen wieder zu gemeinsamen Zielen zusammenschließen…

Uwe Spiekermann, 19. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften 1903-1933, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags. Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995, 150-189, insb. 151-152.
[2] Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 241-247; Michael Prinz, Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996, 106-206.
[3] Erwin Hasselmann, Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. 1971. 705.
[4] Uwe Spiekermann und Dörthe Stockhaus, Konsumvereinsberichte – Eine neue Quelle der Ernährungsgeschichte, in: Dirk Reinhardt, Uwe Spiekermann und Ulrike Thoms (Hg.), Neue Wege zur Ernährungsgeschichte, Frankfurt a.M. et al. 1993, 88-112, hier 92.
[5] Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ zu Hamburg e.G.m.b.H. Geschäftsbericht für das 10. Geschäftsjahr 1908 […], Hamburg o.J. (1909), 119.
[6] Der Großeinkauf von Lebensmitteln und Bedarfsartikeln für die Arbeiterschaft, namentlich auch die Fabrikkonsumanstalten, Concordia 21, 1914, 261-266, hier 262.
[7] Wilhelm Adickes, Werkkonsumanstalt und Konsumgenossenschaft in Essen a.d. Ruhr, RStaatsw. Diss. Tübingen 1931.
[8] Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, 9. Leg. , IV. Sess. 1895/97, Bd. 152, Anlagenbd. 2, Berlin 1896, Nr. 285, 1540.
[9] Kolonialwaaren-Kleinhandel und Konsumvereine. Untersuchungen unter Mitwirkung der Handelskammern Brandenburg, Magdeburg, Nordhausen, Hildesheim und Hildburghausen, hg. v.d. Handelskammer für das Herzogthum Braunschweig, Leipzig 1901, 39.
[10] Kurt Walter, Die konsumgenossenschaftliche Eigenproduktion in Deutschland, WiSo. Diss. Frankfurt a.M. o.O. o.J., 47-52.
[11] Als Einstieg kann dienen Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908.
[12] Uwe Spiekermann, Eine andere Moderne – Ein Besuch der früheren Konsummühle Magdeburg, 2019 (https://uwe-spiekermann.com/2019/02/23/eine-andere-moderne-ein-besuch-der-frueheren-konsummuehle-magdeburg/) [Abruf 18. Oktober 2020].
[13] Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210.
[14] Bericht über die gesetzliche Prüfung der Verbrauchergenossenschaft Holzminden, e.G.m.b.H. in Holzminden, in der Zeit vom 24.-25. März und vom 30. März-1. April 1937, 20 (Bundesarchiv Lichterfelde R 3101 / 10722: Verbrauchergenossenschaft Holzminden eGmbH).
[15] Ulrich Kurzer, Nationalsozialismus und Konsumgenossenschaften. Gleichschaltung, Sanierung und Teilliquidation zwischen 1933 und 1936, Pfaffenweiler 1997; Jan-Frederik Korf, Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront, Norderstedt 2008.
[16] Bericht über die gesetzliche Prüfung der Verbrauchergenossenschaft Holzminden, e.G.m.b.H. in Holzminden, in der Zeit vom 24.-25. März und vom 30. März-1. April 1937 (Bundesarchiv Lichterfelde R 3101 / 10722: Verbrauchergenossenschaft Holzminden eGmbH).
[17] Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102-104.
[18] Michael Prinz, Das Ende der Konsumvereine in der Bundesrepublik Deutschland. Traditionelle Konsumentenorganisation in der historischen Kontinuität, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1993, H. 2, 159-188.
[19] COOP Verbraucher Aktiengesellschaft Frankfurt. Geschäftsbericht 1982, o.O. 1983, 26.
[20] Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 25-33. KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, hg. v. Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Köln, Weimar und Wien 2006; Witho Holland, Die Konsumgenossenschaft in der DDR. Rechtliche und wirtschaftliche Entwicklung, Marburg 2008.
[21] Manfred Kirsch, Die Marken bitte! KONSUM Geschichten, Berlin 2004.
[22] Einwohner-Adreßbuch für Stadt und Kreis Holzminden, Holzminden 1960, 340.

Selbstbedienung als Marktchance. Glasverpackungen während der 1950er und 1960er Jahre

Glas hat eine lange Tradition, doch Traditionsfixiertheit ist eine Gefahr für den Absatz. Die Sollinger Waldglashütten oder aber die handwerklich arbeitenden Boffzener Glashütten des späten 19. Jahrhunderts stellten Waren her, die in späteren Zeiten nicht hätten verkauft werden können. Die Glasproduktion wandelte sich, andere Produkte wurden möglich und nötig, wurden billiger und damit Alltagsgüter. Die Glasverpackung ist dafür ein gutes Beispiel. Die Boffzener Hohlglashütten produzierten zuerst Flaschen, doch insbesondere Noelle & von Campe konzentrierte sich in den 1950er und 1960er Jahren zunehmend auf Sichtverpackungen für Lebensmittel.

Ein scheinbar idealer Verpackungsstoff

Glas ist ein recht idealer Werkstoff für Verpackungen, für sog. Behälterware. Glänzend und durchsichtig symbolisiert es Offenheit, etwas Schönes: „Es ist ein alter Sehnsuchtstraum des Verbrauchers, besonders aber der Hausfrau, daß man immer sehen will, was man kauft.“ [1] Die Durchsichtigkeit des Glases stand in der Zwischenkriegszeit für Sauberkeit und Reinheit, für einfache Reinigung und Hygiene. Im Gegensatz zu anderen Verpackungsmaterialien nahm Glas keinen Geruch an, veränderte nicht den Geschmack des Verwahrgutes. Seitens der Hersteller verwies man durchaus stolz auf Maßgenauigkeit, Temperaturwechselbeständigkeit, Druckfestigkeit, Stoßfestigkeit und chemische Widerstandsfähigkeit. [2] Ein wichtiges Plus war auch, dass Glas formbar war. Der Werkstoff konnte vereinheitlicht und normiert werden, ermöglichte aber auch Abweichungen, ungewöhnliche Formen, eingeprägte Beschriftungen, Verzierungen aller Art.

Es gab jedoch auch Nachteile, gewiss. Glas konnte brechen, dann Käufer gar verletzen. Es war relativ schwer, so dass die Transportkosten höher lagen. Genauere chemische Analysen ergaben in der Zwischenzeit – aber auch später – dass insbesondere saure Lebensmittel durchaus mit dem Glas reagierten. Glas war, zumal wenn es per Hand oder aber halbautomatisch hergestellt wurde, teurer als andere Verpackungsmaterialien, insbesondere als Pappschachteln. Das schöne Gefäß, die schöne Flasche wurden zudem auch im Haushalt weiterverwendet, dienten als Ort für allerhand Dinge, für Marmeladen und als Trinkgefäße. Das missfiel vielen Herstellern, die ihre Verpackung lange Zeit als Eigentum verstanden, die möglichst, gegen ein kleines Pfand, zurückgegeben werden sollte. Auch das gängige Umfüllen von anderen Produkten in alte Gläser war ein Problem, zumal wenn es sich um Essigessenz, Farben oder Heilmittel handelte.

Die Glasindustrie, vorrangig die forschungsaktiven Großbetriebe, war bemüht, diese Nachteile zu verringern. Neue Rezepturen und leistungsfähigere Maschinen verbesserten das Material, machten es weniger anfällig für Säuren. Die zunehmende Abkehr von Handarbeit erlaubte niedrigere Preise. Schon in den späten 1920er Jahren gab es quasi unzerbrechliche biegsame Glassorten, auch wenn diese nicht für Verpackungszwecke eingesetzt wurden. [3] Mitte der 1950er Jahre setzte sich dann Leichtglas durch, stabil und zugleich bis zu 40% leichter als herkömmliches Glas. Auch die Glasverschlüsse wurden damals deutlich besser, teils durch präziser arbeitende Maschinen, teils durch Kombination mit Metall und Kunststoffen.

Es verwundert daher nicht, dass schon kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, 1952, 53% der Glaserzeugung und gar 84% der in Boffzen dominierenden Hohlglasproduktion auf Verpackungsglas entfielen. Fast drei Viertel davon waren Getränkeflaschen, ein Achtel Medizinalglas und 15 % sogenanntes Konservenglas. Darunter fasste man auch Verkaufsverpackungen, etwa für Marmelade und Honig. [4] Glas war zu dieser Zeit die bevorzugte Verpackung für flüssige und zähflüssige Waren. Das waren wichtige Segmente, doch sie umfassten weniger als ein Zehntel des Verpackungsmittelmarktes. Ab Mitte der 1950er Jahre veränderte die Selbstbedienung allerdings die bisherigen Rahmenbedingungen. Verpackungen erhielten neue Aufgaben, sollten nicht mehr vorrangig die Ware schützen: „Die Warenverpackung soll den Einkaufsvorgang beschleunigen, sie soll verbrauchsgerecht sein, soll über den Packungsinhalt schnell Auskunft geben, soll für Qualität und Menge garantieren und über ihre eigentliche Funktion hinaus womöglich noch einen Sekundärnutzen als Behälter, Küchengerätschaft, Spielzeug etc. bieten.“ [5]

Der lange Weg zu Selbstbedienung und Sichtverpackungen

Schon lange vor der Durchsetzung der Selbstbedienung in den späten 1950er Jahren hatten sich im Handel verpackte Waren durchgesetzt. Markenartikel setzten seit den 1890er Jahren den Trend, lediglich Frischwaren und Landesprodukte bildeten Ausnahmen. Daneben verpackten viele Großhändler und vor allem Einzelhändler, doch dann ging es vornehmlich um den Schutz und die Bezeichnung der Ware. Die meisten Verpackungen bestanden aus Papier, Pappe und verzinntem Blech, mochte das durchsichtige Cellophan seit den späten 1920er Jahren auch für andere Akzente sorgen. [6] Glas deckte Nischen des Verpackungsmarktes ab, etwa im Medizinalsektor, stand eher für teurere Waren. Die große Ausnahme bildeten Getränkeflaschen, zumal nachdem die in den USA entwickelten Owens-Maschinen deren Preise vor dem Ersten Weltkrieg deutlich verringerten. Bier, Spirituosen, Wein, Sekt und Mineralwässer wurden verstärkt in Flaschen verpackt, ersetzten Siphons und Fässer, Steingut und Behälter der Kunden. Doch all dies erfolgte langsam: Noch Ende der 1920er Jahre lag der Flaschenbieranteil hierzulande zwischen 15 und 25 %. Glasverpackungen erlaubten jedoch nicht nur häuslichen Konsum, sondern sie galten auch als hygienisch. Das betraf etwa Säuglings- und Kindermilch, zumal nach dem Pasteurisierungszwang ab 1930.

Typisch für die Zwischenkriegszeit: Einzelhändler, Verkaufsregal und Pappverpackungen (Deutsche Handelsrundschau 30, 1937, Nr. 3)

Glasverpackungen wurden während des Nationalsozialismus staatlich propagiert, galt es doch Devisen zu sparen. Während Holz und Zinn großenteils importiert werden mussten, entstammten Quarzsand, Soda und Kalk heimischer Produktion. Dennoch blieb der Anteil der Glasverpackungen im Einzelhandel begrenzt. Waren wurden damals noch über die Bedienungstheke verkauft. Der Käufer nannte seine Wünsche, Händler oder Verkäufer holten die Waren dann aus Regalen und Verkaufstruhen, händigten sie anschließend aus. All das kostete Zeit, erlaubte ein Schwätzchen, hatte jedoch auch Folgen für die Warenverpackungen: Sie mussten haltbar und kostengünstig sein, zudem klar erkennbar. Sichtverpackungen nahmen zwar zu, doch in den meist kleinen, selten über 50 m² großen Läden war schlicht nicht der Platz für ausladende Verkaufstruhen. Sie blieben Schnitt- und Stückwaren vorbehalten, bargen Feinkost, nicht Massengüter.

Glas konnte während der NS-Zeit selbst Blechdosen nicht verdrängen, da diese schlicht robuster waren. Glasdosen hatten in den späten 1930er Jahren Verlustraten zwischen zwei und drei Prozent – und entsprechende Verluste knapper Lebensmittel wollte und konnte man nicht riskieren. [7] Glas konnte sich als Verpackung aber auch deshalb nicht durchsetzen, da mit dem wasserdichten Cellophan seit 1927 eine durchsichtige, ästhetisch-ansprechende und hygienische Alternative bestand. Es gewann jedoch indirekt: Statt industriell eingedoster Waren propagierte das NS-Regime die heimische Konservierung von Lebensmitteln, das Einmachen. Die Absatzzahlen von Konservierungsgläsern erreichten in den 1930er und 1940er Jahren historische Höchstwerte – und die Boffzener Glashütten stellten sich hierauf ein.

Behälterglaswerbung Mitte der 1950er Jahre (Die Neue Verpackung 9, 1956, 198)

Einkaufen hieß bis in die späten 1960er Jahre vor allem bedient werden, der Boffzener Konsum-, dann Coop-Laden ist dafür ein gutes Beispiel. Die heute dominante Selbstbedienung ließ lange auf sich warten. Sie entstand 1916 in den USA, eingeführt von Massenfilialisten für billige und einfache Grundnahrungsmittel. In den 1940er Jahren waren Schweden, Großbritannien und die Schweiz Vorreiter, westdeutsche Konsumgenossenschaften folgten ab 1949. In den vier Jahrzehnten zuvor wurde die neue, „amerikanische“ Art des Verkaufens zwar immer wieder diskutiert, praktische Versuche aber blieben Ausnahmen: Während des Zweiten Weltkrieges dienten die sogenannten Ratio- und Einmannbetriebe vor allem der Freisetzung von Arbeitskräften für Wehrmacht und Rüstung. [8]

Selbstbedienung stand in der Nachkriegszeit also für Kriegswirtschaft und ausländische Einflüsse. Eine Umstellung von Läden war teuer, zumal größere Verkaufslokale kaum zur Verfügung standen. Entsprechend stockte die „Self-Service Revolution“. [9] 1950 gab es in der Bundesrepublik 39, 1955 erst 738 SB-Läden. [10] Die Gründe hierfür waren im System der Selbstbedienung zu suchen. Es handelte sich nämlich nicht um Veränderungen allein im Laden, sondern es ging um ein zusammenhängendes und ineinandergreifendes System von Produzenten, Verpackungsindustrie, Groß- und Einzelhandel so­wie der Konsumenten. Die Selbstbedienung er­forderte nicht zuletzt andere und anders verpackte Lebensmittel. Präziseres Wissen über die Lebensmittel und ihre Verän­derungen in einzelnen Verpackungen waren nötig, ansonsten war der Inhalt unansehnlich und wenig attraktiv. Hinzu kamen anfangs skeptische Verbraucher: Noch 1958 bevorzugten fast drei Fünftel Bedienung durch Verkaufspersonal, wollten nicht selbst Teil einer Verkaufsmaschinerie werden. [11]

Entsprechend setzte sich die Selbstbedienung in der Bundesrepublik Deutschland erst in den 1960er Jahren durch, mit gewisser Zeitverzögerung auch in der DDR. [12] 1968 über­stieg die Zahl der Selbstbedienungsläden erstmals die der Bedienungsläden. Das Verhältnis von Kunde und Ware änderte sich. An die Stelle der Verkaufs­kräfte und ihres Wissens traten nun die Warenkunde des Käufers, die Grundinformatio­nen der Kennzeichnung und das Image des Produktes. Läden wurden neu gestaltet und wissenschaftlich optimiert. Offene Warenregale, Verkaufs­gondeln und zunehmend Kühltruhen bzw. Kühlmöbel prägten den Laden, an die Stelle der Bedienungstheke traten Kassentisch bzw. Registrierkassen am Ausgang. Die Läden wurden rasch größer, übertrafen anfangs 200 m², gegen Ende der 1950er Jahren dann schon 1.000 m². Der Lebensmitteleinkauf wurde scheinbar eigenbestimmter, da die Auswahl wuchs, die Produkte sicht- und greifbar waren und es keinen Kaufzwang gab. Doch des Kunden Wege und Blicke wurden kühl kalkuliert, folgten psychologischer Expertise. Laufwege wurden faktisch vorgegeben und die Blickführung auf die Produkte optimiert.

Die Konsumentin und die Glasverpackung – Werbung 1956 (Die Neue Verpackung 9, 1956, 445)

Die Selbstbedienung erforderte durchweg verpackte Lebensmittel – und das neue Verkaufsumfeld schien wie gemacht für die Glasverpackung: „Die Hausfrau wandelt wie eine vielumworbene Fürstin mit kritischen Blicken durch die Gänge und prüft, ehe sie sich zum Kauf entschließt, indem sie die einzelne Packung in die Hand nimmt. Und jetzt kommt das Moment, daß in starkem Maße den Ausschlag für die Kaufentscheidung gibt: Sie will sich aus eigenem Augenschein von der Beschaffenheit und Qualität der Ware überzeugen. […] Da die Hausfrau mit dem Auge kauft, muß vor allen Dingen alles griffbereit liegen oder stehen.“ [13] Und doch: Von der Selbstbedienung profitierten erst einmal Blechdosen, Pappverpackungen und vor allem die neuen Kunststoffe. Wachsender Wohlstand machte kritisch und anspruchsvoll – und entsprechend besetzten Glasverpackungen erst einmal Nischen im Angebot, setzten sich nur in Teilen der Sortimente durch.

Glas im Verkaufsregal – Aufgaben und Probleme

Die Durchsetzung der Glasverpackung in den Verkaufsregalen der Selbstbedienungsläden schien Ende der 1950er Jahre dennoch logisch zu sein. Die Käufer schienen beliebig lenkbar, wenn man sie nur richtig reizte: „Der Impulskauf wird meist durch das Auge ausgelöst. Bei der gläsernen Verpackung läuft er folgerichtig so ab: Sehen – wünschen – kaufen. Dadurch, daß die Glasverpackung ihren Inhalt zeigt, enthebt sie den Denkapparat der Notwendigkeit des Ratens um Aussehen und Menge der angebotenen Ware. Auf direktem Wege wird solchermaßen die Brücke vom Auge zum Wunschzentrum des Gehirns vorgeschlagen. Von dort bedarf es nur noch eines Schaltvorganges, und aus dem Wunsch wird der Kauf.“ [14] Doch derart simple Modelle scheiterten rasch. Zum einen war das Durchschnittseinkommen in den Nachkriegsjahrzehnten noch gering, so dass jede, auch die kleinste Anschaffung wohlbedacht sein wollte. Zum anderen hatten die Verbraucher von der Verpackung der meisten Lebensmittel klare Vorstellungen, so dass Traditionen aufgebrochen werden mussten. Kaffeeextrakte wurden in Deutschland beispielsweise seit den frühen 1940er Jahren in Metalldosen verkauft. Erst 1962 wechselte der Marktführer Nescafé zur Glasverpackung. Vorangegangen war eine umfangreiche und jahrelange Marktforschung. Der Packungswandel war erfolgreich, und rasch zogen die Wettbewerber nach. [15] Nicht unterschätzen sollte man auch, dass nicht nur Glas, sondern auch Kunststoffe Pioniere der Sichtverpackung waren. Harzer Roller wurde seit Anfang der 1930er Jahre auch deshalb in Cellophan verpackt, um der weit verbreiteten und nicht ganz unbegründeten Madenfurcht zu begegnen. Sichtfenster in Papierverpackungen erlaubten ebenfalls kritische Blicke auf die Waren.

Konkurrenz der Kunststoffe: Papiersichtverpackung mit Sichtfenster (Die Neue Verpackung 8, 1955, Nr. I, 1)

Glasverpackungen setzten sich daher erstens in Marktbereichen durch, in denen sie schon früher eingesetzt wurden. Gute Beispiele hierfür sind teurere Gemüsesorten, Fischkonserven und Feinkostwaren. Appel Majonnäse [sic!] wurde seit ihrer Markteinführung 1905 im Glas angeboten, ähnlich die späteren Speiseöle dieser Hannoveraner Firma. [16] Zweitens diente Glas dazu, Waren attraktiver zu machen, ihnen höheren Wert beizumessen. Vom Extraktkaffee war schon die Rede. Doch auch Babykost wurde seit Ende der 1950er Jahre zunehmend in Gläsern angeboten, nachdem zuvor Pappe für Kindermehle und Blechdosen für Milchpräparate gängig waren. Drittens dienten Glasverpackungen der Einführung neuer Produkte. Sie profitierten dabei von der massiven Ausweitung der Sortimente, die mit dem Übergang der anfangs noch kleineren Selbstbedienungsgeschäfte zum „Supermarkt“ Ende der 1960er Jahre nochmals beschleunigt wurden.

Selbstdarstellung der Glasindustrie: Wissenschaftliche Prüfung der Verpackungswirkung bei Gerresheim Glas (Die Neue Verpackung 18, 1965, 315)

Dieser Bedeutungsgewinn war begleitet von intensiven Tests und wissenschaftlicher Grundlagenforschung, um Lebensmittel in einer Verpackung möglichst attraktiv zu präsentieren. Spargel schön nebeneinander, parallel und in gleicher Länge. Kirschen gut verteilt, mit gleichem Abstand, ohne Quetschungen am Boden. Konfitüre ohne Zuckerkranz. Sülze mit nur geringer Fettablagerung unterm Deckel. Jedes Lebensmittel erforderte präzises biochemisches Wissen – und anschließend eine passgenaue Verpackungsvariante durch die Glasindustrie.

Derartige natur- und ingenieurwissenschaftliche Kompetenz wurde seit den 1960er Jahren jedoch überlagert und teils dominiert durch Marketingwissen. Anfangs dominierten dabei psychologische Ansätze, wie etwa die Motivationsforschung. Sie ging davon aus, dass man nicht Waren kaufe, sondern von Grundtrieben gesteuert sei, dass man nicht Schokolade kaufe, sondern Trost und Sicherheit. „Die Produkte sollen rational hergestellt werden, aber zunehmend irrationale Wünsche befriedigen.“ [17] Waren waren Projektionsflächen, neben den Preis traten andere Werte. Für das etwas teurere Verpackungsmaterial Glas war dies eine Chance. Verbraucherbefragungen ergaben: „1. Glas ist hygienisch, und für den Käufer ist Hygiene gleich Sauberkeit. Die Sauberkeit des Glases läßt sich mit eigenen Augen kontrollieren. 2. In der Lichterflut der Selbstbedienungsläden verleiht die funkelnde Brillanz des Glases seinem Inhalt noch zusätzliches Ansehen. 3. Glas ist den Menschen von den ersten Lebenstagen an lieb und vertraut. Meist sind es angenehme Stunden, in denen Glas eine Rolle spielt. […] Dieses Vertrauen der Verbraucher in gläserne Behälter kommt unbewußt auch dem Inhalt zugute.“ [18] Doch moderne Waren mussten nicht nur unbewusste Wünsche erfüllen, um erfolgreich zu sein. Sie mussten auch Gebrauchswertvorteile haben, insbesondere richtig portioniert sein. Das bedeutete eine ganze Bandbreite von Verpackungsgrößen, für die noch dominante klassische Vier-Personen-Familie, für ein Ehepaar, für die wachsende Zahl von nicht verheirateten Erwachsenen. Wichtig war auch, dass Verpackungen bequem waren, also einfach zu öffnen und zu schließen, vernünftig zu stapeln und zu lagern.

Gemeinschaftswerbung für Glasverpackung als Ausdruck der neuen Zeit (Die Neue Verpackung 24, 1971, 27)

Auch der zunehmend mächtige Einzelhandel verband mit der Verpackung neue Ziele. In der Zwischenkriegszeit dominierte die Werbung mittels Anzeigen und Plakaten. Im Selbstbedienungsumfeld wurde zudem die Ware selbst zu einer zentralen Werbefläche. Nach wie vor umkränzt von anderen Werbemitteln, nicht zuletzt der immer wichtigeren Fernsehwerbung, stand sie immer auch alleine im Verkaufsumfeld, musste dann über ihre Verpackung wirken. Die Sichtbarkeit von Glas, die damit verbundenen positiven Gefühle, ihre Bequemlichkeit und Alltagstauglichkeit waren werbewirksam. Glas reduzierte Werbekosten, indem es Verbrauchervertrauen schuf. [19] Dies erlaubte der Glasverpackung eine beträchtliche Expansion, begrenzte zugleich aber ihre Stellung im Werbearsenal. Glaubwürdig standardisierte Produkte brauchten ihrer nicht, etwa Zigaretten oder aber Tafelschokolade. Glas war angebracht bei letztlich nicht vollends zu standardisierenden Lebensmitteln. In Selbstbedienung angebotenes Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch litten unter dem „Ungläubige-Thomas-Komplex“ [20]. Bei ihnen wollte der Verbraucher doch sicher gehen, einen Blick wagen; mochte er auch der modernen Lebensmittelversorgung grundsätzlich vertrauen.

Verpackte Waren in einem SB-Geschäft in den späten 1950er Jahren (Henry Meier (Hg.), So baut man heute an der Ruhr, Rheydt 1960, s.p.)

Die Glasverpackung der 1950er und 1960er Jahre verwies ein wenig in die Vergangenheit zurück, stieß zugleich aber Debatten an, die uns bis heute beschäftigen. Gläser jeder Art hatten erst einmal einen unmittelbaren Gebrauchswert, der über den Behälter einer Ware hinausging. Noch Mitte der 1950er Jahre gab bei repräsentativen Verbraucherbefragungen mehr als die Hälfte an, dass sie Glasverpackungen auch kaufe, um sie wiederzuverwenden. [21] Dies war auch ein Grund für die zunehmende Erosion von Pfandsystemen, denn Verpackungen wurden nicht mehr länger als Eigentum der Anbieter, sondern als ein Gut in eigener Verfügung verstanden. Die Hersteller ließen sich hierauf ein, denn Verpackungsaufwand wurde für sie zunehmend Werbeaufwand. Doch zugleich stieß man damit die seit den späten 1890er Jahren immer wieder von Neuem geführte Debatte über “verlorene“ Verpackungen und ihre Folgewirkungen an. Glas war einweg- und mehrwegfähig, konnte als billiger Wegwerfartikel dienen, aber auch als gängige Pfandware. Während der „Ex und Hopp“-Euphorie der späten 1960er Jahre war das billige Leichtglas ein scheinbar idealer Begleiter für den modernen Lebensstil einer Zeit, die die Enge der Krisenzeiten überwunden hatte. Doch schon kurz darauf wurde Glas als ökologischer Verpackungsstoff gepriesen, denn er konnte über Pfandsysteme mehrfach genutzt, über Einwegsysteme aber wiederum zu Glas umgeschmolzen werden. Ähnliche Ambivalenzen gab es auch bei Standardverpackungen. Gerade Verbraucherschützer und Hausfrauenvereinigungen kritisierten, dass die vielbeschworene Transparenz auch beim Glas Grenzen habe. Das Glas täusche über eine geschönte Produktwelt hinweg, wirke es doch vielfach wie eine Lupe, die Lebensmittel größer erscheinen lasse als sie seien. [22] Mindergewicht wurde häufig bemängelt, ebenso aber die bei Kosmetika weit verbreiteten Präparate mit Formen, die das wahre Gewicht nur erahnen ließen. [23] Glasverpackungen waren Teil des Illusionstheaters moderner Konsumgesellschaften, in der Transparenz ein Versprechen ist, das im Kaufalltag nicht vollends eingehalten wird und eingehalten werden kann.

Glas als Umweltrisiko – Anzeige der Aktion saubere Landschaft (Die Neue Verpackung 24, 1971, 294)

Absolutes Wachstum, relative Stagnation

1961 wurden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 1,5 Mrd. Glasflaschen hergestellt, zudem 140.000 Tonnen Glas für Verpackungen der kosmetischen, pharmazeutischen und chemotechnischen Industrie. [24] Das waren immense Produktionssteigerungen, denn 1955 lagen die entsprechenden Werte erst bei 780 Mio. bzw. 89.000 t. [25] Gleichwohl relativieren sich diese Zahlen, bettet man sie in die Entwicklung der gesamten Verpackungsbranche ein. Glas konnte seinen relativen Anteil von 8,5% 1954 auf 9,3% steigern, doch dann begann ein moderater Abwärtstrend. 1969 lag der Anteil wieder bei den Werten von 1954. [26] Insgesamt dominierten Verpackungen aus Papier und Pappe, die etwa die Hälfte des Marktes ausmachten. Doch die Werte sanken, ebenso wie die von Metallverpackungen, deren Anteil bei einem knappen Viertel lag. Glas behauptete sich etwas besser, doch der eigentliche Gewinner waren Kunststoffverpackungen, die von 1,3% 1954 auf einen Marktanteil von 20,5% 1969 emporschnellten. Wertmäßig übertrafen sie Glasverpackungen bereits um 1960. [27] Diese Daten relativieren sich wiederum, betrachtet man die absoluten Daten. Der Bruttoproduktionswert für Glasverpackungen stieg von 1952 220 Mio. DM, über 1957 333 Mio., 1962 560 Mio., 1967 769 Mio. auf 1972 1.268 Mio. DM. [28]. Die Hälfte aller Verpackungen diente Lebensmitteln, bei Glas lag dieser Wert deutlich höher.

Erfrischungsgetränke als Wachstumsmarkt der Glasindustrie (Kristall 14, 1959, 559)

Diese Angaben decken sich mit den eher allgemeinen Aussagen über die durch die Selbstbedienung bewirkten Strukturveränderungen im Konsumgütermarkt. Kunststoffe gewannen in allen Bereichen an Bedeutung, waren sie doch flexibel und widerstandsfähig, gut zu formen, relativ preiswert und zudem als Sichtverpackung einsetzbar. Folienverschweißtes Fleisch war ein Signum der späten 1960er Jahre, die einstige Herrenspeise nun als Billigware allseits verfügbar. Hohlglas aber war wettbewerbsfähig, trotz beträchtlicher Verluste etwa bei Milchverpackungen (Aufkommen von Tetra Pak) oder Einbußen bei Einkochgläsern.

Blicken wir ein wenig genauer in die Regale, so profitierte Glas vor allem vom verstärkten Angebot und dem vermehrten Konsum von Obst und Gemüse sowie Feinkost. Es gewann Terrain bei Obst- und Sauerkonserven, bei Würstchen, Ketchup oder der schon erwähnten Babykost. Auch Essig, Öl, Nass-Saucen, Gemüsesalate und Gewürze boten neue Absatzchancen. Angesichts wachsender Realeinkommen war selbst der etwas höhere Preis kein Manko. [29] Glasverpackungen erlaubten nicht zuletzt einheimischen Angeboten, sich als höherwertige Angebote, „fort von der Preiskonkurrenz“ aus dem Ausland, im Markt zu behaupten.

Glasverpackungen setzten sich anfangs bei vielen Markenartikeln durch, hatten dann aber überdurchschnittlichen Erfolg bei den Handelsmarken. Ende der 1960er Jahre war dies besonders wichtig. Der Anteil von Gläsern nahm von 1967 bis 1970 bei Gemüse von knapp 7% auf knapp 19% zu, bei konserviertem Obst gar von 47% auf 71%. [30] Die Schönheit auch einfacher Gläser und die Sichtbarkeit des Inhaltes blieben Kernargumente für Glasverpackungen. „Man kann nicht angeschmiert werden“ [31] war die Hoffnung der meisten Verbraucher, Grundhaltung in einer offenen Gesellschaft, in der man vorsichtig sein musste, selbst im Elementaren.

Uwe Spiekermann, 9. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Georg Bergler, Glas gegen Dose, Markt und Verbrauch 11, 1939, 181-190, hier 184.
[2] Helmut Bräuer, Die Verpackung als absatzwirtschaftliches Problem. Eine absatzwirtschaftliche und werbepsychologische Untersuchung des deutschen Verpackungswesens, Nürnberg 1958, 24.
[3] Pollopas, das elastisch-biegsame Kunstglas, Illustrierte Technik für Jedermann 4, 1926, 609-610.
[4] Bräuer, 1958, 25.
[5] Manfred Gebhard, Die Entwicklung der Verpackung für Konsumfertigwaren seit 1945, Wiwi. Diss. Nürnberg 1957, 29.
[6] Zur Geschichte der Verpackung, zumal der Konservendose und des Cellophans s. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 452-474.
[7] Eduard Nehring, Die Verwendung metallischer und nichtmetallischer Werkstoffe als Verpackungsmaterial in der Konservenindustrie, in: Wissenschaft und Technik in der Konservenindustrie, Braunschweig 1939, 41-54, hier 44-45.
[8] Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210, hier 196-197.
[9] Victoria de Grazia, Irresistible Empire. America’s Advance through Twentieth-Century Europe, Cambridge und London 2005, 380-396. Ähnlich Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln, Weimar und Wien 2013.
[10] Hans-Viktor Schulz-Klingauf, Selbstbedienung. Der neue Weg zum Kunden, Düsseldorf 1960, 328.
[11] Verbraucherverhalten und Verbrauchsgewohnheiten […], Verbraucher-Politische-Korrespondenz 6, 1959, Nr. 9, 7-10, hier 8.
[12] Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102; Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR, 2019 [Link setzen: https://uwe-spiekermann.com/2019/09/28/die-einfuehrung-der-selbstbedienung-im-einzelhandel-der-ddr-1951-1960/ ].
[13] Waldemar Tiebel, Im Selbstbedienungsladen ist jede Verpackung ein stummer Verkäufer, Die Neue Verpackung 9, 1956, 650, 652, hier 650.
[14] Glasbehälter senden Impulse, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 44, 1959, 378.
[15] NESCAFÉ jetzt im Glas, Die Neue Verpackung 15, 1962, 822; Absatzförderung und Glaspackung, Die Neue Verpackung 15, 1962, 874, 876.
[16] Kristina Huttenlocher, Appel Feinkost. Ein Familienunternehmen im Wandel der Zeit, Springe 2013, 54-81.
[17] Herbert Gross, Die Zukunft der Glasverpackung, Düsseldorf und Wien 1964, 16.
[18] Willy Tyroler, Glas – im Kommen oder Gehen?, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 45, 1960, 102-103.
[19] Gross, 1964, 39.
[20] Tyroler, 1960, 103.
[21] Konsumenten beurteilen Glaspackungen. Großangelegte und daher aufschlußreiche Meinungsforschung, Die Neue Verpackung 9, 1956, 194-197, hier 196.
[22] Erika Luther, Verpackung von Nahrungs- und Genußmitteln aus der Sicht des Verbrauchers, Die Neue Verpackung 18, 1965, 1151-1154.
[23] Schwund in vielen Tüten, Der Spiegel 17, 1963, Nr. 18, 62-65, insb. 64.
[24] Willy Tyroler, Gläserne Warenpackung in Kosmetik und Pharmazie, Die Neue Verpackung 15, 1962, 862-863, hier 862.
[25] Produktionsstatistik für Verpackungsmittel, Die Neue Verpackung 13, 1960, 120.
[26] Die Neue Verpackung 24, 1971, 28.
[27] K. Stoeckhert, Der internationale Kunststoffmarkt und die Verpackungstechnik, Neue Verpackung 24, 1971, 25-26, 28, 31, hier 28.
[28] Matthias Nast, Die stummen Verkäufer. Lebensmittelverpackungen im Zeitalter der Konsumgesellschaft […], Bern u.a. 1997, 342-343.
[29] Die Glasverpackung erweitert ihre Anwendungsgebiete, Die Neue Verpackung 18, 1965, 745-746, 748, hier 745.
[30] Otto H.C. Scharfenstein, Verpackungen für Handels- und Eigenmarken, Neue Verpackung 24, 1971, 942-944.
[31] NESCAFÉ, 1962, 822.

Wagemut und Kapitalmangel – Die Anfänge der Boffzener Glasindustrie 1866-1874

„Der Fabrikunternehmer Friedrich Bartling aus Werste beabsichtigt in Gemeinschaft mit Hermann Witte aus Magdeburg und dem Halbmeier Heinrich Schmidt aus Boffzen auf der Steinbreite in der Feldmark Boffzen neben der Fürstenberger Straße und dem Communicationswege nach Boffzen eine Glashütte nebst Wohnungen für Fabrikarbeiter zu errichten.“ (1) Mit dieser lapidaren Bekanntmachung in der Braunschweigischen Landeszeitung und Holzmindener Anzeiger vom 26. Juli 1866 begann die moderne Glasgeschichte Boffzens. Sie stellte einen klaren Bruch mit der weit in die frühe Neuzeit zurückreichenden Tradition der Waldglashütten dar, kleine Handwerksgewerke nah am Brennstoff Holz.

Ankündigung eines neuen Kapitels der Boffzener Geschichte (Braunschweigische Landeszeitung und Holzmindener Anzeiger 1866, Nr. 60 v. 28. Juli 1866, 6)

Ein Gründungstrio

Am Anfang der Boffzener Glasindustrie standen also die Herren Bartling, Witte und Schmidt – nicht die erst später prägenden Familien Becker, von Campe und Noelle. Sie bündelten ihre Kräfte, „um auf gemeinschaftliche Rechnung eine Fabrikanlage mit den dazu nöthigen Wohnhäusern einzurichten und dernach die Fabrikation von weißem Hohlglas zu betreiben.“ (2) Die drei waren Gewerbetreibende, Wirtschaftsbürger, „Kapitalisten“, die eine Chance auf Einkommen, Gewinn und Wohlstand sahen. Das war recht typisch für die 1860er Jahre, selbst im relativ rückständigen Herzogtum Braunschweig. Der Staat zog sich nach der Revolution von 1848/49 zunehmend aus dem Wirtschaftsgeschehen zurück, Bürger nutzten dies auch als Ausgleich für die begrenzten politischen Mitspracherechte. Die industrielle Aufwärtsentwicklung hatte sich verstetigt. Die deutschen Staaten waren im Deutschen Bund zusammengeschlossen, der 1864 Dänemark geschlagen hatte. Doch Preußen, industriell fortgeschritten und Vormacht im 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, gewann an Macht. Das Herzogtum Braunschweig, dessen auch Boffzen umgreifendes Staatsgebiet vor allem durch viele Grenzen geprägt war, war dem Zollverein schon 1842 beigetreten, der große Rivale, das Königreich Hannover, war 1854 gefolgt. Das erlaubte nicht nur wirtschaftliches Wachstum, sondern auch die Ankopplung an regionale und überregionale Märkte. Eisenbahnen halfen das Land zu erschließen, erlaubten Güter- und Warentransport, ermöglichten die billigere Produktion auch von Glas. Das Umfeld für eine Firmengründung schien also günstig, mochte der einen Monat vor der Zeitungsnotiz ausgebrochene „Deutsche Krieg“ zwischen den von Preußen bzw. Österreich geführten Koalitionen auch zu Verwerfungen führen. Im Juli 1866 hatte die Schlacht von Königgrätz den Krieg bereits zugunsten Preußens entschieden, zugunsten auch von Braunschweig, einem Mitglied der siegreichen Koalition. Die Gründung der Boffzener Glashütte setzte auf Frieden, auf weiteren wirtschaftlichen Aufschwung im anvisierten Norddeutschen Bund, vielleicht gar im vom Bürgertum größtenteils gewünschten Deutschen Reich.

Wir wissen nicht viel über die drei Unternehmer. Wichtig aber war, dass sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten verbanden, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Friedrich Bartling war Bauunternehmer, Heinrich Schmidt Zimmermeister, Hermann Witte Porzellanproduzent – sie konnten bauen, konnten Betriebe führen, hatten das nötige Grundkapital. Doch über die Personen ist nicht viel überliefert worden. Friedrich Bartling, der Bauunternehmer, lebte und arbeitete in Fürstenberg, in Sichtweite der geplanten Glasfabrik. Er stammte aus dem ostwestfälischen Werste, einem heutigen Stadtteil von Bad Oeynhausen im Kreis Minden-Lübbecke, wo er am 30. März 1827 geboren wurde. (3) Heinrich Schmidt war zwei Jahre jünger. Er stammte aus Boffzen, war Halbmeier, also ein tributpflichtiger Kleinbauer. Doch er sattelte um, setzte zudem auf die Holzwirtschaft der Region, wurde Zimmermeister und Sägewerkbetreiber. Wie viele Gewerbetreibende war er in Rechtshändel verstrickt: Er führte Prozesse gegen die Witwe des Vollmeiers Heinrich Hansmann aus Boffzen wegen eines Fußweges und gegen die Schule des Ortes wegen der Nutzung eines Heuweges. (4) Was uns antiquiert anmutet, war damals elementar, ging es doch um Freizügigkeit und Besitzrechte, also um die Grundlagen bürgerlicher Freiheit.

Über den Dritten im Bunde wissen wir mehr: Hermann Witte stammte aus dem preußischen Magdeburg, einer Handels- und Industriestadt, bekannt für Zucker und Zichorie, Metallwaren und Maschinen jeder Art. Geboren am 23. Dezember 1840 war er Sohn von Heinrich Witte sen., der im September 1862 zusammen mit Wilhelm Freytag die Porzellanmanufaktur Fürstenberg vom Herzogtum Braunschweig gepachtet hatte. (5) Witte sen. war ein Mann vom Fach, zuvor Dreher in der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin und technischer Leiter der Porzellanfabrik Buckau bei Magdeburg. In Fürstenberg liefen die Geschäfte in den 1860er Jahren sehr erfolgreich – und damit besaß die Familie genügend Kapital, um in eine Glashütte zu investieren. (6) Das war wohl Teil der typischen Strategie von Familienunternehmern dieser Zeit: Es galt, Hermann Witte und seinem Bruder eigene unternehmerische Existenzen aufzubauen. Der jüngere Friedrich Hermann Witte (geboren am 6. August 1847 in Buckau) wurde wenige Jahre später, 1872, Mitglied der Geschäftsleitung in Fürstenberg, nachdem Mitinhaber Wilhelm Freytag ausgestiegen war. (7)

Wagemut – Eine Investition in die neue Zeit

Das Gründungstrio besaß genügend Kapital, um 1866 den Firmengrund zu kaufen. Am 18. Juni 1866 erwarben sie vom Boffzener Landwirt Heinrich Hansmann ein Grundstück von 7.500 Quadratmetern. (8) Aus damaliger Sicht lag es verkehrsgünstig, an der Chaussee von Fürstenberg nach Holzminden – und zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sägemühle des Mitinhabers Heinrich Schmidt.

Lageplan der Boffzener Glashütte 1866 – mit den späteren Erweiterungen der Firma Noelle & von Campe im 19. Jahrhundert (Archiv Freundeskreis Glas)

Die Motive der drei Gründer, just in eine Glashütte zu investieren, sind nicht im Detail überliefert. Glas und Porzellan werden aus ähnlichen Rohstoffen hergestellt – dies war gewiss ein Argument für die Familie Witte, investierte man doch in ein ähnliches Gewerbe. Beide Branchen erfuhren damals grundsätzliche Veränderungen, denn sie wurden teils privatisiert: Sowohl in der Porzellan- als auch in der Glasherstellung gingen herzoglich-braunschweigische Manufakturen an private Unternehmer über. Die ehedem rein handwerkliche Produktion wurde neu organisiert, zum Markt hin geöffnet und mit ersten Maschinen experimentiert. Die Grünenplaner Spiegelglashütte war bereits 1830 in den Privatbesitz von Friedrich Carl Ludwig Koch überführt worden. Die wirtschaftspolitische Umkehr reagierte auf den wachsenden Wettbewerbsdruck durch auswärtige Konkurrenz und die beträchtliche Verteuerung des Brennholzes im Solling. Grünenplan wies einen Ausweg aus der Krise der Sollinger Glasindustrie, spezialisierte sich die Firma doch auf sehr reines Glas für optische Zwecke, weitete zugleich ihren Absatz über die Region aus. (9)

Die Verkehrsanbindung war also zentral – und das betraf nicht allein die Lage an der Handelsroute gen Holzminden. 1864 war auf westfälischer Seite die Eisenbahnlinie von Altenbeken nach Höxter in Betrieb genommen worden, 1865 folgte unter braunschweigischer Federführung die Linie von Holzminden nach Kreiensen (und weiter nach Braunschweig). Damit konnte die Rohstoff-, insbesondere aber die Energiezufuhr entscheidend verbilligt werden. Die Neugründung bei Boffzen sollte nicht mehr, wie die alten Sollinger Hohl- und Tafelglashütten, mit Buchenholz, sondern mit Kohle beheizt werden – und die kam per Eisenbahn aus den neu errichteten Zechen des Ruhrgebiets.

Der Wandel der Glasindustrie zur damaligen Zeit spiegelte sich im Gründertrio. Prägten zuvor Glasmacherfamilien das Gewerbe – Väter führten vielfach ihre Söhne in die Glasmacherkunst ein – so investierten nun fachfremde Investoren und machten damit den im Niedergang begriffenen  Sollinger Glashütten neue Konkurrenz. Umso wichtiger war neben dem Faktor Boden der Faktor Arbeit. Für ein gutes Geschäft war es entscheidend, einen erfahrenen Hüttenmeister und eine Kernmannschaft fähiger Glasmacher anzuwerben, denn nur so konnte die technische Seite des Geschäfts reibungslos laufen. Von Beginn an ging es daher nicht nur um eine Glashütte, sondern auch um die „nötigen Wohnhäuser“ (10). Als Hüttenmeister warben die Gründer Friedrich Hackel von der nahe Boffzen gelegenen Glashütte Rottmünde ab. (11) Dieser erkannte, dass er in einer guten Verhandlungsposition war. Er erhielt neben seinem Jahressalär von 400 Talern auch freie Wohnung und Feuerung sowie fünf Prozent des Gewinns. (12)

Industrieansiedlung auf der grünen Fläche: Bauplan der Glasfabrik 1870 (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 130 Neu 3 Nr. 17)

Die Glashütte entsprach den Blaupausen damaliger Ratgeberliteratur. Der wirtschaftliche Erfolg hing dabei von der angemessenen Wahl des Glasofens ab, der wie die frühen Dampfmaschinen den Mittelpunkt des Betriebes bildete. Dies zeigte sich schon bei der ersten Gesellschafterversammlung am 29. Oktober 1866, die das Ergebnis betrieblicher Suchbewegungen zusammenfasste: „Betreff des Ofenbauer ist bestimmtes noch nicht festgestellt, wenn auch allen der Vorteil, welcher der Siemsche [sic!] Ofen hat einleuchtet, so kann doch eine Entscheidung nicht herbei geführt werden, da bei einer so hochwichtigen Einrichtung erst sich Jemand über die wirkliche Zweckmäßigkeit informieren müßte, was zunächst dadurch geschehen soll, daß einer der Herren in möglicher Begleitung des Herrn Hackel eine oder mehrere Fabriken besichtigt.“ (13) Diese kleine Passage spiegelt die Umbrüche der Branche, ihren Weg in die neue Maschinenwelt. Denn auf die Gründungsbekanntmachung folgte ein Schriftwechsel erst mit den Repräsentanten, dann mit dem Patentinhaber Friedrich Siemens selbst. Er hatte Ende der 1850er Jahre einen neuartigen Regenerativofen entwickelt, der nach einigen Modifikationen ab 1864 erst in der Stahl-, dann auch in der Glasindustrie Verbreitung fand. Er verbesserte die Mitte des Jahrhunderts aufkommenden Öfen mit indirekter Feuerung: Das Brennmaterial wurde in Generatoren verbrannt, das entstehende Gas dann in den eigentlichen Ofen gelenkt, wo es unter Luftzufuhr verbrannte. Es wurde dann durch Kammern aus feuerfestem Stein, den Regeneratoren, geleitet, um schließlich den Schmelzprozess des Glasgemenges in Gang zu setzen und zu halten. Siemens pries Hermann Witte die Vorteile an, nämlich Ersparnis an Brennstoff, an Flussmitteln, die Darstellung eines ganz reinen Glases und die schnellere Schmelzung. (14) Der Nachteil des 1866 nochmals speziell für die Glasproduktion modifizierten Regenerativofens lag jedoch in den wenigen bisher vorliegenden Erfahrungen und seinem relativ hohen Preis. Aus diesem Grunde orderte die Glashütte einen einfacheren und billigeren Ofen, den der frühere Siemens-Ingenieur Boetius seit 1864 auf eigene Rechnung vertrieb. (15) Gegenüber den seit Anfang des 19. Jahrhunderts genutzten Öfen mit ersten Rosten steigerte er die Temperatur durch die Einspeisung von Luft zur Flamme und erreichte damit eine Ersparnis von beträchtlichen 30% Brennmaterial. (16) Das war gewiss keine schlechte Wahl, verwies aber auch auf die begrenzte Kapitaldecke der Investoren. Wenige Jahre später optierte die Nachfolgefirma Noelle & von Campe dann für einen Siemensschen Regenerativofen, der sich in den 1870er Jahren als Standard etablierte: Von den 1877 im Deutschen Reich eingerichteten Glasöfen liefen 336 mit Gasfeuerung, davon 208 nach dem System Siemens, 67 nach dem von Boetius. (17)

Raumplan der 1867 in Betrieb genommenen „Glasfabrik Steinbreite Schmidt & Witte“ (Archiv Freundeskreis Glas)

Der Boetius-Ofen bildete mit seinen sechs Häfen den Mittelpunkt des Fabrikgebäudes, das man sich nicht zu allzu groß vorstellen sollte. Der eigentliche Schmelz- und Arbeitsraum war nur wenig größer als die auf dem Fabrikgelände gelegene Wohnung des Hüttenmeisters Hackel. Die Bauarbeiten wurden im Sommer 1866 aufgenommen, doch gab es wegen der langwierigen Ofenauswahl und des schlechten Wetters Verzögerungen. Die Glashütte nahm als „Glasfabrik Steinbreite Schmidt & Witte“ schließlich im Sommer 1867 ihre Produktion von weißem Hohlglas auf, produzierte vor allem Lampenzylinder, Trinkgläser und Branntweinflaschen. (18)

Geschäftsbetrieb

Der Geschäftsbetrieb litt anfangs noch unter technischen Problemen, auch Musterbücher waren Mitte 1867 noch nicht erstellt. (19) Dennoch konnte man damals schon Bierseidel, Weingläser, Trink- und Likörgläser sowie Branntweinflaschen liefern. Parallel galt es, Lieferanten für hochwertige und zugleich preiswerte Rohstoffe zu finden, gab es damals doch noch keine Normierung derartiger Güter. Ähnliches galt für Glasfarben. Ab dem Spätsommer 1867 wurden Preisverzeichnisse versandt, der Absatz erfolgte zumeist über Großhändler. (20) Zudem richtete man erste Agenturen ein. (21) Die Nachfrage entwickelte sich offenbar günstig, allerdings kam man mit dem Formenbau nicht nach, hatte trotz dienstfertigen Bemühens Schwierigkeiten, passgenaue Kundenwünsche zu befriedigen. (22)

Die „Glasfabrik Steinbreite Schmidt & Witte“ setzte ihre Produkte vor allem regional ab, also in Braunschweig, Hannover, Westfalen und dem Rheinland. Die Rohwaren kamen vornehmlich aus dem Westen, aus Westfalen und dem Rheinland. Die nicht allzu zahlreichen Geschäftsschreiben verdeutlichten nicht nur die beträchtlichen Schwierigkeiten bei der Zahlung von Rechnungen, den einschlägigen Rabatten und Skonti und die Probleme eines auf Wechselzahlungen gründenden Geschäftes. Die damit einhergehenden Finanzierungsschwierigkeiten waren offenkundig. Explizit hieß es, da „wir nun in den nächsten Tagen Verbindlichkeiten nachzukommen haben, so würden Sie uns sehr verbunden, wenn Sie uns unser Guthaben einsenden wollen.“ (23) Dies waren übliche Probleme im damaligen Geschäftsbetrieb, doch sie verwiesen zurück auf die geringe Kapitalausstattung der neuen Firma. Das Gesellschaftskapital lag nominell zwar bei 45.000 Talern, doch war dieses zum größeren Teil nicht eingezahlt worden, sollte vielmehr durch die einbehaltenen Gewinne der Glashütte erreicht werden. (24)

Das Auseinanderbrechen eines Gründungstrios

Vor diesem Hintergrund waren Konflikte zwischen den drei Gründern nicht überraschend. Schon 1867 schied Bauunternehmer Friedrich Bartling nach deutlichen Meinungsverschiedenheiten über die Bausumme aus der Gesellschaft aus. (25) In einem Schreiben schlug er Heinrich Schmidt eine Zahlung von 5600 Talern vor und verwies auf seine angespannte finanzielle Situation, „indem ich doch nun schon seit 1 ½ Jahren nur von meinem baaren Gelde gezehrt habe, und nichts verdient“ (26) habe. Die Fertigstellung der Hüttenanlage war für ihn vorrangig, nicht jedoch das langfristige Engagement in einer ihm branchenfernen Firma. Später folgten weitere Unstimmigkeiten mit dem Hüttenleiter Hackel, die kurz vor einer rechtlichen Auseinandersetzung standen, doch noch gütlich bereinigt werden konnten. (27) Bartlings Ausscheiden führte schon vor Produktionsbeginn zu einer Namensänderung von „Bartling & Co.“ – man folgte dem Senioritätsprinzip, war Bartling doch der älteste Gesellschafter – zu „Glasfabrik Steinbreite Schmidt & Witte“.

Auf der Suche nach qualifiziertem Personal (Kunst und Gewerbe 4, 1870, 144)

Doch auch die Familie Witte schied 1870 aus, verkaufte ihre Anteile an August von Campe. Es war eine Art Vorgriff auf mehrere Unglücksfälle dieser Familie: 1872 starb Friedrich Hermann Witte im Alter von nur 25 Jahren. Die im Kirchenbuch verzeichnete Todesursache war „akuter Rheumatismus“, so dass er nur kurz in der Geschäftsleitung der Porzellanmanufaktur Fürstenberg hatte wirken können. Sein Bruder Heinrich verlor im selben Jahr seinen zweieinhalbjährigen Sohn durch die Ruhr, eine der vielen damals noch wütenden Infektionskrankheiten. Zwei Jahre später starb er selbst mit 34 Jahren an einem Gehirnschlag. (28) Heinrich Witte sen. schied schließlich 1878 aus der Porzellanmanufaktur aus. (29)

Nach dem Ausscheiden von Heinrich Witte firmierte die Firma als „Schmidt & Co. Glasfabrik Steinbreite“. Doch 1874 verließ mit Heinrich Schmidt auch der letzte verbliebene Investor des Gründungstrios die Firma. Seine Anteile von zwei Dritteln des Kapitals verkaufte er an die Brüder Heinrich und August Noelle aus Lüdenscheid. Die neuen Eigentümer benannten die Glashütte um – seitdem firmierte sie bis 1974 unter dem Namen Noelle & von Campe, bis die damalige Geschäftsleitung das alte deutsche Und-Zeichen durch ein bilanznahes Plus-Zeichen ersetzte.

Uwe Spiekermann und Stefanie Waske, 1. November 2020

Anmerkungen
(1) Braunschweigische Landeszeitung und Holzmindener Anzeiger 1866, Nr. 60 v. 28. Juli 1866, 6 (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel (NLA WO), 130 Neu 3 Nr. 17).
(2) Gesellschaftervertrag 1866, §1, Archiv Freundeskreis Glas.
(3) Noelle + von Campe. Chronik 1866-1981, Boffzen 1981 (Ms.), 1.
(4) NLA WO 40 Neu 10 Fb. 4 Nr. 395 und NLA WO 40 Neu 10 Fb. 4 Nr. 396.
(5) Aus dem Kirchenbuch Fürstenberg, Unterlagen Gord von Campe, Archiv Elisabeth Pophal.
(6) Christian Lechelt, Die Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Von der Privatisierung im Jahr 1859 bis zur Gegenwart, Braunschweig 2016, 19-20.
(7) Ebd., 20.
(8) Chronik, 1981, 1.
(9) Johannes Laufer, Von der Glasmanufaktur zum Industrieunternehmen. Die Deutsche Spiegelglas AG (1830-1955), Stuttgart 1997, insb. 28.
(10) Chronik, 1981, Anlage 3.
(11) Ebd.
(12) Ebd., Anlage 5.
(13) Protokoll des Gesellschaftertreffens v. 29. Oktober 1866, Archiv Freundeskreis Glas.
(14) Schreiben von Friedrich Siemens an Hermann Witte v. 30. September 1866, Archiv Freundeskreis Glas.
(15) Richard Ehrenberg, Die Geschichte der Brüder Siemens und ihrer Unternehmen bis 1870, ND Bremen 2011, 332.
(16) Robert Großmann, Die technische Entwicklung der Glasindustrie in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, Leipzig 1908, 18. Detailliert zur Ofentechnik: E[mil] Tscheuschner, Handbuch der Glasfabrikation nach allen ihren Haupt- und Nebenzweigen, 5. neu bearb. Aufl., Weimar 1885, 218-292; Robert Dralle, Anlage und Betrieb der Glasfabriken mit besonderer Berücksichtigung der Hohlglasfabrikation, Leipzig 1886, 2-261.
(17) H[einrich] Stegmann, Gasfeuerung und Gasöfen, Heidelberg 1881, 224.
(18) Chronik, 1981, 2.
(19) Schreiben von Schmidt & Witte an Rudolf Bartling, Hildesheim v. 9. Juni 1867, Archiv Freundeskreis Glas (auch für das folgende Zitat).
(20) Schreiben von Schmidt & Witte an Rudolf Merokolt, Halle/S. v. 9. September 1867, Archiv Freundeskreis Glas.
(21) Schreiben von Schmidt & Witte an Gustav Böckelmann, Wolfenbüttel v. 18. September 1867, Archiv Freundeskreis Glas.
(22) Schreiben von Schmidt & Witte an die Eisengießerei Schünemann, Dassel v. 11. Oktober und v. 21. Oktober 1867, Archiv Freundeskreis Glas.
(23) Schreiben von Schmidt & Witte an B. Michel & Co., Ehrenfeld v. 5. Dezember 1867, Archiv Freundeskreis Glas.
(24) Gesellschaftervertrag 1866, §3, Archiv Freundeskreis Glas.
(25) Schreiben von Friedrich Bartling an Heinrich Schmidt, undatiert [April 1867], Archiv Freundeskreis Glas.
(26) Schreiben von Friedrich Bartling an Heinrich Schmidt v. 11. Mai 1867, Archiv Freundeskreis Glas.
(27) Schreiben von Friedrich Bartling an Heinrich Schmidt und Hermann Witte v. 26. Februar 1869, Archiv Freundeskreis Glas.
(28) Kirchenbuch Fürstenberg.
(29) Lechelt, 2016, 21.

Ein Versuch zur Heilung der Verwerfungen des Industriezeitalters – Die Boffzener Arbeitersiedlung Steinbreite als Reformprojekt vor dem Ersten Weltkrieg

Die Boffzener Arbeitersiedlung Steinbreite kommt unscheinbar daher. Fünfzehn Familien von Glasarbeitern der benachbarten Glashütte Noelle & von Campe fanden hier eine Heimstatt, lebten in einfachen Wohnhäusern aus Sollinger Sandstein. Und doch, die kleine Siedlung steht für etwas Großes: Sie war eine Antwort auf zentrale Probleme der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ehe sich Europa im Ersten Weltkrieg zerfleischte. Diese Zeit war geprägt von vielfältigen Aufbrüchen in Kultur und Gesellschaft, geprägt aber auch vom Glauben an die Gestaltungskraft des Menschen: Im Mittelpunkt stand die soziale Frage, der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital. Doch kaum weniger drängend waren die Verwerfungen zwischen Stadt und Land. Noch lebte die Mehrzahl der Bevölkerung auf dem Lande, doch die Wertschöpfung der Industrie hatte die der Landwirtschaft kurz vor 1900 überflügelt. Das rasche Städtewachstum hatte neue Machtstrukturen geschaffen, mit Metropolen als Gewerbe- und Kulturzentren, als Sitz von Parlamenten und Residenzen. Dies wurde nicht nur als Fortschritt, sondern als Bedrohung wahrgenommen, als Abkehr von ländlicher Schlichtheit und einer geordneten ständischen Welt, in der jeder seinen Platz hatte. Es galt daher, das Land zu stärken; und so stritt man um Maßnahmen gegen die Landflucht, um ländliche Wohlfahrtspflege, um die Grundlagen eines auskömmlichen und gedeihlichen Lebens auf dem vermeintlich gesünderen Lande. Eng damit verbunden war ein drittes drängendes Thema, die Wohnungsfrage. Mochten die öffentlichen Debatten auch vorrangig um die Großstädte mit ihrer Wohnungsnot und ihren konturlosen Mietskasernen kreisen, so lebte doch die Mehrzahl der damaligen Deutschen in Dörfern und Kleinstädten – und dort waren die Wohnverhältnisse häufig noch arger als im vermeintlichen Moloch der sich ausbreitenden Städte. Die Boffzener Arbeitersiedlung Steinbreite ist ohne diese großen Debatten nicht verständlich. Blicken wir also etwas genauer hin.

Soziale Frage, Stadt-Land-Verhältnis und die Wohnungsfrage

Boffzen war ein Industriedorf, in dem die sozialen Fragen der Zeit im Verhältnis von Glasarbeitern und Unternehmern, von Unternehmervillen und Arbeiterwohnungen nach der Jahrhundertwende deutlich zutage traten. Die beiden lokalen Glashütten – seit 1872 die Georgshütte G. Becker, seit 1874 die schon 1866 als Bartling & Co. gegründete Hohlglashütte Noelle & von Campe – hatten seit ihrer Gründung Wohnungen für ihre Arbeiter gebaut, mussten diese doch mit einem ordentlichen Angebot in das damalige Brückfeld bei Boffzen gelockt werden.

Lageplan der Arbeiterwohnhäuser bei Schmidt & Co. (später Noelle & von Campe) 1874 (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Für die Glasarbeiter waren diese Wohnhäuser unabdingbar, nicht nur, weil im Boffzener Unterdorf kaum Wohnraum zur Verfügung stand. Gerade die bestbezahlten „Fertigmacher“ verstanden sich weniger als Arbeiter, gar Proletarier, sondern als Handwerker. Ihre Glaskunst wurde durch die leistungsfähigen Gasöfen zwar wesentlich beschleunigt, doch am Ende entschieden ihre Fertigkeiten über die Qualität des Glases und damit den Erfolg der Unternehmer. Entsprechend war ihr Lohn für den Solling gut auskömmlich, zumal im Vergleich zu Land- und Forstarbeitern. Die Glasarbeiter waren zugleich – anders als städtische Fabrikarbeiter – in das landwirtschaftliche Umfeld eingebunden, denn etwas Ackerland und Kleintierhaltung waren für sie üblich. Das erlaubte eine etwas bessere Ernährung, schuf zugleich Puffer für beschäftigungsarme, gar beschäftigungslose Zeiten.

Die Hüttenbesitzer unterstützten diese Grundhaltung, denn sie deckelte die Löhne und schuf zugleich eine Kernbelegschaft, die im Falle von Fehlverhalten nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihre Wohnung verlor. Auch für die Unternehmer war die soziale Frage kein strikter Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, war mehr als die leidige Lohnfrage. Sie verstanden sich als patriarchale Herren, die ihren Beschäftigten mehr schuldeten als Geld, die auch Verantwortung für deren Leben und deren Familie übernahmen. Entsprechend ging es ihnen – Wohlverhalten und moderate Ansprüche der Arbeiter vorausgesetzt – immer auch um die „allmähliche Hebung des Kulturstandes“ (1) der ihnen Anvertrauten. Betriebliche Sozialpolitik war für sie immer auch Bildungs- und Erziehungsprogramm: Der Wohnungsbau förderte die Familie und damit geordnete private Verhältnisse. Der 1891 von Noelle & von Campe initiierte Konsumverein führte zu geordnetem Wirtschaften und Barzahlung, hielt zugleich den Alkoholkonsum in akzeptablen Grenzen. Das 1904 von der im Jahr zuvor gegründeten Carl-Becker-Stiftung errichtete Invalidenhaus gab die Aussicht auf ein Lebensende in Würde.

Die Anfang des 20. Jahrhunderts gebauten Unternehmervillen – Noelle (1897), Becker (1905), von Campe (1905) – setzten allerdings einen neuen Akzent, wurde damit doch auch der Gegensatz zwischen beiden Gruppen deutlich hervorgehoben. Die Arbeitersiedlung Steinbreite war deren Gegenstück. An die Stelle der zuvor gebauten seriellen Mietwohnungen wurden nun nämlich Einzelhäuser gestellt.

Serielle Arbeitermietshäuser auf dem Gelände der Georgshütte um 1900 (Schreiben von G. Becker an die Kreisdirektion Holzminden v. 13. September 1901, Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Der Bau von Unternehmervillen einerseits, einer Arbeitersiedlung wie in der Steinbreite anderseits, spiegelte ein vorrangig städtisches Phänomen, nämlich die sozialräumliche Segregation einzelner Schichten – denken Sie etwa an den Gegensatz zwischen den Bürgervillen an der Hamburger Binnenalster und den Arbeiterbehausungen im Gängeviertel. Doch die Boffzener Bauanstrengung war auch Teil einer Stärkung des Landes, wie sie insbesondere vom 1896 gegründeten Deutschen Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege und dem Publizisten Heinrich Sohnrey propagiert wurde. (2) Sie war ebenfalls eine Antwort auf die in den Metropolen eifrig geführte Agrar-Industriestaat-Debatte, bei der es um nicht weniger als die Konturen des Deutschen Reiches ging. Sollten die Industrie und die sie vorantreibenden bürgerlichen Schichten das Land dominieren, oder sollten Adel und Großbauern einen bestimmenden Einfluss behaupten?

Heinrich Sohnrey plädierte für letzteres, doch der völkisch-nationalistische Propagandist wusste, dass sich auch und gerade das Land ändern musste, wollte es seine ehedem prägende Rolle nicht gänzlich verlieren. Gemeinsam mit vielen vor allem aus dem protestantischen Bürgertum stammenden Mitstreitern entwickelte er ein umfassendes Reformprogramm, bei dem es um eine Verbesserung der ländlichen Verhältnisse auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet ging. (3) Wirtschaftlich zielten die Reformer auf selbständige bäuerliche und handwerkliche Existenzen, unterstützten daher Kredit- und Produktionsgenossenschaften, regten eine durchaus marktbezogene Veredelungswirtschaft an, ebenso die Anbindung an Wasser- und Elektrizitätsversorgung. Sozial stand man für eine regulierte Zufuhr ausländischer Landarbeiter, für Maßnahmen zur sozialen Besserstellung deutscher Landarbeitern, umfassende Bildungs- und Erziehungsprogramme sowie eine systematische Förderung der Dörfer, um Grundlagen der Daseinsfürsorge gewährleisten zu können. Kulturell koppelte man Volkskunde und Brauchtumsförderung mit einem umfassenden Naturschutz. Es handelte sich also um eine aus heutiger Sicht widersprüchlich anmutende Verbindung von sozialpolitischem Fortschritt und einem ideologisch aufgeladenen Beharren auf einem ideal gedachten, so jedoch nie existierenden ländlichen Dasein. Arbeiter in Industriedörfern wie Boffzen waren für diese Reformer Teil eines größeren Problems, zugleich aber Teil der Lösung.

Hier gedeihlich ansässige Arbeiter boten nämlich eine Alternative zu den – so die Wahrnehmung – fordernden sozialdemokratischen Proletariermassen, belegten zugleich auch, dass Klassenkampf nicht nötig sei. Diese durchaus wirkungsvolle Reformbewegung stand am Anfang einer deutlich breiter aufgestellten und weniger sozialpolitisch agierenden Heimatschutzbewegung und allgemeiner Bestrebungen zur „inneren Kolonisation“. Sie teilten wichtige Elemente mit der Lebensreformbewegung dieser Zeit, insbesondere eine Sehnsucht nach dem Lande und dem Ländlichen, wie sie sich etwa in der Künstlerkolonie Worpswede, vegetarischen Siedlungen wie etwa „Eden“ bei Oranienburg oder aber der Wandervogelbewegung niederschlug: „Die Großstädte bieten immer weniger die Möglichkeit, angenehm in ihnen zu wohnen. Die Ansiedelung auf dem Lande, mit ländlichem Naturgenuß und Naturnutzbarkeit ist das Ziel der Gegenwart, und das Wohnen auf dem Lande in enger Verbindung mit der Natur wird in der Zukunft stets als notwendige Stärkung zur Arbeit in der Stadt erstrebt werden.“ (4)

Arbeiterkolonie Marga im Braunkohlerevier der Niederlausitz: Heimstatt für 3.800 Menschen (Die Woche 16, 1913, 1361)

All dies hatte deutliche Rückwirkungen auf die Wohnungsfrage und insbesondere den Arbeiterwohnungsbau. Die Wohnverhältnisse waren bereits im frühen 19. Jahrhundert in Stadt und Land prekär geworden, doch die moderne Wohnungsfrage stellte sich zuerst in den Industriezentren, dann in den Metropolen. Der rasche Zuzug von Hundertausenden überforderte die Kapazitäten des Baugewerbes, traf auf eine erst aufzubauende Bauverwaltung, ließ der Spekulation gar breiten Raum. Die Wohnungsnot trat während der Gründerkrise in den 1870er Jahren in den Blick der Öffentlichkeit, da die damals vornehmlich in Berlin hochgezogenen Mietskasernen in ihrer seriellen Ausdruckslosigkeit nicht den Vorstellungen des Bürgertums entsprachen. (5) Das galt noch stärker in reinen Industriezentren, etwa den Kohleregionen des Ruhrgebietes, der Lausitz oder aber Oberschlesiens, wo große Hütten die Daseinsfürsorge vielfach in eigene Hand nehmen mussten. Der Arbeiterwohnungsbau war dort notwendig und „ein gutes Mittel, Arbeiter in der Nähe der Arbeitsstätte seßhaft zu machen und sich einen Stamm tüchtiger Kräfte zu erhalten. In den Städten freilich kommt dieses Mittel weniger zur Anwendung, vielmehr vornehmlich auf dem Lande, wo es gilt, Arbeiter an abgesondert liegende Werke zu fesseln.“ (6) Doch gerade in diesen Regionen veränderte sich um die Jahrhundertwende die Art des Bauens: „Man war von den langweiligen und öden Reihenhäusern der ersten Bauperiode auf die abwechselnd gestalteten, gefälligen neueren Arbeiterhäuser gekommen“ (7). Diese architektonischen Veränderungen zielten allesamt tiefer, wollten mehr als die Regelung lokaler Probleme bei der Unterbringung von Arbeitern. Es ging um deren Verbürgerlichung, um ein Angebot für ein besseres, nicht proletarisches Leben. (8)

Praktiker warnten allerdings vor zu großen Erwartungen, wie sie insbesondere im protestantischen Bürgertum gehegt wurden. Deren religiös geprägter Idealismus setzte vielfach nicht bei der Lebenswelt der damaligen Arbeiter, ihren Nöten und Vorstellungen an. Die Liebe für das Land war bei denen, die zumeist vom Land in die Stadt gezogen waren, um dort ein besseres Leben zu führen, nicht sonderlich ausgeprägt: „Meist findet man eine Vorliebe für das Landleben, den Wunsch, ein Einfamilienhaus außerhalb der Steinmauern der Großstadt zu besitzen, erst bei den im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf Emporgekommenen, denen, die über die gröbste Sorge hinaus sind, vor allem den Gebildeten und den Angehörigen der oberen Gesellschaftsklassen. Es ist aber durchaus irrig, diese Liebe zur Natur ohne weiteres auch bei den anderen Stadtbewohnern vorauszusetzen.“ (9) Zum anderen aber gab es beträchtliche Probleme bei der Umsetzung ambitionierter Wohnungsbauprojekte. Güterabwägungen waren erforderlich, denn die für Arbeiter möglichen Kleinwohnungen konnten nicht deutlich über dem Einkommensniveau einer Region liegen, mussten also erschwinglich sein. Anderseits mussten sie der sich gerade um die Jahrhundertwende rasch entwickelnden Konsumkultur zumindest ansatzweise entsprechen. Dies schien die Quadratur des Kreises zu sein – und es ist kaum verwunderlich, dass die Skepsis sozialdemokratischer Theoretiker groß war. Für sie war die Wohnungsfrage eine Lohnfrage, würden erst höhere Löhne das Problem regeln. Doch auch sie wussten, dass größere Wohnungen relativ billiger waren, zumindest in Bezug auf die Miet- resp. Baukosten je Quadratmeter. (10)

Karl Siebold als Ideengeber der Boffzener Arbeitersiedlung

Protestantischer Erwecker. Der Architekt Karl Siebold (Stadtarchiv Gütersloh, Wikipedia)

All diese Debatten fanden auch in Boffzen Gehör und Widerhall, mochte sich die soziale Frage, die Entfremdung von Stadt und Land sowie die Arbeiterwohnungsfrage vor Ort auch anders stellen. Doch auch in Boffzen gab es ein protestantisches Bürgertum, etwa den Pastor Heinrich Emil Schomburg [Link Pfarrhaus] oder aber den Hüttenbesitzer Max Eugen Noelle. [Link Villa Noelle] Sie nahmen diese allgemeinen Debatten nicht nur zur Kenntnis, sondern griffen deren Lösungsvorschläge produktiv auf. Entscheidend für die Arbeitersiedlung Steinbreite wurden dabei die Vorschläge des Architekten Karl Siebold. (11)

Siebold stammte aus einer Pastorenfamilie im ostfälischen Schildesche (bei Bielefeld), aus einem Umfeld von protestantischer Erweckungsleidenschaft und Innerlichkeit. Das war nicht eine Stätte modernen Rationalismus, wohl aber eines reflektierten Idealismus, wie für die Wohnungsreform gewiss erforderlich. Siebold studierte Architektur an der Berliner Bauakademie, siedelte dann nach Bethel über. Bethel, das war damals vor allem Friedrich von Bodelschwingh, Sozialreformer und Menschenfänger, dessen Anstalten Maßstäbe für die protestantische Sozialarbeit setzten. Siebold profitierte von Bodelschwinghs Vorarbeiten im Kleinwohnungswesen, die 1885 in den Verein „Arbeiterheim“ mündeten.

„Eigener Herd auf eigener Scholle“ – Die Wohnkolonie des Deutschen Vereins Arbeiterheim (Behrendt, 1898, 1)

Bodelschwingh war Teil der breiteren Wohnreformbewegung, für die er predigte und warb. (12) Sein Ziel war „eigener Herd auf eigener Scholle“, die rasch errichtete Wohnkolonie bildete einen Gegenentwurf zur Verstädterung der modernen Industriegesellschaft. Es ging um ausreichende, bezahlbare Familienwohnungen, um ein ländlich zufriedenes Leben, um „Häuschen, Gärtchen und Schweinchen“, so Bodelschwingh. Siebold wurde technischer Leiter der Versuchsstation des Vereins „Arbeiterheim“, experimentierte mit Grundrissen, Baumaterialien und architektonischen Formen, ehe er 1891 die Leitung der Bauverwaltung der Bodelschwinghschen Anstalten übernahm. (13)

Als solcher wurde Siebold bekannt, sein Hauptinteresse galt jedoch dem Kirchenbau, schuf er doch nicht weniger als 36 evangelische Kirchen und acht Kapellen. Aber er baute zudem Wohnsiedlungen, etwa auf der Zeche Radbod bei Hamm in Westfalen, im benachbarten Kamen, bei St. Avoid in Lothringen. Rentengüter im siegerländischen Weidenau waren darunter, doch auch Siedlungen in Niedersachsen: 80 Kleinwohnungen in Wietze bei Celle, immerhin zehn in Carlshafen an der Weser. (14) Boffzen lag in der Nähe, doch Siebold baute hier nicht. Die Arbeitersiedlung Steinbreite ist ohne seine Broschüre „Viventi satis“ von 1906 jedoch nicht denkbar. (15) Sie wirkte vor Ort, wirkte insbesondere auf Max Eugen Noelle.

Arbeiterwohnungsbau im niedersächsischen Stil. Arbeiterhaus in Wietze bei Celle (Siebold, 1910, 76)

Siebold entwickelte darin mit klaren Strichen seine Antwort auf die soziale Frage, die Entfremdung von Stadt und Land sowie die Wohnungsfrage. „Das Ideal wäre: überall sesshafte Leute auf eigenem Grund und Boden.“(16) Er plädierte für eine an die örtlichen Verhältnisse angepasste Formsprache, für billige Eigenheime für alle. Das erforderte „ländliches“ Bauen, also den Verzicht auf Kanalisation oder ausgebaute Nebenwege. Für lediglich 3500 M sollte ein solches Haus möglich sein – das waren für die bestbezahlten Boffzener Glasbläser etwa zwei Jahreslöhne. Die Häuser verzichteten auf Komfort, boten jedoch relativ viele Räume in Keller, Erdgeschoss und erster Etage: Viventi satis – Genug zum Leben. Das diente einem sittlichen Familienleben, sollten doch auch die Kinder nicht alle zusammenschlafen, sondern nach Geschlechtern getrennte Zimmer erhalten. Auch für Ziegen und Schweine gab es kleine Stallungen, ebenso für die unverzichtbaren Hühner. Die Häuser hatten allesamt einen Garten, doch neben den Magen trat auch das Gemüt. Vor dem Haus konnten Blumen und Ziersträucher angepflanzt werden, hinter dem Haus folgte ein Hof mit Bäumen für Mensch und Tier, schließlich der Gemüsegarten für Kartoffeln, Kohl und andere Leckereien. Ziel all dessen war es, „hoffnungsvolle Leute zu schaffen, die ‚festsitzen am Grund und Boden‘, Heimatgefühl haben und als glückliche unabhängige Menschen schliesslich selbst neben dem Viventi satis gern an ihres Hauses Giebel schreiben werden das wahrhaft Freie noch viel schönere: ‚Morituro satis‘“(17) – genug zum Sterben.

Vorbilder für die Arbeitersiedlung Steinbreite: Arbeiterwohnungen in Bethel (Siebold, 1906, nach 6)

Die Schrift erregte ein gewisses Aufsehen in Fachkreisen, nicht zuletzt wegen der darin enthaltenen polemischen Spitzen gegen die zu strikte Regulierung durch Baupolizeiverordnungen. Es folgten Aufträge, so etwa für die angesprochene Arbeitersiedlung der Zeche Radbod bei Hamm in Westfalen. Sie hat einige Ähnlichkeiten mit der Siedlung in der Steinbreite in Boffzen, war jedoch gänzlich anders dimensioniert, entstanden hier in der ersten Bauphase von 1906 bis 1909 doch 830 Häuser. (18)

Blick auf die Sieboldschen Arbeitersiedlung in Radbod (Siebold, 1910, 73)

Wichtig war, dass die einzelnen Häuser die Wünsche der Arbeiter berücksichtigten, dass sie zugleich eine Art dörfliches Ensemble schufen, obwohl sie allesamt die gleiche Grundausstattung boten. Siebold hat seine beim Bau gemachten Erfahrungen kurz darauf nochmals reflektiert und dargelegt. (19) Leitlinie war die gleichberechtigte Verbindung sozialer, wirtschaftlicher und architektonisch-technischer Aspekte: Sozial waren diese Siedlungen einem protestantisch-konservativem Menschen- und Gesellschaftsbild verpflichtet: „Ein gesundes Staatsleben beruht auf gesundem Familienleben. Nicht nur ein besonderer Volksstamm liebt das Einzelhaus, es ist das Naturgemäße für jede Familie, wie man aus der Geschichte der Völker erkennen kann. Das Ungesunde unserer jetzigen Bauweise ist zwar entwickelungsgeschichtlich verständlich, muß jetzt aber verschwinden.“ Ihm ging es daher um den Kampf gegen das städtische „Herdenwohnen, das unserer Entwickelung nicht mehr entspricht. Darum hinaus vor die Städte, auch wo noch keine Verkehrsgelegenheit vorhanden ist, sie wird schon nachfolgen, sobald die Ansiedelung geschehen! Gartenstädte, Gartendörfer!“ Wirtschaftlich plädierte Siebold für erschwingliche Wohnungen, möglichst ohne Subventionen von Industriebetrieben. Dazu nahm er den Staat, insbesondere als Kommune, in die Pflicht, hatte dieser doch Baugrund zu erwerben und auf Kredit- oder Erbpachtbasis weiterzureichen. Finanziert werden sollte all dieses durch eine angemessene Hypothekensteuer. Umsetzbar war dies nur bei einer praktischen und einfachen Bauweise. Aufgabe sei es, „unseren Mitmenschen zu einer menschenwürdigen Wohnung zu verhelfen und alle unsere Kräfte darauf zu richten, unter Benutzung der heutigen zahlreichen technischen Mittel einfache, aber doch ansprechende, hübsche Wohnungen mit genügenden Räumen zu schaffen, zu Preisen, die es einem normalen gesunden Arbeiter ermöglichen, ein kleines Häuschen zu erwerben, oder wenigstens mietweise zu bewohnen. Um das zu können, muß man freilich mit den Traditionen des alten Städtebaues sowie der städtischen Bauweise radikal brechen.“ All das war Teil des gesellschaftlichen Aufbruchs vor dem Ersten Weltkrieg, der auch das konservativ-nationale Milieu ergriff. Wichtig war Leipold schließlich – hier ist er Teil des Heimatschutzes –, dass die Häuser örtlichen und regionalen Baustilen verpflichtet blieben.

Häuser mit Gärten – Planungen in der Steinbreite 1909 (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Gemeinde Boffzen)

Gemächlich und gründlich: Der Bau der Siedlung Steinbreite

Der nationalliberale Boffzener Glashüttenbesitzer Max Eugen Noelle war von diesen Plänen beeindruckt: „Und als später ein Bauernhof zur Versteigerung kam, kaufte die Firma ein Stück Land unterhalb der Hütte in Größe von 12[?] Morgen, legte eine Straße hindurch und stellte den Arbeitern dies Land zum Wohnungsbau zur Verfügung. Sie ließ aus Bethel bei Bielefeld Pläne für Einfamilienhäuser kommen und so entstand eine neue Siedlung.“ (20) Es ist wahrscheinlich, dass die typisierten Entwürfe Siebolds von der Baufirma August Knop an die Verhältnisse vor Ort angepasst wurden.

Die Arbeitersiedlung Steinbreite entstand seit 1906 Haus um Haus. Die Wohnungen waren größer und hygienisch besser ausgestattet als die Häuser im Boffzener Dorfkern – und insbesondere als die früheren Arbeiterwohnungen der Glashütten. Die Haustypen variierten zwischen Mehr- und Einfamilienhäusern, alle besaßen Gartenland und Stallungen. Als 1913 Ludwig Düsterdiek und August Pöppe in ihre Mietshäuser zogen, hatten fünfzehn Glasmacherfamilien ein neues Zuhause erhalten.

Raumplan des Erdgeschosses des Hauses des Glasmachers Heinrich Böker, Steinbreite 6 (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Während das Äußere sich schon aufgrund des Sollinger Sandsteines in die dörfliche Umgebung einfügte, folgten die Raumpläne den Ideen, die Siebold erst in Bethel, dann an anderer Stelle umgesetzt hatte: Keller, Erdgeschoss und erste Etage; relativ viele Räume für Kinder und die Eheleute; gesonderte Arbeitsräume für die Hausfrau, um die Küche wohnlicher zu machen; Platz für Kleinvieh und Gartengewächse; keine Kanalisation, doch zentrale Wasserversorgung. All das war erschwinglich, auch für die Glasarbeiter Boffzens.

Steter Ausbau: Errichtung einer Laube für die Witwe des Glasmachers Albert Dormann 1912 (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Schon kurz nach dem Bezug begannen die Bewohner dann mit der Umgestaltung, mit der Verschönerung ihrer Anwesen. Schuppen wurden ergänzt, eine Laube errichtet. Die Arbeitersiedlung Steinbreite bot genug zum Leben. Die ach so billigen Häuser stehen immer noch, aus- und umgebaut, dem heutigen Leben angepasst. Aus Arbeitern sind Bürger geworden, Mitbürger in einem auf Kompromiss aufgebauten Gemeinwesen, das immer noch um Antworten ringt auf die soziale Frage, die Entfremdung von Stadt und Land und die drängende Wohnungsfrage.

Uwe Spiekermann und Stefanie Waske, 4. November 2020

Anmerkungen
(1) W[ilhelm] Kähler, Moderne Arbeiterwohnungseinrichtungen, Soziale Praxis 12, 1902/03, Sp. 1155-1156, hier Sp. 1159.
(2) Georg Stöcker, Agrarideologie und Sozialreform im Deutschen Kaiserreich. Heinrich Sohnrey und der Deutsche Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege 1896-1914, Göttingen 2011.
(3) Heinrich Sohnrey (Hg.), Wegweiser für Ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege, 3. verb. u. verm. Aufl., Berlin 1909.
(4) Willy Lange, Vorwort, in: Ders. (Hg.), Land- und Gartensiedlungen, Leipzig 1910, V-VIII, hier V.
(5) Plastische Schilderungen finden sich in Wilh[elm] Gemünd, Neuere Bestrebungen auf dem Gebiete der Wohnungs- und Städtehygiene, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 44, 1912, 412-434, hier 412-414. Vgl. allgemein Sigrid Jacobeit und Wolfgang Jacobeit, Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes 1810-1900, Wien 1987, 244-277 und insbesondere Hans J. Teuteberg und Clemens Wischermann, Wohnalltag in Deutschland 1850-1914. Bilder – Daten – Dokumente, Münster 1985.
(6) Carl Johannes Fuchs, Wohnungsfrage und Wohnungswesen, in: Ludwig Elster und Adolf Weber (Hg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaft, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Ergänzungsbd., Jena 1929, 1098- 1160, hier 1125-1126 (Zitat von Lehr).
(7) Kähler, 1902/03, Sp. 1155-1156.
(8) [Otto] Kamp, Wohnung, Hausrat und Wirtschaftsführung im deutschen Arbeiterhaushalt, Leipzig 1902.
(9) Gemünd, 1912, 424.
(10) Jos[ef] Kurth, Die Wohnungsfrage als Lohnfrage, Der Zeitgeist 6, 1913, 263-265.
(11) Zur Biographie vgl. Werner Siebold, Karl Siebold. Ein großer Baumeister Niedersachsens, Hemsbach a. d. Bergstraße 1940, 7-27; Ulrich Althöfer, Der Architekt Karl Siebold (1854-1937). Zur Geschichte des evangelischen Kirchenbaus in Westfalen, Bielefeld 1998, 31-61.
(12) Friedrich von Bodelschwingh, Landwirthschaft, Industrie und der Verein „Arbeiterheim“, Bielefeld 1892.
(13) Paul Behrendt, Der Deutsche Verein „Arbeiterheim“ und seine Versuchsstation, 2. umgearb. Aufl., Bielefeld 1898.
(14) Siebold, 1940, 64.
(15) K[arl] Siebold, Viventi satis. Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Kleinwohnungswesen, Bethel 1906.
(16) Siebold, 1906, 1.
(17) Siebold, 1906, 9.
(18) Siebold, 1940, 30.
(19) Karl Siebold, Ländliche Ansiedelungen von Arbeitern, in: Willy Lange (Hg.), Land- und Gartensiedlungen, Leipzig 1910, 71-79 (auch für die folgenden Zitate).
(20) Geschichte der Brückfelder Glashütte von Max Eugen Noelle (Transkription des handschriftlichen Originals: Dr. Stephan Brandt, Berlin, Stand 2017), 2, Archiv Elisabeth Pophal.

Unternehmervillen zwischen Herrschaftsanspruch und Wohlstandsideal

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts griff die Industrialisierung zunehmend auch auf das Land aus, veränderte die soziale Zusammensetzung und das Erscheinungsbild vieler Klein- und Mittelstädte. Boffzen war bis dahin ein bäuerlich und handwerklich geprägter Ort gewesen, doch die Errichtung von gleich zwei Glashütten – 1866 die spätere Firma Noelle & von Campe, 1870 die Georgshütte G. Becker – änderte die lokalen Lebenszuschnitte grundlegend. Glasarbeiter und Unternehmer repräsentierten die entstehende Klassengesellschaft, mochten sich erstere auch vielfach noch als Handwerker oder gar Glaskünstler verstehen und sich letztere durchaus in die bis in die frühe Neuzeit zurückreichenden Strukturen einer regionalen Handels- und Gewerbeelite einreihen. Die Entstehung der Glashütten im Brückfeld führte zudem zu neuen, im Gegensatz zum historischen Boffzen stehenden Bauten. Da waren erst einmal die Fabriken selbst, Stätten der Feuerarbeit, Zentren von Rohstoffzufuhr und Warenproduktion, gesundheitsgefährdende Großräume zuvor nicht bekannten Ausmaßes. Da waren aber auch Wohnungen für die Arbeiter, von Beginn an von den Hüttenbesitzern geplant und gebaut. Und da waren schließlich die Villen für die lokalen Unternehmer, die Familien Noelle, von Campe und Becker.

Westfassade und Nebengebäude der Villa Noelle (heute Seniorenheim Parkschlösschen) (2020) (Foto: Uwe Spiekermann)

Fabrik, Arbeiterwohnungen und Unternehmervillen waren neue Bautypen, klar unterscheidbar von den Gehöften der Handwerker und Gesellen, der Bauern und der Köter. Dort herrschte der tradierte Fachwerk- und Holzbau vor, wurde erst langsam durch Stein- und Massivbauten ergänzt. [1] Leben und Arbeit waren noch nicht getrennt, Vieh und Mensch lebten nah beisammen, mit dem wenigen vorhandenen Gesinde und Einliegern teilte man ein Dach. Heizung erfolgte an einem Platz, die Fenster waren klein, die Tür ein Tor. Das war bewährt, war Besitz, auch daher ansprechender als die ersten Ein-, Zwei-Zimmerwohnungen in den Arbeiterwohnungen der Hütten. Die Unternehmervillen waren aber etwas anderes, Ausdruck neu erworbenen Reichtums, Ausdruck eines anderen „privaten“ Lebens in und doch neben der Kleinstadt, dem Industriedorf. Blicken wir also genauer hin.

Was ist eine Unternehmervilla?

Das moderne Bürgertum entstand im späten 18. Jahrhundert, verstand sich als Leistungs- und Bildungselite abseits des Adels, des städtischen Pöbels, der Bauern und des sich langsam erst entwickelnden Arbeiterstandes. [2] Tüchtige Beamte, freie Berufe, zunehmend aber auch wagemutige Investoren prägten das Bild, allesamt verbunden durch die Tradition aufgeklärten Denkens und die Sehnsucht nach einer idealisierten Antike. [3] Rom stand dabei für eine frühe Adelsrepublik, stand aber auch für einen gehobenen patrizischen Lebensstil, der seinen Ort nicht zuletzt in den Villen der politischen und gesellschaftlichen Elite fand. Die Renaissance hatte diese Tradition fortgeführt, die englischen Landvillen sie im 18. Jahrhundert neu belebt.

Es verwundert daher nicht, dass wohlhabende, meist aus dem Handels- und Bankensektor stammende Bürger diese Vorbilder aufgriffen und sich repräsentative Landhäuser auch abseits der noch überschaubaren Städte erbauten. Orientierte man sich dabei insbesondere am englischen Landadel, so setzte man doch zunehmend eigene Akzente, stellte eigene Bedürfnisse in den Vordergrund. [4] Diese richteten sich sowohl nach innen als auch nach außen. Einerseits schuf man großzügige Räume des Privaten, in denen man als Kleinfamilie mit Dienstboten die Werte der eigenen Schicht leben konnte. [5] Anderseits repräsentierte die Villa den Reichtum und den Anspruch der Bauherren. Unternehmervillen waren in Stein geronnene Herrschaftsansprüche. Das betraf erstens die gesellschaftliche Stellung des Wirtschaftsbürgertums, das mit zunehmender Industrialisierung und den damit verbundenen hohen Gewinnen anhob, Adel und Militär als führende Funktionseliten abzulösen. Zweitens war die Unternehmervilla ein wichtiges Element zur Abgrenzung gegenüber den Beschäftigten der eigenen Firma, unterstrich die eigene Tüchtigkeit und Entscheidungsfähigkeit, repräsentierte die Autorität des Besitzes und den Anspruch auf Gehorsam.

Regionales Vorbild: Die 1896 erbaute Höxteraner Villa des Fabrikanten Wilhelm Haarmann (2014) (Wikipedia)

Etwas anschaulicher? Nun, die Unternehmervilla war ein freistehendes, größeres Einfamilienhaus, „das in einer Garten- oder Parkanlage liegt und die Distanz zur Außenwelt schafft. Neben der Familie sind im Haus oder in einem Nebengebäude dauerhaft oder zeitweise die Dienstboten untergebracht. Hauptsächlich unterscheidet sich die Villa von anderen Wohngebäuden durch ihr Raumprogramm und dessen Anordnung sowie die Verteilung in den Geschossen. Üblicherweise liegen die Repräsentationsräume, wie Herren-, Wohn-, Speisezimmer und Salon im Erdgeschoss über dem sich im Obergeschoss die Privaträume des Hausherren und seiner Familie befinden. Diesem Raumprogramm liegt eine Grundrissgestalt zugrunde, die bestimmte Elemente, wie beispielsweise Erker, Altan oder Veranda, als äußere Gliederungselemente erzwingt und somit auch ein bestimmtes Erscheinungsbild nach Außen fordert.“ [6] Die Unternehmervilla war ein exklusiver Bau, geprägt von vielgestaltigen Bauaufgaben: Ein Grundstück musste gefunden, Wohnhaus und Nebengebäude darauf angeordnet werden. Ställe und Garagen, Kutscher- und Maschinenhaus, Gewächshaus und Remisen – es gab viel zu bedenken. Und dann die Anordnung der Zimmer im Wohnhaus, ihre Ausstattung. Ähnliches galt für den Garten, kein Nutzgarten, sondern ein Pläsiergrund, ja, ein Park. Wichtig war schließlich noch die Einfriedung, die Trennung des behüteten Innenraumes von der drängenden Außenwelt. [7]

Die Villa als Schloss des Unternehmers: Villa Siemens am Stolper Loch in Wannsee (Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 117)

Waren die Villen anfangs noch gediegen, so weiteten sie sich seit der Jahrhundertmitte, verstärkt aber seit der Gründerzeit nach Etablierung des Deutschen Reiches 1871. Der Adel stand vielfach Pate, die Villen glichen teils Schlössern. Freistehend, waren sie schon von weitem erkennbar, markierten Landschaft und Umgebung. Sie wurden von freien Architekten und Baumeistern geplant, die nicht allein technische, sondern vor allem kulturelle Ansprüche erfüllten. [8] Sie griffen zurück auf die Formsprache der Macht der Vergangenheit, stellten die Unternehmer damit in einen Herrschaftszusammenhang. Zahlreiche historisierende Fassaden und Formen waren die Folge, Renaissancebauten, Klassizismus, die „deutsche“ Gotik, mehr spielerische Rokokoformen, vor allem aber der klobig-ausladende, Solidität und Wohlstand repräsentierende Barock. Hinter den Fassaden herrschte trotz dieser äußerlichen Vielfalt ein einheitliches Raumkonzept. Im „Erdgeschoss die Gesellschaftsräume, darunter ein großer Speisesaal. Sie waren vom familiären Wohnbereich klar geschieden. Gleichfalls separiert wurden die Personal- und Wirtschaftsräume, in größeren Häusern sogar in einem eigenen Trakt samt Dienstbotentreppe. Der Trennung von öffentlicher und privater Sphäre diente auch das Herrenzimmer: Hierhin konnte sich der Hausherr zu wichtigen Gesprächen mit seinen leitenden Angestellten zurückziehen und geschäftliche Kontakte pflegen. Die großzügige Halle, oft mit mehrläufiger Treppe, diente als repräsentatives Entree. Sie wurde nicht selten mit Wandvertäfelungen, Marmorinkrustationen und Stukkaturen aufgewertet. Unverzichtbar waren der Wintergarten, ein Musik- oder Billardzimmer, Gästezimmer und moderne Bäder. Im Idealfall war die Villa des Großindustriellen der Ort, von dem aus er die Fäden des Unternehmens zog und wo zugleich das bürgerliche Familienideal gelebt wurde: repräsentativ, funktional und wohnlich.“ [9]

Dahlemer Pracht des Kommerzienrates Jakob Mandelbaum (Berliner Leben 16, 1913, Nr. 8, 14)

Zwei Punkte sind festzuhalten: Historisierende Fassaden und Inneneinrichtung dürfen erstens nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Unternehmervillen technisch modern waren. Sie waren Trendsetter moderner Heizsysteme, von fließendem, gar warmem Wasser, von elektrischem Licht, von Telefon und allerlei Spielereien des elektrischen Zeitalters. Dazu konnten Kühlräume gehören, frühe Kühlschränke, gar Staubsauger. Effizienz im Betrieb und in der Villa gingen Hand in Hand, mochte die Haustechnik auch den Blicken der Gäste verborgen sein. Die Unternehmervillen unterschieden sich dadurch deutlich von den alten Gemäuern des Adels – wobei dieser im späten 19. Jahrhundert durchaus bauwütig war. Das Alte wurde mit Neuem verbunden, das unterschied den erfolgreichen Bürger vom verzopften Adel. Das war wahrer Luxus, ein Amalgam kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritts.

Tradierte Verbindung von Arbeit und Privatleben: Warte- und Sprechzimmer im Erdgeschoss der zu Unrecht so benannten „Villa“ des Boffzener Arztes Karl August Friedrich Leusmann (1904) (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Zweitens gab es neben einigen hundert wirklich herausragender Bauten eine deutlich größere Zahl weniger luxuriöser Villen. [10] Im späten 19. Jahrhundert entstanden vielfältige und unterschiedlich gestaltete Villenviertel in den Wirtschaftszentren, in denen sich wahrlich gut leben ließ, abgeschottet von Kleinbürgern und Arbeitern. Auch Halbvillen konnte man kaufen, hier war der Park zum Garten mutiert. [11] Das war Teil des Erfolges bürgerlicher Existenz, den sich nun mehrere Prozent der Bevölkerung leisten konnten. Es war aber auch beredter Ausdruck der Klassengesellschaft, die zu einer zuvor nicht gekannten sozialräumlichen Segregation insbesondere in den Metropolen führte. [12] Das wurde im Bürgertum durchaus selbstkritisch wahrgenommen und war einer der Gründe für die um die Jahrhundertwende anschwellende Kritik an der Villa als solcher, der Unternehmervilla im Besonderen.

Familienwappen oberhalb des Eingangs zur Villa von Campe (2020) (Foto: Uwe Spiekermann)

Das betraf erst einmal den historisierenden Stil der Bauten. Der Architekt und spätere Mitbegründer des Deutschen Werkbundes Hermann Muthesius vermerkte 1905 mit bissigem Spott: „Wenn man heute unsere Vororte durchstreift, so findet man Häuser, an denen der ganze Motivenschatz eines Zeitalters angebracht ist. Giebelchen, Erkerchen, Türmchen drängen und schieben sich förmlich. Man sieht keine Wand, die nicht durch Risalite, Vorbauten und zurückspringende Teile unterbrochen wäre, und keinen Quadratmeter Fläche, der nicht irgend ein Dekorationsmotiv aufwiese. In dem Streben nach Wechsel sind am selben Bau alle Materialien herangeholt und verwendet, die der Baumarkt bietet, und im allgemeinen hat man den Eindruck einer großen Narretei. Es herrschen die Ideale des Maskenballs. Man hängt dem Haus tausend bunte Flicken und Fetzen an und freut sich desto mehr, je burlesker die Gesamterscheinung geworden ist. Wäre nicht jeder Mensch in den Moden seiner Zeit befangen, so würde man diese heutige deutsche Villa allgemein als die Ausgeburt der Lächerlichkeit empfinden.“ [13] Das Bürgertum war selbstkritisch geworden, wuchs über ein Zeitalter der Behaglichkeit und des wachsenden Wohlstandes hinaus. Der Kunsthistoriker Max Creutz verkündete 1906 eine neue Zeit, habe man doch gelernt, „daß die Ausdrucksformen alter Kulturen untergegangen sind mit den Menschen, die sie geschaffen, daß architektonische Formen im letzten Grunde identisch sind mit der Sprache lebendiger Menschen, die nur selbst erlebte Empfindungen und Anschauungen vermitteln können.“ [14] Historismus und Jugendstil endeten, neuere funktionale Bauformen traten hervor, Dekore dagegen zurück. Das veränderte nach der Jahrhundertwende gerade den Villenbau, der vielfach vorwegnahm, was nach dem Ersten Weltkrieg mit dem „Neuen Bauen“ radikalisiert wurde.

Das „traute Heim“ als Ideal bürgerliches Wohnens und Lebens

All diese Entwicklungen strahlten auch auf das Weserdorf Boffzen aus. Gewiss, dort bildete sich kein gesondertes gutbürgerliches Viertel heraus, denn dafür hatte es zu wenig Einwohner. Und doch ging die Gründung von Glashütten und Arbeiterwohnungen mit einer Trennung des Ortes einher, verkörperte Brückfeld doch die industrielle Moderne. Zugleich aber separierte sich kurz nach der Jahrhundertwende die unternehmerische Elite auch baulich von ihren Fabriken ab, trennte so Gewerbe und Arbeiterschaft vom wirtschaftsbürgerlichen Heim.

Noch in Nachbarschaft zur eigenen Glashütte: Villa Becker mit Park (2013) (Foto: Stefanie Waske)

Der Grund für dies war nicht allein Dünkel oder eine Abkehr vom Dreck und Lärm der Glasherstellung. Es ging vielmehr um bürgerliche Identität, also um ein Leben, das heutzutage für die Mehrzahl der Bevölkerung gilt und unser Wohnen im Grundsatz nach wie vor prägt. Das bürgerliche Heim schuf eine Grenze zur äußeren Welt mit ihrer Unruhe und Brutalität, war Schutzraum des Individuellen. Anders als im Handwerker- und Bauernhaushalt mit ihrer direkten Kopplung von Leben und Arbeit war es ein Ort, der erstens von der Güterproduktion, zweitens von der Hausarbeit getrennt war. Letztere wurde an Dienstboten übergeben, erst dadurch wurde die Hausfrau zur gebildeten bürgerlichen Frau. Das bürgerliche Heim repräsentierte Wohlstand, wurde entsprechend mit vielfältigen Konsum- und Kunstgütern bestückt. Es war ein Ort der Geselligkeit, des Treffens mit Gleichgesinnten und Gleichgestellten. Zugleich aber war es Ort von Freizeitaktivitäten, sei es des Lesens, Schreibens – man denke an Briefe –, der Hausmusik, der Gartenarbeit und vielerlei Passionen.

Standesgemäßeres Wohnen: Plan des 1914 angefügten Wintergartens der Villa von Campe (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Auch Unternehmervillen waren traute Heime. Doch zugleich waren sie Bühnen, denn Bürgertum musste zelebriert, musste im Alltag dargestellt werden. Die Villen waren deshalb geteilt. Die Privaträume befanden sich in einem anderen Stockwerk als die Schaubühne des Salons, der Herren- und Rauchzimmer. Der spielerische Charakter wurde durch einen hinführenden Eingang unterstrichen, mit vielfältigen Möbelstücken, Gemälden und ansprechenden Gegenständen ausgestattet. Das Gespräch, die Geselligkeit hatte damit seinen Ort, Garten und Park konnten diesen weiten, Veranda und Wintergärten boten Übergangsräume. Doch so spielerisch all dies war, so war es doch auch Ausdruck klarer Funktionszuweisungen, dem Erkennen des Gebotenen. Die Räume, allesamt, hatten nämlich klare Funktionen. Küche, Esszimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Lagerraum, Dienstmädchenstube – diese Namen waren Gebote, das Leben im Hause folgte Regeln, die Zimmer gaben ihm Raum. Das spiegelte Erwartungen, auch die Kälte vieler von Konventionen geprägten Beziehungen, selbst zwischen Kindern und Eltern. Doch es ermöglichte Privatheit, eröffnete Rückzugsräume. [15] Hinzu kam vielfach ein Klavier, wenngleich nicht derart obligatorisch wie in Großbritannien und insbesondere den USA. Der Stilwirrwarr von Plüsch und Nippes, von Standuhr und Tapete galt dabei nicht als Ausdruck fehlenden Geschmacks, sondern zeigte im Gegenteil die Bewohner als souveräne Steuerleute in der Vielfalt historischer Stilformen. Das Wohnen abseits der hastenden, dynamischen Stadt, im Villenvorort, in der Landschaftsvilla oder auch einer Unternehmervilla im industriedörflichen Boffzen hatte dabei besondere Vorteile. Was dort in Hast erworben wurde, sollte auf dem Landsitz „in Ruhe genossen werden. Hier handelt es sich mehr um eine persönliche Art, die auch für den Menschen einige Zeit erübrigt. Im Zusammenhange mit Natur und Umgebung kommt dort die Stimmung wieder zu ihrem Rechte.“ [16]

Abgrenzung und Anreize zum Aufstieg – Villa versus Arbeiterwohnung

Die Unternehmervilla ist ohne die Arbeiterwohnung nicht denkbar. [17] Beide stellen Loslösungen von der vorindustriellen Denk- und Lebensform des „ganzen Hauses“ dar, also einer vor allem in der Landwirtschaft oder aber im Kleingewerbe bestehenden Arbeits- und Wohngemeinschaft von Meister und Gesellen, von Bauer und Knecht. In den frühen Fabriken konnten die Arbeiter schon aufgrund ihrer Zahl kaum mehr auf dem Betriebsgelände untergebracht werden, doch hausten sie zumeist in unmittelbarer Nähe, wenngleich nicht immer in eigener Wohnung, höchst selten im eigenen Haus. [18] Die Unternehmer blieben ihrem Betrieb räumlich nahe, vielfach errichteten sie ihr Wohnhaus auf gleichem Grund, zumindest aber in unmittelbarer Nähe. Dies drückte die Verbundenheit zum eigenen Geschäft aus, zugleich aber auch Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Geschehen; und dies war eine Anspruchshaltung auch gegenüber den eigenen Arbeitern und Bediensteten.

Die Unternehmer verstanden sich – durchaus im Sinne von ständischen Gesellschaftsmodellen der vorindustriellen Zeit – nicht nur als Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten Geld schuldeten, nicht mehr. Sie waren ihnen, wie die Meister, wie die Bauern, immer auch „pater familias“, also gütiger und zugleich harter Vater. Loyalität wurde erwartet, zugleich aber sorgte er für seine Leute (und deren Familien), half auch abseits der Firma. Daraus entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein spezifisch paternalistischer Unternehmertypus, dessen Herr-im-Haus-Standpunkt höchst ambivalent zu bewerten ist. Er führte nicht allein zu intensiven und teils bis heute andauernden Kämpfen gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter, also ihren Zusammenschluss in Gewerkschaften, deren Ziel – im gut liberalen Sinne – Verträge, Tarifverträge waren, die Rechte und Pflichten definierten und nicht einseitig gesetzt worden waren. Patriarchale Unternehmer glaubten nämlich, ihre Arbeiter genau zu kennen – so wie Eltern ihre Kinder. Dabei gingen sie von ihrer relativen Bedürfnislosigkeit aus, einer Existenz ohne umfassendere Bildung, ohne Hang zum Höheren, ohne bürgerliche Werte. Sie glaubten, ihre Arbeiter anleiten, gar erziehen zu können und müssen, sie auf den rechten Pfad zu lenken, sie vor Trunksucht und Verschwendung zu bewahren. Diese „Sozialdisziplinierung“ war vielfach wohlmeinend, konnte jedoch in brachiale Maßnahmen münden, erwiesen sich die Untergebenen als widerspenstig.

Arbeiterwohnungen der Georgshütte G. Becker von 1871: Serielle Behausungen (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Die frühen Werkswohnungen für Arbeiter erzählen daher immer auch etwas über die Gedankenwelt der Unternehmer und die von ihnen einseitig gesetzten Unterschiede zwischen Arbeiter und Bürger. Die eigene Villa war dann zugleich Vorschein einer auch jedem tüchtigen Arbeiter im Prinzip möglichen Aufwärtsentwicklung, war Materialisierung eines Aufstiegsversprechens. Das war offenkundig mehr Ideologie als reale Möglichkeit, stellt doch die Unternehmerschaft bis heute eine exklusive Gruppe dar. [19] Die Unternehmervilla verkörperte aber nicht nur Reichtum, sondern verklärte diesen auch moralisch. Sie war demnach Resultat von Strebsamkeit und Fleiß, von Urteilsfähigkeit und einem Blick weit hinaus über die Grenzen des eigenen Betriebes. Villen präsentierten Unternehmer zugleich als Menschen mit Bedürfnissen, kulturellen zumal. Sie waren Ausdruck eines Lebensentwurfes, dem sich die Arbeiter folgsam anschließen sollten. Die Unternehmensvillen bildeten schließlich abgeschlossene Orte, Räume mit Mauern, Zäunen, einem vorgelagerten offenen Bereich. Ein direkter Übergriff war schwierig, die Villa meist mehr als einen Steinwurf von der Umfriedung entfernt.

In Boffzen war dieser immanente Schutz jeder Unternehmensvilla nicht wirklich erforderlich – auch durch die hohe Akzeptanz eines paternalistischen Unternehmensstils. Die vor dem Ersten Weltkrieg erbauten Arbeiterwohnungen dokumentieren zugleich eine gewisse Verbürgerlichung der Glasarbeiter, insbesondere derjenigen, die eine Wohnung in der Arbeitersiedlung Steinbreite erhielten. Diese Häuser waren durchweg größer, hatten ein Raumprogramm, enthielten auch eine „gute Stube“ zum Empfang von Besuch. Sie waren Orte gediegenen Daseins, noch ausgerichtet auf die Arbeit der Hausfrau in Garten und Küche. Doch sie dienten schon der Erholung nach langer Arbeit. Die grundsätzliche Differenz zwischen Arbeitern und Unternehmern wurde dadurch wahrlich nicht beseitigt, gar noch unterstrichen. Doch diese Arbeiterhäuser im langen Schlagschatten der Unternehmervillen am zuvor unbebauten Hoppenberg verwiesen schon auf einen gewissen sozialen und wirtschaftlichen Kompromiss, der seit den 1950er Jahren Kennzeichen der Bundesrepublik Deutschland werden sollte.

Ansatzweise Verbürgerlichung des Arbeiterwohnungsbaus: Die gute Stube für Besuch, die Küche für das Familienleben – Haus von Wilhelm Böker, Steinbreite 13 (1909/10) (Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Während eine moderat wachsende Zahl von Arbeitern bürgerlicher wohnte, lief schon vor dem Ersten Weltkrieg die Ära der Unternehmervillen aus. Sie waren Kinder des 19. Jahrhunderts – und es verwundert daher nicht, dass in den drei Boffzener Unternehmervillen schon seit langem keine Familiennachfahren mehr wohnen. Die Bauform machte praktischeren Häusern und Wohnungen Platz, allesamt noch repräsentativ, doch keineswegs derart raumgreifend wie die alten Häuser. Andere Konsumgüter übernahmen deren repräsentative Aufgaben, Automobile, exklusive Reisen, vielfältiger Besitz an mannigfachen Orten. Die Gediegenheit und Großzügigkeit der in großer Zahl erhaltenen Unternehmervillen kündet dennoch bis heute von einer Zeit, in der das Bürgertum Fortschritt und Zukunftsideal repräsentierte.

Uwe Spiekermann, 31. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Matthias Seeliger, Boffzen. Alte Häuser erzählen, Horb a.N. 1990, insb. 5-15.
[2] Jürgen Kocka, Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel, Aus Politik und Zeitgeschichte 2008, Nr. 9/10, 3-9.
[3] Michael Schäfer, Geschichte des Bürgertums, Köln, Weimar und Wien 2009, 26-43.
[4] Miriam Bilke-Perkams, Saarländische Unternehmervillen zwischen 1830 und 1914 – unter besonderer Betrachtung der Region des Saarkohlenwaldes, Saarbrücken 2013, 32-33.
[5] Manfred Hettling und Stefan-Ludwig Hoffmann, Der bürgerliche Wertehimmel. Zum Problem individueller Lebensführung im 19. Jahrhundert, Geschichte und Gesellschaft 23, 1997, 333-359.
[6] Bilke-Perkams, 2013, 41-42.
[7] Barbara von Germersheim, Unternehmervillen der Kaiserzeit (1871-1914). Zitate traditioneller Architektur durch Träger des industriellen Fortschritts, München 1988, 11.
[8] Wolfgang Brönner, Die bürgerliche Villa in Deutschland 1830-1900, 3. Aufl., Worms 2007.
[9] Bettina Vaupel, Unser Reichtum gestattet es. Die Villen der Industriellen im Ruhrgebiet, Monumente-Online 2017, April-Nr. https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2017/2/Industriellen-Villen-Ruhrgebiet.php (Abruf 29.10.2020 (auch für das Folgende)).
[10] Thomas Weichel, Bürgerliche Villenkultur im 19. Jahrhundert, in: Dieter Hein und Andreas Schulz (Hg.), Bürgerkultur im 19. Jahrhundert. Bildung, Kunst und Lebenswelt, München 1986, 234-251.
[11] Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990, insb. 138.
[12] Clemens Wischermann, Wohnen in Hamburg vor dem Ersten Weltkrieg, Münster 1983, 266-294.
[13] Hermann Muthesius, Die Bedingungen und die Anlage des modernen Landhauses, in: Das moderne Landhaus und seine innere Ausstattung, München 1905, I-XVI, hier IV.
[14] Max Creutz, Forderungen und Ergebnisse der modernen architektonischen Entwicklung, Berliner Architekturwelt 8, 1906, 279-282, hier 281.
[15] Gunilla Budde, Blütezeit des Bürgertums. Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Darmstadt 2009, 85-87 (auch für das Folgende).
[16] Creutz, 1906, 281.
[17] Hermann Sturm, Fabrikarchitektur, Villa, Arbeitersiedlung, München 1977.
[18] Sigrid Jacobeit und Wolfgang Jacobeit, Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes 1810-1900, Wien 1987, 244-277; Hans J. Teuteberg und Clemens Wischermann, Wohnalltag in Deutschland 1850-1914. Bilder – Daten – Dokumente, Münster 1985, 251-259.
[19] Werner Plumpe und Christian Reuber, Unternehmen und Wirtschaftsbürgertum im 20. Jahrhundert, in: Gunilla Budde, Eckart Conze und Cornelia Rauh (Hg.), Bürgertum nach dem bürgerlichen Zeitalter. Leitbilder und Praxis seit 1945, Göttingen 2010, 151-164.

Eine Waffe auch aus Boffzen – Die Glasmine 43

Ab 1944 wurden in Boffzen von der Hohlglashütte Noelle & von Campe Glasminen hergestellt. [1] In der Nachkriegszeit war dies Alltagswissen. Doch erst eine Anfrage des Historikers und Juristen Frank Baranowski führte 1995 zu Nachfragen bei der Samtgemeinde Boffzen. Cord von Campe, langjähriger Geschäftsführer von Noelle & von Campe, bestätigte damals den Sachverhalt, gab Mitte 1944 als Produktionsbeginn an, sprach von staatlicher Weisung. [2] „In der Glashütte Noelle wurden zum Kriegseinsatz Glasminen hergestellt“ – so hieß es dann auch in der Boffzener Gemeindechronik 2006. [3] Diese klare Aussage war notwendig, überging die Ortschronik aus dem Jahre 1956 doch die gesamte NS-Geschichte der lokalen Glashütten. [4] Das Glasmuseum Boffzen benannte 2016 in seiner Ausstellung „Von wegen ‚nur‘ Einkochgläser – 150 Jahre Noelle und von Campe“ die lokale Produktion von Glasminen. Die parallel vom Unternehmen initiierte und finanzierte Festschrift sparte hingegen diese Kriegsproduktion aus, folgte so der Vergangenheitsverdrängung der Vorgängerchroniken. [5] 2019 kaufte dann der damalige Verantwortliche für das Glasmuseum Boffzen, Manfred Bues, eine Glasmine an. Auf die folgende Presseberichterstattung meldete sich ein Zeitzeuge, der ihm bestätigte, dass er die Glaskörper vor Kriegsende transportiert habe. [6] Der Freundeskreis Glas entschied sich, dieses wichtige Thema mit dem Stelenweg 2020 aufzugreifen – um damit über die Glasmine und die Rüstungsproduktion bei Noelle & von Campe zu informieren.

Was ist eine Glasmine?

In der Glashütte Noelle & von Campe wurden die Glasbehälter der Glasmine 43 der deutschen Wehrmacht gefertigt. Dabei handelte es sich um eine gegen Personen gerichtete Landmine, umgangssprachlich auch Tretmine genannt. Sie konnte durch die damals gängigen Metalldetektoren nicht geortet werden, so dass der zumeist von Minenräumung begleitete Vormarsch gegnerischer Truppen verzögert werden konnte.

Hohlglasbestandteile der Glasmine 43 (Wikipedia)

Glasminen waren relativ klein. Sie bestanden aus einem Glastopf von ca. 14,5 cm Durchmesser und 8 cm Höhe. In dem Topf befand sich ein Zwischenboden, der den unten liegenden ca. 200 g schweren Sprengkörper von der oben befindlichen Zündvorrichtung abgrenzte. Die Mine wurde mit einem Glasdeckel von etwa 15 cm Durchmesser abgeschlossen. [7] Sie wurde in den Boden eingegraben, lag dann etwa 3-5 cm unter der Oberfläche. Der Glasdeckel brach bei einer Belastung von 10-12 kg, löste den Zündmechanismus aus, und die Mine explodierte. [8]

Die Glasmine schien eine relativ einfache Waffe zu sein. Doch sie war das Ergebnis aufwändiger Entwicklungsarbeit. Zwischen 1944 und 1945 wurde sie mit verschiedenen, zunehmend schwieriger zu ortenden Zündern ausgestattet. Die ersten Minen besaßen noch einen metallenen Hebelzünder SM 4, es folgte der Druckzünder DF 6 und dann der erste chemische Buck-Zünder. Am Ende stand der damals ortungssichere Glaszünder SF 14. [9] Die Entwicklung ging von der mechanischen zur chemischen Zündung, zugleich aber reduzierten die Konstrukteure immer stärker die Metallbestandteile im Zwischenboden, im Zünder und dem Gewinde des Sprengkörpers. Lediglich in der Sprengkapsel befanden sich schließlich noch kleine Aluminiumfolien.

Glasminen waren grundsätzlich wasserdicht, so dass sie nicht allein auf Land eingesetzt werden konnten. Die Glasmine 43(W) – W stand wohl für Wattenmeer – hatte eine größere Bodenplatte. Als Schützen-Küstenmine wurde sie auch unter Wasser eingesetzt. Einsatzorte bildeten Strände, Flussufer und Flusskreuzungen. Auch hierfür gab es unterschiedliche Zünder, anfangs der Reibungszünder SF 6, dann aber der damals nicht zu ortende chemische Zünder SF 18.

Der Begriff „Glasmine“ steht demnach für unterschiedliche Waffen. Es gab nicht die eine Glasmine. Die Glasböden waren je nach Sprengladung (200 g oder 150 g) unterschiedlich groß, auch die Art der Zünder hatte Einfluss auf die Glaskörper. Das Gewicht der Glaskörper differierte um bis zu 300 g, deren Höhe um bis zu 4 cm. Der obere Durchmesser wich um bis zu einem, der untere um bis zu zwei cm ab. Auch die Wandstärke variierte um bis zu 100%. Deutliche Unterschiede bestanden auch bei der Farbe: Es gab Minen mit farblosem, gelblichem, bläulichem und bräunlichem Glas. Die scheinbar einfache und einheitliche Waffe verwies damit auf ein zentrales Manko der deutschen Rüstung, nämlich die unzureichende Normierung der Waffen und die relative Unfähigkeit zu kostensparender Massenfabrikation. Dies war der Preis, den das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion in Kauf nahm, um Glasminen dezentral von mittelständischen Unternehmen, wie Noelle & von Campe, produzieren zu lassen.

Geräumte Glasmine 43 in Hoek van Holland mit Hebelzünder, August 1945 (Wikipedia)

Eine kleine Vergeltungswaffe

Die Glasmine 43 war eine kleine Vergeltungswaffe. Ihre Entwicklung resultierte aus der wachsenden Zahl von Niederlagen und erzwungenen Rückzügen der Wehrmacht. Sie war allerdings nicht allein Bestandteil einer zunehmend auf Defensivkraft setzenden Rüstung, sondern zielte auf das „Ausbluten“ der Gegner, um am Ende den objektiv illusorischen „Endsieg“ zu ermöglichen. Adolf Hitler selbst nahm Anteil an der Entwicklung der Glasmine, nahm befriedigt zur Kenntnis, dass diese „nicht radioelektrisch geortet werden könne wie die bisherigen Minen“. [10] Die Alliierten Streitkräfte waren 1944 in der Lage, die ab 1942 produzierten Holzminen zu orten. Metalle sollten eingespart, die Räumung weiter erschwert werden. Daraufhin wurde zuerst mit Keramik, dann mit Glas experimentiert. Für Glas sprachen einerseits niedrigere Kosten, anderseits aber die einfachere Fertigung. Die deutschen Glashütten waren schon von Kriegsbeginn an in die Wehrwirtschaft eingebunden, produzierten neben Rüstungsgütern vorrangig Gebrauchsglas. Die dafür erforderlichen Maschinen erlaubten vielfach auch die Herstellung der Glaskörper der neuen Mine. Sie wurde ab April 1944 an die Wehrmacht ausgegeben. [11] Festzuhalten ist, dass Glasminen bereits damals gegen das geltende Kriegsvölkerrecht verstießen. [12] Ihr Einsatz war damit grundsätzlich ein Verbrechen.

Glasminenproduktion im Deutschen Reich

Der Glasbehälter der Glasmine 43 erinnert an ein Konservierungsglas, während des Zweiten Weltkrieges einer der wichtigsten Artikel von Noelle & von Campe. Die Glashütte gehörte zu einem breiteren Verbund vorrangig mittelständischer Glasproduzenten, die über das gesamte Großdeutsche Reich verteilt waren. Detaillierte Angaben sind schwierig, denn die zentralen Akten wurden während des Krieges zerstört. Auch in Boffzen soll nichts erhalten geblieben sein.

Insgesamt wurden 1944 9,887 Mio. und 1945 1,125 Mio. Glasminen produziert, also etwas mehr als 11 Millionen Stück. [13] Während dieses Zeitraums wurde im Anti-Personenminen-Sektor lediglich die Schützenmine 42 häufiger hergestellt (18,749 Mio. Stück). Diese hatte ein Sperrholzgehäuse, eine Sprengladung von ebenfalls 200 g TNT und explodierte bereits bei einer Last von unter 5 kg. Sie konnte jedoch mit üblichen Metalldetektoren geortet werden.

Mangels fehlender zentraler Akten ist die Rekonstruktion der Glasminenproduktion schwierig – wie ja auch das Beispiel Boffzens unterstreicht. Fasst man die sehr unterschiedlichen Überlieferungen einzelner Glashütten zusammen, so haben wohl die folgenden Betriebe diese Waffen gegen Kriegsende hergestellt:

  • Gifhorner Glashütte, Niedersachen
  • Annahütte, H. Heye Glas, Brandenburg
  • Glasfabrik H. Heye Germersheim, Rheinland-Pfalz
  • Glashütte Bernsdorf, Sachsen
  • Marienhütte Gnarrenburg, Niedersachsen
  • Ruhrglas AG Essen, Nordrhein-Westfalen
  • Siemens Glas AG Freital, Sachsen
  • Glashütte Kritzow, Mecklenburg-Vorpommern
  • Glasfabrik Brockwitz AG, Sachsen
  • Glashütte Noelle & von Campe, Niedersachsen [14]

Hinzu kamen wohl weitere Glashütten in Bayern und auch dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren. [15]

Staatliche Weisungen dürfte es nicht gegeben haben. Die Kommandowirtschaft des NS-Staates ließ Platz für unternehmerische Autonomie. Rüstungsaufträge konnten bis in die Endphase des Krieges abgelehnt werden. [16] Dies hatte allerdings Konsequenzen, nämlich geringe Rohstoff- und Beschäftigtenzuweisungen, niedrigere Gewinne, unter Umständen die Schließung des Betriebes. All dies wurde in den Glashütten abgewogen, am Ende dann der Rüstungsauftrag angenommen.

Die Glasminenproduktion erfolgte in verschiedenen Teilen des damaligen Reiches, deckte sich mit den Schwerpunkten der Glasindustrie etwa in der Niederlausitz oder aber dem Weserbergland. Die meist mittelständischen Betriebe waren durch den Bombenkrieg der Alliierten kaum auszuschalten, der Nachschub der Glasbehälter damit relativ sicher. Engpass für den Nachschub waren eher die Zünder, deren Herstellung wahrscheinlich stärker zentralisiert war. Anfang 1945 wurden beispielsweise 324.000 Glasminenzünder bei einem Luftangriff auf den französischen Ort Salbris zerstört.

Varianten der Glasmine 43: Oben mit Hebel-, unten mit chemischem Zünder (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, 32)

Eine präzise Analyse der Glasminenproduktion wird auch dadurch erschwert, daß die Glasteile nur selten mit den gängigen Glaszeichen der Hütten gekennzeichnet waren (also etwa NC für Noelle & von Campe). Stattdessen wurden zumeist Zahlen eingeprägt, teilweise aber auch darauf verzichtet. Ausnahmen waren die Glashütten Bernsdorf (Anker), die Glasfabrik H. Heye Germersheim (Bäumchen) und die Ruhrglas AG in Essen (Hammer und Schwerter). [17]

Glasmineneinsatz in der Wehrmacht

Glasminen waren vor allem Defensivwaffen. Es ging darum, Durchbruchslinien zu sichern und Flankenschutz zu gewährleisten. Minen halfen zudem, gegnerische Vorstöße zu verzögern, um dann stärkere Kräfte zu massieren. Sie sicherten zudem Truppenrückzüge, verzögerten insbesondere das rasche Nachstoßen gegnerischer Truppen. [18] Ihr Einsatz folgte einem militärischen Nutzenkalkül. Der durch die Glasminen verursachte Verlust eines Beines schaltete nicht nur einen gegnerischen Soldaten aus, sondern band zusätzliche Ressourcen im Sanitäts- und Transportwesen. [19] Das galt nicht nur für die unmittelbare Explosionswirkung der Mine, sondern in noch stärkerem Maße für ihre Splitter. Diese waren auf Röntgenbildern nicht sichtbar, entsprechend schwierig und aufwändig waren Diagnose und Therapie. Aus diesem Kostenkalkül heraus setzte die Wehrmacht Glasminen vor allem an westlichen Frontabschnitten ein. US-amerikanische und britische Truppen besaßen einen weiten höheren Mechanisierungsgrad und investierten deutlich höhere Summen in die Vermeidung von Todesfällen als etwa die sowjetischen (und auch deutschen) Armeen.

Verlegen von Glasminen zum Küstenschutz (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, I)

Glasminen wurden entsprechend erst einmal zur Befestigung der Küste der Normandie bzw. zur Verstärkung des Westwalls eingesetzt. Gesichert wurden auch deutsche Auffangstellungen in Mittelitalien. [20] Während der alliierten Invasion Frankreichs zeigte sich allerdings, dass selbst ein massiver Mineneinsatz Durchbrüche nicht verhindern konnte. [21]

Zum bekanntesten Einsatzgebiet der Glasminen wurde dann von September 1944 bis Februar 1945 die „Grenzlandbucht“ um das Wurmgebiet, das Jülicher Land und die Eifel. Die dort geschlagene Schlacht im Hürtgenwald mündete in massive Verluste der U.S. Army und einen taktischen Erfolg der Wehrmacht – wenn denn die Verlängerung eines längst verlorenen und damals täglich ca. 10.000 gefallene deutsche Soldaten kostenden Krieges mit diesem Wort bezeichnet werden kann. Die von Artilleriebeschuss durchfurchten Wälder waren mit Minen gespickt, darunter hunderttausende von Glasminen. Minenräumung war in diesem Umfeld kaum mehr möglich: „Unter den Minenräumern aber war der Tod. Das Suchgerät reagierte nicht auf Glasminen. Oder es verirrte sich unter den tausenden herumliegenden Metallteilen.“ [22] Auch für die deutschen Truppen bargen Glasminen beträchtliche Risiken, denn nicht selten gingen Minenpläne verloren, so dass neu eingesetzte Einheiten von den eigenen Waffen bedroht wurden. [23] Die erbittert geführten Kämpfe förderten zugleich einen prekären Mythos der Glasminen, die daher heute noch in Militaria-Kreisen hohe Aufmerksamkeit genießen.

Gegenüber den Kämpfen im Westen verblassen andere Einsätze der Glasminenwaffe. Prophylaktisch wurde etwa das Führerhauptquartier Wolfsschanze damit gesichert. Bekannt ist ferner der Einsatz von Glasminen und auch Glashandgranaten im Kampf um die sächsische Metropole Dresden. [24] Glasminen wurden zudem an Volkssturmeinheiten ausgegeben. [25]

Glasmine 43 mit Hebelzünder vor dem Verschließen (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 7, 30)

Glasminen gehörten zu den prägenden Erlebnissen nicht zuletzt deutscher Soldaten in der Endphase des Krieges. Der Historiker und Publizist Joachim Fest erinnerte sich an seinen Einsatz als 18-Jähriger: „Die Kompanie, der ich angehörte, kam nach Euskirchen, um auf einem halbfertigen Feldflughafen Glasminen zu verlegen. Die neuentwickelten Sprengkörper sahen wie Einweckgläser aus und zerbarsten bei der Explosion in unzählige winzige Splitter, die furchtbare Verletzungen hervorriefen. Tag für Tag, während wir im freien Gelände arbeiteten, tauchten Lightning-Tiefflieger auf und veranstalteten Schießübungen auf uns, die wir wehrlos inmitten der im Sonnenlicht blitzenden Glastöpfe lagen.“ [26] Der FAZ-Journalist Walter Henkels, während des Krieges Mitglied einer Propagandakompanie der Waffen-SS, machte später aus seiner Abscheu vor diesen Waffen keinen Hehl: „Wer kennt die Heimtücke der S- und T- und Riegelminen, der Mäusefallen, Ringelminen und Glasminen? Die Hauptteile der Schützen-Kastenminen nach der Heeresdienstvorschrift sind? Nun, was sind sie? Inbegriff des grausigen Schlachtens.“ [27]

Unzureichende Hilfsmittel für die Holz- und Glasminenräumung in den Niederlanden: Minenschuhe (Die Weltpresse 1945, Nr. 25 v. 16. Oktober, 8)

Derartige Wertungen hängen gewiss mit dem Wissen zusammen, dass es nicht zuletzt deutsche Kriegsgefangene waren, die die letztlich überwundenen Minenfelder mit vielfach unzureichenden Mitteln räumen mussten. Der Heidelberger Historiker Erich Maschke, ehedem ein überzeugter Nationalsozialist, vermerkte mit zynischer Zurückhaltung, dass man erfreulicherweise feststellen konnte, dass eine im deutsch-belgischen Grenzgebiet eingesetzte Minenräumkompanie „nur“ vier Tote zu beklagen hatte. [28]

Nachwehen: Konversion und das weltweite Verbot von Landminen

Nach der Befreiung fanden die Glasminen andere, mehr zivile Verwendung. Viele der 9,7 Mio. nicht verlegten Glasbehälter mutierten zu Blumentöpfen und Konservierungsgläsern, dienten als Behälter für Schmierseife und all die vielen kleinen Dinge, die das Leben im Frieden so lebenswert machten. [29] Bürgerliche Betriebsamkeit machte auch vor diesen früheren kleinen Vergeltungswaffen nicht Halt: Man liest von einer Firma, die Glasminenbehälter gewerblich zu Blumentöpfen umarbeitete, verziert mit zwei umlaufenden Bändern mit farbigen Punkten. [30]

Sowohl die Bundeswehr als auch die Nationale Volksarmee nahmen in den 1950er Jahren dann wieder Minen in ihre Waffenarsenale auf. Glasminen aber waren nicht darunter. Dennoch beschäftigen sie auch gegenwärtig Kampfmittelräumeinheiten, denn bis heute sind nicht alle Minen dieses Typs aufgespürt und entfernt worden. [31] Im Hürtgenwald haben Glasminen noch in der Nachkriegszeit zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. [32] Im Gesamtgebiet werden bis heute noch etwa 8.000 dieser Waffen vermutet. Der westliche Uferbereich der Urft-Talsperre im Nationalpark Eifel ist nach wie vor eine Sperrzone. Hinzu kommen kleinere, durch Flatterbänder gekennzeichnete Gefahrenbereiche. [33]

Warnschild vor einem Minenfeld (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 5, 73)

Der Einsatz der Glasmine 43 führte aus all diesen Gründen zu einem Umdenken, zu einer generellen Revision beim Einsatz von Landminen. Die Initiativen gingen weltweit von Bürgern aus, nicht von den Staaten und Regierungen. Schon in den 1970er Jahren wurde ein umfassendes Landminenverbot auch mit Bezug auf die Glasmine 43 gefordert. [34] 1983 verbot ein erstes, am 3. Dezember erlassenes UN-Protokoll die Produktion von Landminen, die nicht geortet werden konnten und nicht über einen Selbstzerlegemechanismus verfügten. Das Verbot wurde durch ein weiteres UN-Protokoll 1983 erweitert und mündete schließlich in die Ottawa-Konvention vom 1. März 1999, durch die „Einsatz, die Produktion, Lagerung und Weitergabe von Schützenabwehrminen“ verboten wurden. [35] Gleichwohl sind damit Glasminen nicht gänzlich verschwunden. 2004 kamen die Waffen im kolumbianischen Bürgerkrieg neuerlich zum Einsatz. Als einfache und billige Waffen werden sie gerade in asymmetrischen Konflikten bis heute eingesetzt – völkerrechtswidrig, wie einst die deutschen Glasminen 43. Die Geschichte der Glasmine, sie ist bis heute nicht zu Ende.

Uwe Spiekermann, 12. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Frank Baranowski, Rüstungsindustrie in Holzminden, Bevern und Boffzen, in: D[etlef] Creydt (Hg.), Zwangsarbeit für Rüstung, Landwirtschaft und Forsten im Oberwesergebiet 1939-1945, Holzminden 1995, 243-248, hier 245.
[2] Stellungnahme der Samtgemeinde Boffzen vom 22. August 1995, Unterlagen Glasmuseum Boffzen.
[3] Björn Lohnert, Geschichte der Neuzeit, in: Chronik der Gemeinde Boffzen, hg. v.d. Gemeinde Boffzen und Ulrich Ammermann, Beverungen 2006, 83-131, hier 120.
[4] Otto Ahrens, 1100 Jahre Boffzen, Boffzen 1956.
[5] 100 Jahre NC Glashütte, o.O. 1966; Sven Tode, Eine Welt in Glas. 150 Jahre Noelle + von Campe Glashütte 1866-2016, Hamburg 2016. Auch die nicht gedruckte Chronik Noelle + von Campe Glashütte GmbH. Chronik 1866-1981, o.O. 1981 erwähnt die Glasminenproduktion nicht.
[6] Der Tod kommt aus dem Einweckglas, Täglicher Anzeiger Holzminden 2019, Ausg. v. 15. Mai.
[7] Angaben n. Fritz Hahn, Waffen und Geheimwaffen des deutschen Heeres 1933-1945, Bd. 1, Koblenz 1986, 125. Detaillierte und illustrierte Beschreibungen enthalten Catalog of Enemy Ordnance Materiel, o.O. 1945, 278 und 304.6; The Glasmine 43, Intelligence Journal 3, 1945, Nr. 7, 30-33.
[8] Kurt Rieger, Robert Johnson und Uwe Feist, Militärfahrzeuge of the Wehrmacht, Bd. 2, Bellingham 2008, 152.
[9] Hahn, 1986, 125; Norman Youngblood, The Development of Mine Warfare. A Most Murderous and Barbarous Conduct, Westport, Conn. 2006, 115.
[10] Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, Bd. 19, hg. v. Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Berlin-West 1973, 53.
[11] Hahn, 1986, 125.
[12] Arbeitshilfen zur wirtschaftlichen Erkundung, Planung und Räumung von Kampfmitteln auf Liegenschaften des Bundes, hg. v. d. Bundesministerien für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bzw. Verteidigung, Hannover 2007, A-10.1, 7.
[13] Hahn, 1986, 132.
[14] Gifhorns Glashütte baute Minen, WAZ-Online 2010, Ausg. v. 22. Dezember; Thomas Wünsche, Im „Einweckglas“ lauert der Tod, Schaumburger Zeitung und Landes-Zeitung 2016, 1. Februar und 26. Oktober; Pressglas-Korrespondenz 2001, Ausg. 5-6, 18 und 38; Pressglas-Korrespondenz 2016, Ausg. 2, 6; http://www.glasmuseum-gnarrenburg.de/; Agustin Saiz, Deutsche Soldaten. Uniforms, Equipment & Personal Items of the German Soldier 1939-1945, Madrid 2008, 277; Pressglas-Korrespondenz 2015, Ausg. 1-3, 7; Pressglas-Korrespondenz 2001, H. 5, Anhang; http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1; ebd., page=2 [Abrufe durchweg 4. Oktober 2020].
[15] http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1; http://de.sklarnaharrachov.cz/glashutte/geschichte [Abruf 4. Oktober 2020].
[16] Christoph Buchheim, Unternehmen in Deutschland und NS-Regime 1933-1945. Versuch einer Synthese, Historische Zeitschrift 282, 2006, 353-390; Jonas Scherner, Das Verhältnis zwischen NS-Regime und Industrieunternehmen – Zwang oder Kooperation?, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 51, 2006, 166-190; Peter Hayes, Corporate Freedom of Action in Nazi Germany, Bulletin of the German Historical Institute 45, 2009, 29-42; Norbert Frei und Tim Schanetzky (Hg.), Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010.
[17] https://www.militaria-fundforum.de/forum/index.php?thread/295608-glasmine/; http://www.schatzsucher.de/Foren/showthread.php?p=334126&page=1 [Abruf 4. Oktober 2020].
[18] Zur Entwicklung der Waffengattung vgl. Wolfgang Fleischer, Deutsche Landminen und Zünder bis 1945. Kampfmittel und Militärausrüstung, Stuttgart 2016; Terry Gander, Enzyklopädie deutscher Waffen 1939-1945. Handwaffen, Artillerie, Beutewaffen, Sonderwaffen, Stuttgart 2006; Alex Buchner, Deutsche und alliierte Heereswaffen 1939-1945. Deutschland, UdSSR, England, USA, Friedberg 1992.
[19] Mike Croll, The History of Landmines, Barnsley 1998, 44.
[20] Thomas D. Parrish und Samuel Lyman Atwood Marshall, Encyclopedia of World War II, New York 1978, 234.
[21] Tony Hall, D-Day: Operation Overlord, London und New York 1993, 50.
[22] Friedrich Schulz, Dienstgruppe GCLO, GSO. Eine deutsche Nachkriegstrilogie, Bonn 1956, 48.
[23] Max von Falkenberg, Hürtgenwald 44/45. Die Schlacht im Hürtgenwald, o.O. 2004, 202.
[24] Dietmar Kunz, Kriegsschauplatz Sachsen 1945. Daten, Fakten, Hintergründe, Altenburg 1995, 20; Wolfgang Fleischer, Das Kriegsende in Sachsen 1945. Eine Dokumentation der Ereignisse in den letzten Wochen des Krieges, Friedberg 2004, 107.
[25] Hans Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/45. Eine territoriale Miliz im Rahmen der Landesverteidigung, Berlin-West und Frankfurt a.M. 1962, 38.
[26] Joachim Fest, Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Hamburg 2009, s.p. (e-Book).
[27] Walter Henkels, Kohlen für den Staatsanwalt. Die sagenhafte Stunde Null, Düsseldorf und Wien 1969, 94.
[28] Erich Maschke, Die deutschen Kriegsgefangenen im Gewahrsam Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs, Bielefeld 1962, 172.
[29] Ernst Helmut Segschneider und Martin Westphal, Zeichen der Not. Als der Stahlhelm zum Kochtopf wurde, Detmold 1989, 109; Gifhorns Glashütte, 2010.
[30] http://www.profilm.de/insel/mieten/Konversion2.php [Abruf 4. Oktober 2020].
[31] Arbeitshilfen, 2007, A-3.1, 67.
[32] Burkhard Heinrich Stark, Weltkrieg vom Hörensagen, Norderstedt 2020, 151-152.
[33] Eva-Maria Altena und Simon Mewes, Zum Umgang mit den Westwallanlagen, Mainz 2014, 22; Thomas Enke, Landminen und Munition in Krisengebieten. Sicherheitshandbuch für Einsatz- und Hilfskräfte, Regensburg und Berlin 2017, 89.
[34] Anti-personnel Weapons, hg. v. Sipri, London 1978, 183.
[35] Thomas Enke, Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik, Regensburg und Berlin 2020, 312-313.

Wie lebte ein Glasarbeiter um 1900?

Glasarbeiter um 1900 – ein Zugang zu ihnen ist schwer. Zu fern sind „wir“, schon allein durch unseren Wohlstand, unsere Bildung, unser Wissen um die Fülle der Welt. Glasarbeiter, wie die knapp zweihundert (fast durchweg) Männer in Boffzen in den beiden Glashütten Noelle & von Campe und der Georgshütte G. Becker, waren (aus unserer Sicht) arm, starben mit durchschnittlich unter 60 Jahren, waren und blieben zumeist Bestandteil ihrer Klasse, ihres vom Vater übernommenen Berufes. Sie nährten sich auskömmlich und eintönig, standen ihrer Familie vor, so wie die Unternehmer ihren Hütten. Ihre Familien waren größer als die unseren, alle Mitglieder hatten schon früh etwas beizusteuern, hatten mitzuarbeiten, nicht nur zu helfen. Die Glasarbeiter waren deutlich kleiner und körperlich schwächer als wir, genossen eine Volksschulausbildung, nicht mehr. Ihr Leben konzentrierte sich auf relativ wenige Menschen, ihre Familie und Nachbarn, Handwerker und Kleinhändler des Ortes und der näheren Umgebung. Und da war die Arbeit, die Hütte. Angesichts deutlich längerer Arbeitszeiten als heutzutage bildete sie nicht allein zeitlich den Mittelpunkt ihres Lebens. Mit den Kollegen war man vertraut, auf sie musste man sich verlassen, konnte dies häufig auch. Gemeinsam hatte man Berufsehre, Stolz auf das eigene Können, Stolz auf die marktgängigen Gläser eigenen Schaffens. Die Hütten bildeten eigene kleine Welten, griffen aber über deren Mauern hinaus, denn man hatte auch eigene, von Glasarbeitern dominierte Vereine, grenzte sich durchaus von denen im Boffzener Unterdorf ab, denen, die meist in der Land- und Forstwirtschaft tätig waren, in der noch existierenden Welt kleiner Handwerker- und Händlerexistenzen. Verlorene Welten, so könnte man meinen. Wenn da nicht ein Glänzen in den Augen vieler älterer Boffzener wäre, ein schalkhaftes Blinzeln, wenn man hört und redet von den Geschichten dieser Zeit, den Fährnissen des damaligen Alltags, dessen Listen und Fluchten.

Stilisierte Darstellung der Glas- und Porzellanfabrikation (Sprechsaal 47, 1914, 1)

Doch gemach! Wie lebte ein Glasarbeiter um 1900 ist keine Frage, die sich in Anekdoten auflösen sollte. Sie haben ihren Platz, waren Teil des Lebens, nicht nur des vergangenen. Doch eine Antwort zu geben bedarf mehr. Sie erfordert einen Blick auf viele „harte“ Fakten, die – wenn wir es recht bedenken – auch unser aller Leben bestimmen: Einkommen und Besitz, die Arbeit in all ihren Facetten und Unterschieden, die Gesundheit und die vielen Gebrechen. Vieles davon ist definitiv vergangen, haben die Glasarbeiter doch nur in Ausnahmen persönliche Zeugnisse hinterlassen, waren sie im besten (Überlieferungs-)Fall Objekte der höheren Herren in Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft – und deren schriftlicher Überlieferung. Antworten auf unsere Frage, wie lebte ein Glasarbeiter um 1900, werden wir in drei Schritten geben: Erstens mit Bezug auf das materielle Leben einzelner Glasarbeiter aus Boffzen, zweitens im Blick auf die Situation der Boffzener Hütten und der Glasindustrie dieser Zeit, drittens schließlich fokussiert auf die damaligen gesundheitlichen Härten der Glasarbeit.

Das Leben zweier Glasarbeiter im Spiegel ihrer Inventare

Auch um 1900 wurde um Arbeit und Reichtum, um Lebenszuschnitte und Lebenschancen beherzt gestritten. Es ging um elementare Dinge, um Hunger und Not, um Würde und Menschenrecht: „Man preist wohl immer die Erzeugnisse, die auf den Weltmarkt gelangen, und redet von der Geschicklichkeit des Arbeiters, spricht aber niemals von dem Hunger, den der Arbeiter bei der Herstellung derselben oft im Magen spürt, und von dem Stück Brot, das der Arbeiter mit schmierigen und bestaubten Fingern während der Arbeit in der Hast samt den abgeschliffenen Glas- und Steinteilchen verzehrt, und von den Tausenden Bakterien und dem Schleim, die die kranke Brust des Arbeiters während der Arbeit auf diese Gegenstände hustet. Und wenn er am Mittag zu Hause kommt, dann gibt es einige Kartoffeln, mit mehr oder weniger schlechter Butter zugerichtet, und wer sich dazu eine sehr fragwürdige Blut- oder Leberwurst für zehn Heller leisten kann, der ist glücklich zu preisen. Das Morgen- und Abendessen besteht fast immer aus Kaffee und Brot oder Semmeln. Fleisch gibt es nicht alle Sonntage; damit ist gewöhnlich die Speisekarte des Glasarbeiters erschöpft.“ [1] Derartige Sozialreportagen geben ein nur oberflächliches Bild der Lage der Glasarbeiter um 1900. Sie sind Teil der sozial- und wirtschaftspolitischen Debatten dieser Zeit, geprägt von einer aufstrebenden Gewerkschaftsbewegung und vom erstmaligen Ausbruch aus der materiellen Enge aufgrund wachsender Reallöhne während der Hochindustrialisierung.

In Boffzen fehlen solche Reportagen. Doch zwei andere Quellen vermitteln einen ersten Eindruck. Es handelt sich um gerichtlich festgestellte Inventare. Inventare sind Zusammenstellungen des Besitzes und der Schulden zu einem bestimmten Zeitpunkt – wir kennen dies noch aus der regelmäßigen Inventur von Unternehmen oder aber in Erbschaftsfällen. Hier aber wurden sie nach dem Tode zweier Glasarbeiter erstellt, um auf deren Grundlage über die Vormundschaft ihrer Kinder zu entscheiden. Sie geben einen Einblick in deren materielle Lage im Augenblick ihres Todes.

Im ersten Fall von 1899 haben wir nur rudimentäre Informationen. [2] Es ging um die Hinterlassenschaften des bei Noelle & von Campe beschäftigten Glasschleifers Friedrich Kasten und das Schicksal seiner vier Kinder: Aus erster Ehe waren das Frieda (geb. 15. Mai 1887) und Friedrich (18. November 1889), aus zweiter Minna (22. Februar 1894) und Auguste (25. Januar 1897). Vor Gericht erschienen seine Witwe und zwei Familienfreunde, nämlich die Glasmacher Julius und August Kaiser aus Boffzen. Vielleicht noch wichtiger war der Vormund. Es handelte sich um den Geschäftsführer und Gesellschafter der Glashütte, Max Eugen Noelle. Er wurde seiner (imaginären) Pflicht als patriarchalischer Arbeitgeber gerecht, übernahm er doch die Vormundschaft für alle vier Kinder, tilgte zudem die aufgelaufenen Schulden. Für ihn gewiss auch Ausdruck seines gelebten Protestantismus.

Bilanz nach dem Tode des Glasschleifer Friedrich Kasten 1899 (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 40 Neu 10 Fb. 5 Nr. 70)

Was stand nun am Ende des Lebens von Friedrich Kasten zur Bilanz? Grundstücke besaß er nicht, seine Habe betrug 159,70 M. Bargeld war nicht vorhanden. Den Hauptteil seines Vermögens machten mit 78,20 M seine Möbel aus, hinzu kamen 14,40 M für Betten und Decken sowie 8,10 M für Haus- und Küchengeräte. Seine Kleidung war 18 M wert, zudem hatte er für 29 M Lebensmittelvorräte aufzuweisen – so der Stand vom 20. Januar 1899. Der sechsköpfige Haushalt besaß also praktisch keine Rücklagen. Schlimmer noch: Das Inventar wies Schulden in Höhe von 293 M auf. Nach Verkauf der gesamten Habe hätten Kastens Frau und Kinder weiterhin ein Defizit von 133,30 M abzutragen gehabt. Der Glasschleifer lebte also von der Hand in den Mund, er war überschuldet, angewiesen auf Kleinkredite vor Ort.

Die Kleider des Glasmachers Heinrich Kleine – Auszug aus dem Inventar 1895 (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 40 Neu 10 Fb. 5 Nr. 68)

Das zweite Inventar von Anfang 1895 gibt Zeugnis von einem besser gestellten Haushalt. [3] Es war der des Glasmachers Heinrich Kleine, wohnhaft Glashütte Georgshütte, verstorben am 17. Dezember 1894 in Boffzen. Abermals ging es um die Vormundschaft für vier minderjährige Kinder, nämlich Karl (geb. 3. Januar 1877), Hermine (16. Februar 1878), Sophie (18. Mai 1879) und Marie (5. April 1890), zudem um die Zukunft der Witwe Johanna Kleine, geb. Öbel. Vor Gericht anwesend waren wiederum zwei Boffzener Familienfreunde, nämlich der Bäckermeister Ludwig Kleine und der Glasschleifer Karl Brodhage.

Das Inventar wies abermals keinen Grundstücksbesitz aus, doch war der Viehbestand mit 26 M höher bewertet als bei Kasten, niedriger dagegen der Wert seiner Möbel (11 M). Betten und Decken (16 M) sowie Haus- und Küchengeräte (14 M) lagen leicht höher, doch bei drei Posten zeigten sich die Unterschiede zwischen einem auskömmlichen Dasein und der Subsistenzwirtschaft Kastens: Kleines Kleidung (50,60 M) und die Lebensmittelvorräte (119,50 M) waren deutlich mehr wert. Entscheidend aber war die Rubrik „Baares Geld“: Kleine besaß ein kleines Vermögen von 1500 M, genauer einen Hypothekenbrief des Holzmindener Nagelschmieds August Göhmann vom 20. Dezember 1876. Auf der Habenseite standen also 1737,10 M. Die Schulden von 178,87 M wogen demgegenüber eher gering, blieb doch ein positiver Saldo von 1558,23 M übrig.

Ein kleines Häuschen mit Gartenfläche: Grundrisse des 1874 von G. Becker erbauten Arbeiterwohnhauses für den damaligen Leinweber Heinrich Kleine (Kreisarchiv Holzminden Bauakten Boffzen)

Im Gegensatz zum ersten Inventar wurden die Angaben bei Kleine weiter ausdifferenziert. Der Haushalt hielt Schweine und Ziegen, besaß zudem die dafür erforderlichen Schlachtutensilien, also unter anderem Axt und Handsäge, ein Rosteisen, einen Schlachttisch sowie ein einschlägiges Wasserbecken. Bei Kleine wurde hausgeschlachtet, der Ertrag dann geräuchert und peu à peu verzehrt. Wichtigster Posten der Vorräte waren etwa 200 Pfund Schinken, Wurst und Speck, dazu ca. 10 Zentner Kartoffeln. Das war auskömmlich, keine Not. Heu, Stroh und Holz waren vorhanden, denn das Vieh musste, soweit nicht zuvor geschlachtet, über den Winter gebracht werden – schon der Milch wegen. Blicken wir nun auf die Kleidung: Für die Arbeit standen vier Arbeitshemden und zwei Arbeitsanzüge zur Verfügung, so dass regelmäßig gewechselt werden konnte. Für die freie Zeit – regelmäßige Freizeit im heutigen Sinne dürfte es kaum gegeben haben – besaß Kleine ebenfalls vier Leinenhemden, zwei Anzüge, einen Überzieher für den Winter. Zudem aber hinterließ er eine Taschenuhr mit Kette, Wert 8 Mark. Das war, zusammen mit dem schwarzen Tuchanzug, ein Zeichen von Respektabilität.

Auch die Schulden sagen etwas über den Alltag aus. Besorgungen und Käufe erfolgten meist nicht gegen bar, sondern gegen Kredit. Aufgelistet waren ein Schuhmacher, Schneider und Schneiderin, ein Maler und ein Tischler. Die Kleidung wurde also zu zumindest beträchtlichen Teilen nicht im Haushalt hergestellt, sondern gekauft. Ähnliches galt für die Ausstattung der Wohnung, einer Arbeiterwohnung der Glashütte. Lebensmittel wurden zwar selbst produziert, Ergänzungen aber zugekauft. Schulden gab es zudem bei einem Kaufmann, einem Müller sowie einem Kleinköter – letztere wohl für den Kauf von Mehl bzw. landwirtschaftlicher Produkte. Die Liste der Schuldner verweist auf einen begrenzten regionalen Aktionsradius: Vier kamen aus Boffzen, drei aus dem benachbarten Höxter und einer aus der Kreishauptstadt Holzminden. Schließlich enthielt die Liste noch den Glashüttenbesitzer Becker aus Neuhaus. Der Kleinkredit von 18 M kann ein Vorschuss gewesen sein, Hilfe zur Überbrückung von Zahlungsschwierigkeiten. Er stand aber auch für das patriarchale Verhältnis zwischen Facharbeiter und Unternehmer.

Aus dem Besitz der Witwe Johanna Kleine 1895 (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 40 Neu 10 Fb. 5 Nr. 68)

Das Inventar Kleines enthält noch eine weitere Kategorie, nämlich „Eingebrachtes der Ehefrau“. So schwach auch die privatrechtliche Absicherung der Ehefrau im späten 19. Jahrhundert gewesen sein mag, so wurde sie doch durch tradierte Rechtsinstitute gemildert. Das galt für die Aussteuer, also die von der Ehefrau in die Ehegemeinschaft eingebrachten Güter. Formaljuristisch im Besitz des Mannes wurde sie jedoch als Besitzstand der Witwe akzeptiert. Das Inventar listete nicht weniger als 33 Posten auf, vom Sofa mit Damastüberzug bis hin zur Mistgabel. Es handelte sich erst einmal um Möbel, dem besagten Sofa, einem Sofatisch, einem kleinen Tisch, einer Kommode und einem Korbsessel. Das war die Ausstattung der vielbeschworenen guten Stube, die repräsentativen Zwecken diente, etwa bei Besuch. Gelebt wurde aber – schon aus Gründen der Heizung – in der Küche. Zwei Rohrstühle, vier Brettstühle enthielt das Inventar, Plätze für das Ehepaar und seine vier Kinder. Auch das Interieur der Schlafräume gehörte Johanna Kleine, je zwei Ober- und Unterbetten, sechs Kissen, Kissenüberzüge und Bettlaken, zudem sieben Bettüberzüge. Etwas für jeden, doch nicht viel zum Wechseln. Es gab Tischlaken und eine Reihe von Handtüchern. Besteck und Geschirr waren dagegen recht eng bemessen, standen doch nur sechs Messer, Gabeln und Löffel zu Buche, ein Porzellanteller und ein Vorlagelöffel, ferner eine Kaffeemühle. Zum Kochen dienten zwei emaillierte und mehrere irdene Töpfe aus Steingut. Sollten Sie Elektrogeräte vermissen – es gab in Boffzen damals keine allgemeine Elektrizitätsversorgung. Auch fließendes Wasser, gar warmes, fehlte. Schließlich enthielt die Liste Gartengeräte, Schuten, Harken und die besagte Mistgabel. Dieser Besitz markierte den Haushalt, zu dem auch der Garten und die Kleinviehzucht zählten. All das sollte nicht als Ausdruck der Fron der Hausarbeit missverstanden werden. Johanna Kleine dürfte außerhäuslich nicht gearbeitet haben, denn ihr Mann verdiente genug. Die züchtige Hausfrau war Statussymbol, Ausdruck von Ehrsamkeit und einer respektablen Stellung im Dorfe.

Beide Inventare unterstreichen die prekäre materielle Situation der Glasarbeiter in Boffzen. Obwohl sie sich gegenüber der bäuerlichen und kleinbäuerlichen Bevölkerung des Unterdorfes durch mehr oder minder stete Bezahlung hervorhoben, also regelmäßig, wenn auch wenig, Bargeld hatten, so war der materielle Spielraum doch äußerst begrenzt. Die Familien waren immer auch Wirtschaftseinheiten, Kartoffelanbau und Kleinviehhaltung Aufgaben der Ehefrau und der Kinder. [4] Zugleich macht der Vergleich beider Inventare deutlich, dass die Unterschiede innerhalb der Glasarbeiterschaft recht beträchtlich waren. Das war nicht nur Ausdruck individueller Tüchtigkeit, sondern Folge deutlicher Unterschiede zwischen den einzelnen Tätigkeiten innerhalb der Glashütten. Glasmacher resp. Glasbläser waren auskömmlich bezahlte Facharbeiter, deren Löhne deutlich über dem eines Glasschleifers oder der nicht kleinen Zahl von Zuarbeitern lagen. Ihr Lebenszuschnitt war gehobener, der deutlich höhere Fleischkonsum dafür ein verlässlicher Marker. [5] Vergessen werden sollte aber nicht, dass Facharbeiter anderer Branchen, insbesondere in Städten lebende Metallarbeiter, deutlich höhere Löhne erzielten.

Arbeit und Entlohnung in den Glashütten

Weiten wir nun erst einmal unseren Blick auf die Grundlagen der Existenz der Arbeiter, auf die damalige Glasindustrie. Sie hatte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts tiefgreifend verändert, war Teil des angebrochenen Maschinenzeitalters geworden. In Boffzen arbeiteten die Vorgänger von Noelle & von Campe zuerst mit sog. Boetius-Maschinen. Diese standen für den Wandel von der direkten zur indirekten Feuerung. Gegenüber den seit Anfang des 19. Jahrhunderts genutzten Öfen mit ersten Rosten steigerten sie die Temperatur durch die Einspeisung von Luft zur Flamme und erreichten damit eine Ersparnis von etwa 30% Brennmaterial. [6] Deutlich effizienter (und teurer) war dann der Siemenssche Regenerativofen. Entwickelt in den späten 1850er Jahren, wurde er seit 1864 erst in der Stahl-, dann in der Glasindustrie eingesetzt, war anschließend auch Trendsetter für erste Krematorien sowie dem Verbrennen von Tieren. Das Brennmaterial wurde in Generatoren verbrannt, das entstehende Gas dann in den eigentlichen Ofen gelenkt, wo es unter Luftzufuhr verbrannte. Es wurde dann durch Kammern aus feuerfestem Stein, den Regeneratoren, geleitet, um so den Schmelzprozess des Glasgemenges in Gang zu setzen und zu halten. Diese neuen Ofen-Maschinen erforderten nicht wenig Kapital, zugleich aber den Ersatz von Holz durch Kohle. Der Holzreichtum des Sollings verlor dadurch an Bedeutung, die Verkehrsanbindung an den Ruhrbergbau mittels Eisenbahn wurde für die Standortwahl der Boffzener Hütten entscheidend. Die Betriebe wurden dadurch größer, die Absatzmöglichkeiten erweiterten sich, zugleich aber veränderte sich das Arbeitsumfeld der Glasproduktion massiv.

All dies führte zu einer wachsenden Spezialisierung innerhalb der Glasindustrie. Sie teilte sich in zwei große Gruppen, nämlich einerseits den Glashüttenbetrieb, also die Produktion von Glas als solchem, anderseits dessen Weiterverarbeitung. In Boffzen war dies integriert, die dortigen Hütten machten beides. Die allgemeine Spezialisierung vertiefte zugleich die Unterschiede zwischen Handwerk und Industrie: „So trägt denn auch die ganze Glasindustrie teils den Charakter des Kunstgewerbes, teils den einer für den Massenkonsum arbeitenden Industrie.“ [7] In Zahlen der Reichsgewerbezählung: 1895 waren mit der Verfertigung von Glas und Glaswaren 2928 Hauptbetriebe mit 59.415 Beschäftigten befasst. Davon entfielen auf den Glashüttenbetrieb 371 Hauptbetriebe mit 40.938 Beschäftigten. Etwa die Hälfte der Produktion entfiel auf Grünglas. Anderes Hohlglas, insbesondere das in Boffzen produzierte Weißhohlglas, machte den zweiten großen Posten aus. All dies bedeutete für die Arbeiter eine zunehmende Aufgliederung der Tätigkeiten innerhalb der Hütte, auch eine Abhängigkeit von der Expertise von Technikern und Ingenieuren. Zugleich aber begann eine zuvor kaum gekannte Abhängigkeit von einem Markt, in dem Glas ein anonymes Massengut war, bei dem der Preis entscheidend wurde.

Volle Konkurrenz: Glaswaren als anonyme Produkte 1894 (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 159 v. 30. März , 14)

Blicken wir nun genauer hin: Die Zeit zwischen den Wirtschaftskrisen 1893 und 1900/01 war im Deutschen Reich eine Periode relativ steten Wachstums und weit überdurchschnittlicher Wachstumsraten für die Glasindustrie. Deutliche Lohnsteigerungen gab es damals etwa im benachbarten Grünenplan und Freden. Davon profitierten insbesondere weniger qualifizierte Beschäftigte. [8]

In Boffzen gab es in der Georgshütte eine ähnliche Entwicklung – auch wenn eine genauere Auswertung der im Samtgemeindearchiv vorliegenden Lohnbücher noch aussteht. Der 1894 verstorbene Glasmacher Heinrich Kleine hatte 1891 als „Fertigmacher“ ein Jahreseinkommen von 1266,31 M, 1892 betrug es 1297,27 M. [9] Er arbeitete im Wochenlohn, die Zahlungen erfolgten zweiwöchentlich. Er scheint durchgängig beschäftigt gewesen zu sein. Die Miete für die Hüttenwohnung betrug 1891 36 M, die Summe wurde vom Lohn gleich einbehalten. Ein Vergleich mit Löhnen anderer Fertigmacher der Georgshütte macht zweierlei deutlich: Zum einen wurden die Löhne offenbar individuell vereinbart, denn sie variierten deutlich. Tarifverträge gab es in der Georgshütte noch nicht. Zum anderen stiegen die Einkommen insgesamt, doch sie stiegen nicht bei jedem Einzelnen:

Einkommen ausgesuchter Fertigmacher der Georgshütte 1893 und 1894 (M) [10]

Name18931894
EinkommenHolz und MieteEinkommen
F. Dermann1450,9466,551620,65
A. Kleine1319,0079,251278,69
A. Tofaute1466,9555,751651,82
G. Bücking1518,9663,601857,57

Die Fertigmacher standen an der Spitze der Arbeiterhierarchie innerhalb des Betriebes. Sie erhielten Werkstücke oder aber Pressglas von den Vorbläsern, sorgten dann für ein vorzeigbares Werkstück. Die damit verbundene Kontrollaufgabe war in der Tat Geld wert, denn die Einkommen der Vorbläser lagen um etwa ein Drittel niedriger als die der Fertigmacher. Außerdem variierte deren Einkommen stärker, wies von 1893 auf 1894 zumeist auch Einbußen auf. Die Lohnzahlung erfolgte im Stücklohn, war entsprechend konjunkturabhängiger.

Einkommen ausgesuchter Vorbläser der Georgshütte 1893 und 1894 (M) [11]                                                                                          

Name18931894
EinkommenHolz und MieteEinkommen
W. Tofaute1050,9340,751100,11
Ferd. Koch1010,3755,75 788,94
H. Kempe1166,7255,751089,70
C. Knop925,5022,75 831,70

Die Angaben verdeutlichen eine beträchtliche Lohnspreizung innerhalb der Glasarbeiterschaft. In der Boffzener Georgshütte gab es für die Zahlungen der Krankenversicherungsabgaben vier grobe Lohnkategorien, die allerdings – wie die Beispiele der Fertigmacher und Vorbläser unterstreichen –unterschiedliche Einkommenshöhen umfassten. Die Fertigmacher bildeten gemeinsam mit dem Verwalter die Lohngruppe I, während die Vorbläser in Gruppe II eingruppiert waren. Diese teilten sie mit Formmachern, Schürern und Holzschneidern. Die Ballotmacher der Gruppe III erhielten nochmals weniger, ehe mit den Einträgern die unterste Einkommensgruppe erreicht war. [12] Die Glasarbeiter waren also eine in sich hochdifferenzierte Gruppe, innerhalb derer es durchaus sozialen Aufstieg geben konnte. Der in der Tabelle noch 1894 als Vorbläser aufgelistete Ferdinand Koch war seit 1898 Fertigmacher und erzielte damals ein Jahreseinkommen von 1438,27 M. [13]

Ähnliche Beschäftigungsstrukturen gab es auch in der benachbarten Glashütte Noelle & von Campe. Auch dort hatte man auf das tradierte Zwischenmeistersystem verzichtet, hatte stattdessen Arbeitseinheiten um einzelne Stühle des Wannenofens herum organisiert. Diesen gehörten zumeist fünf Männer an, Fertigmacher, Vorbläser, Ballotmacher, Formhalter und Einträger. Ihre Löhne waren deutlich abgestuft, stiegen jedoch mit der Betriebsangehörigkeit. Innerhalb der Stuhl-Organisation war sozialer Aufstieg vom Einträger bis hin zum Fertigmacher grundsätzlich möglich – und entsprechend eine Vervielfachung des Einkommens. [14]

Was sagen diese Einkommen uns nun über die materielle Lage der Glasarbeiter um 1900? In Boffzen lagen die Löhne offenbar leicht über den Vergleichseinkommen in der deutlichen größeren Glashütte Grünenplan. Dort erzielte 1895 der Hüttenmeister 2378 M, die Tafelglasmacher durchschnittlich 1844 M, die Schleifer 618 M und die Tagelöhner lediglich 342 M pro Jahr. [15] Die Boffzener Hütten waren demgegenüber homogener, allen Lohnunterschieden zum Trotz. Vergleicht man mit anderen Branchen, so gilt das Resultat einer Ende der 1880er Jahre erschienenen Fallstudie aus Schlesien: „Die materiellen, geistigen und socialen Verhältnisse der in diesem Industriezweige beschäftigten Arbeiter sind durchschnittlich günstiger und zufriedenstellender als in vielen Gegenden des Vaterlandes und in den meisten anderen Industriezweigen.“ [16] Blickt man etwa auf die Bergleute im Ruhrgebiet, hinsichtlich Traditionsbewusstsein und Firmenloyalität mit den Glasarbeitern durchaus vergleichbar, so erzielten diese um 1890 Jahreslöhne von 900-1100 M, um 1900 von 1000-1300 M. [17] Will man all dies zu einem noch genaueren Abbild der Lebenshaltung um 1900 verdichten, so benötigte man allerdings präzise Preise, wie sie aus Boffzen nach meinem Wissen nicht vorliegen. Festzuhalten ist, dass die wachsende Produktivität der Hütten nicht nur zu einer Verbilligung und damit allgemeinen Verbreitung von Glaswaren führte, sondern dass der wachsende Wettbewerb im Handel zugleich einen Preisdruck schuf, der Lohnsteigerungen nur dann erlaubte, wenn die Produktion weiterhin überdurchschnittlich stieg. Billige Waren hatten ihren Preis.

Preisdruck durch Sonderangebote: Ausnahmetage im Berliner Warenhaus Wertheim 1895 (Volks-Zeitung 1895, Nr. 461 v. 2. Oktober, 7)

Diese Marktveränderungen wurden von den meisten Glasarbeitern jedoch kaum wahrgenommen – zumindest abseits der großen Flaschen- und Pressglasfabriken. Insbesondere die Glasmacher waren nicht nur relativ gut bezahlt, sondern standen noch in einer Handwerkstradition, verstanden sich nicht als einfache Arbeiter, gar als Proletarier. [18] Ihre Tätigkeit schien ihnen trotz der Maschinisierung und trotz wachsender Betriebsgrößen als produktiv und auch kreativ. Die sozialen Leistungen der Glashütten, also Arbeiterwohnungen, eine kleine Parzelle für Kartoffelanbau und Kleinvieh, sie waren Anrecht, nicht Lohnergänzungsleistungen. Die Fertigmacher standen nicht nur für sich, sondern für ihre Kinder. Sie verstanden es als Privileg, dass sie ihre Söhne schon früh in die Glasarbeit einführen konnten, denn sie waren Teil eines Berufsstandes, nicht einer imaginären Arbeiterklasse. Ihre Interessen deckten sich dabei mit denen der Hüttenbesitzer, die auf eine sesshafte und qualifizierte Stammarbeiterschaft setzten. Die Ortsverbundenheit der Glasmacher war aber zugleich eine Konsequenz der allgemeinen Veränderungen der Glasproduktion. Die alten, bis die 1870er geltenden Hierarchien innerhalb der Glasindustrie hatten sich durch die Maschinisierung und auch die Verwissenschaftlichung der Glasindustrie deutlich verändert. Techniker, Ingenieure, Verwaltungs- und Vertriebspersonal gewannen an Bedeutung, setzten neue Kompetenzen an die Stelle der Produkt- und Produktionskenntnisse der Glasmacher. Seit den 1890er Jahren entwickelte sich daher eine erst in den 1950er Jahren sich auflösende Gemeinschaft von Glasarbeitern, die man nicht zur Betriebsfamilie idealisieren sollte.

Stilisierte Darstellung der Georgshütte mit Arbeiterwohnungen (Schreiben von G. Becker an die Kreisdirektion Holzminden v. 13. September 1901, Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Diese Deutung verbietet sich nicht allein aus ihrer Zweckentfremdung durch Agrarromantizismus, Nationalsozialismus und formierter Gesellschaft. Sie degradiert zudem Frauen als Anhängsel, als treusorgende Hausfrauen, zuständig für die Kinder, die Tiere und den kleinen Garten. Glasarbeit war um 1900 allerdings vorwiegend Männerarbeit. Das war vor der Maschinisierung teils anders, denn Glasmalerei und Vergoldung waren vornehmlich weibliche Tätigkeiten. Nun aber erschienen Frauen in den Hütten kaum mehr; und wenn, dann als Poliermädchen, in der Verpackung, selten in der Verwaltung. Diese Entwicklung war auch Folge staatlicher Interventionen, denn der als kultureller Fortschritt gedeutete besondere Schutz von Kindern und Frauen hatte immer auch eine Verbotsseite.

Die männlich geprägte Hütte war ein Arbeitsplatz relativ junger Menschen, deren Alter ihren Platz in der Lohn- und Tätigkeitshierarchie stark mitbestimmte. In der Georgshütte waren 1900 die Fertigmacher 38 bis 48 Jahre alt, die Vorbläser 38 bis 24, die Ballotmacher 29 bis 19 und die Einträger 16 bis 19 Jahre. [19] Verwalter Strecker war mit 58 Jahren der älteste Beschäftigte. Die Altersstruktur spiegelt zugleich ein Ausbildungssystem, in dem die Arbeiter auch nach der Lehrzeit unterschiedliche Tätigkeiten durchliefen und sich so qualifizierten. Die Unternehmen unterstützten dieses Lernen in der Hütte durch entsprechend steigende Löhne. Das war ungewöhnlich, weil die Mehrzahl der damaligen deutschen Arbeiter ihre höchsten Löhne Ende 20, Anfang 30 erzielten – und ältere Arbeiter abnehmend weniger verdienten.

Die Hütten waren nicht nur Orte des Erwerbs. Sie waren lebensbestimmend, denn hier verbrachten die Glasarbeiter auch einen Großteil ihres Lebens. Insgesamt hatten die Arbeitszeiten im Vergleich zu den 1860er Jahren deutlich abgenommen, nämlich von täglich 11 bis 12 Stunden auf eine zehnstündige Arbeit im Schichtbetrieb. [20] Nur der Sonntag war frei, wenngleich nicht immer und für alle. Die neuen Öfen banden die Arbeiter an sich, erforderten Arbeit, bis das Gemenge verarbeitet war. Je nach Glasart, je nach Produkt, bedeutete dies unterschiedlich lange Arbeitszeiten – und damit regelmäßige Überschreitungen der vorgesehenen Stunden. Die Öfen führten zugleich zu einer Ausdifferenzierung der Arbeitszeiten innerhalb der Belegschaften. Die Schleifer mussten sich auf die Glasmacher einstellen, waren von deren Vorarbeiten abhängig. Die Einschürer hatten den kontinuierlichen Betrieb des Ofens sicherzustellen, entsprechend wurden Nachtschichten üblich – und auch der Sonntag wurde nicht geheiligt. Zu stark wechselnde Temperaturen hätten zu teuren Sprüngen und Rissen an den Öfen geführt bis hin zum temporären Stillstand des Betriebes.

Schichtbetrieb und Sonntagsarbeit bei Noelle & von Campe (Arbeits-Ordnung der Glasfabrik Noelle & von Campe zu Brückfeld v. 19. April 1892, Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, 139 Neu Nr. 286)

Arbeit war auch deshalb so zentral, weil die offizielle Arbeitslosigkeit sehr niedrig war. 1895 waren in den Glashütten im Deutschen Reich 34.445 Arbeitnehmer beschäftigt (zur Glasindustrie zählten ansonsten noch Glasveredelung und Glasbläserei vor der Lampe (10.138), Spiegelglas- und Spiegelfabrikation (6.208) sowie die Spielwarenproduktion (1.438)). Arbeitslos waren davon am 14. Juni 1895 283 (0,82%) und am 2. Dezember 1895 287 (0,84%). [21] Die schon bei Vorbläsern regelmäßig variierenden Löhne verweisen aber auf eine zyklische Unterbeschäftigung. Nachfrageschwankungen und Absatzprobleme wurden ebenso wie der Umbau der Wannenöfen auf dem Rücken der Arbeiterschaft abgepuffert. Für Glasarbeiter bedeutete dies zeitweilige Arbeit als Waldarbeiter oder aber Mithilfe bei der Ausbesserung und Neugestaltung der Öfen.

All dies wurde, möglicherweise grimmig, akzeptiert. Obwohl erst zahlreiche, dann die Mehrzahl der Glasarbeiter sozialdemokratisch wählten, blieben die Boffzener Hütten lange Zeit gewerkschaftsfreie Zonen, gab es dort auch keinen einvernehmlichen Tarifvertrag. Das überrascht, denn Delegierte aus Brückfeld waren beim „Ersten Kongreß der Glasarbeiter Deutschland“ vom 19.-21. September 1875 in Dresden dabei, als der „Allgemeine Glaskünstler-Bund Deutschlands“ gegründet wurde. Obwohl die organisierten Glasfabrikanten eine Mitgliedschaft untersagten, traten Brückfelder Glasarbeiter dennoch bei. [22] 1878 löste sich der umbenannte „Bund der Glasarbeiter Deutschlands“ aufgrund der Sozialistengesetze selber auf – und es fehlen entsprechende Nachrichten aus Boffzen über Mitarbeit im 1890 gegründeten Verband der Glasarbeiter Deutschlands, der sozialdemokratischen Branchengewerkschaft. Der Trend zum Großbetrieb – sie beschäftigten 1907 knapp 80% aller Erwerbstätigen [23] – führte im Kaiserreich jedenfalls zur Verhärtung der Fronten zwischen Kapital und Arbeit. Nach dem trotz reichsweiter Solidaritätssammlungen gescheiterten Streik beim Flaschenproduzenten H. Heye in Schaumburg und Nienburg im Sommer 1901, an dessen Ende mehrere hundert Glasmacher nach Belgien auswandern mussten, erhöhte sich der Organisationsgrad zwar auf etwa ein Fünftel, doch die Glasarbeiter Boffzens setzten eher auf persönliche Arrangements mit den lokalen Unternehmern. [24]

Gesundheitliche Probleme der Glasarbeit

Kurze Krankheit, rascher Tod: Auflistung von Kranken- und Sterbegeld für Heinrich Kleine 1894 (Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Krankenkassenbuch Becker 1893-1913, 34)

Der Fertigmacher Heinrich Kleine starb im Dezember 1894 unerwartet, Krankengeld erhielt er nur drei Tage. Die Todesursache ist unbekannt, eine Infektionskrankheit oder aber ein Unfall anzunehmen. Das aus heutiger Sicht geringe Alter der Belegschaft der Georgshütte erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Daten der Habsburger Monarchie sind auf das Deutsche Reich übertragbar: „Das mittlere Sterbealter aller Glasmacher beträgt 38 Jahre, doch sind viele Arbeiter gezwungen, in relativ jungen Jahren ihren Beruf aufzugeben, weil sie seinen physischen Anforderungen nicht gewachsen sind.“ [25] Die Mehrzahl der Glasarbeiter starb früh, wurde nur 50 bis 60 Jahre alt. Ihre Lebenserwartung lag damit unter dem Reichsdurchschnitt von etwa 60 Jahren, doch sie lag nicht am Ende der Skala der gesundheitsgefährdenden Berufe. Die zahlreichen mit der Glasarbeit verbundenen Krankheiten erforderten ärztliche Maßnahmen, waren aber in der Regel nicht tödlich. Viele Glasarbeiter schieden teils in frühen Jahren aus den Hütten aus, gesundheitlich gezeichnet, körperlich unfähig für die harte und fordernde Arbeit.

Über diesen zentralen Teils des Lebens der Glasarbeiter informiert eine rasch wachsende Zahl medizinischer Untersuchungen. Der Aufbau rudimentärer Formen staatlicher Sozialversicherungen in den 1880er Jahren war nämlich begleitet vom Aufbau neuer Expertenkulturen: In den Berufsgenossenschaften tätige Mediziner, Professoren und Assistenten des neuen universitären Faches Gewerbehygiene, zunehmend spezialisierte Beamte der Gewerbeaufsicht, schließlich auch gewerkschaftlich geprägte Expertise. Sie einte ein Blick auf die empirische Sozialtatsachen und die Neugier auf die lange Zeit eher verschlossene, bestenfalls romantisierte Welt der Glasproduktion. Für Boffzen liegen keine speziellen Untersuchungen vor, erst spätere Gewerbeaufsichtsakten erlauben genauere Eindrücke. Doch das generelle Bild ist eindeutig: Das Leben der Glasarbeiter fand in einem gefährlichen und strukturell gesundheitsgefährdenden Umfeld statt.

Die Glasindustrie gehörte zu den „staubenden Gewerben“, die Hütten waren heiß und zugleich „nicht hell genug“ [26] – außer am Ofen selbst. Dies hatte Auswirkungen auf Körper und Erscheinung: „Das Aussehen der Glasbläser ist […] gewöhnlich ein blasses, ungesundes, fahles, zuweilen fast wachsartiges und der ganze Ausdruck ein müder und schlaffer. Betreiben sie den Beruf schon von Jugend auf, so findet man häufig schwach entwickelte Unterextremitäten, schwache Gelenke, welche dem Gewicht des Körpers nachgeben und später Deformitäten zeigen.“ [27] Ähnliche Eindrücke wie diese aus den frühen 1890er Jahren äußerten österreichisch-ungarische Gewerbemediziner kurz vor dem Ersten Weltkrieg: „Die Glasmacher sind häufiger blaß als gut gefärbt, größtenteils mager, einzelne werden aber ziemlich beleibt. Obschon die Glasmacher zufolge ihrer guten Einkünfte sich entsprechend ernähren, machen sie doch vielfach den Eindruck anämischer oder unterernährter Leute.“ [28]

Die Experten führten dies vorrangig auf das Arbeitsumfeld zurück, das sie plastisch beschrieben: „Der Glasbläser arbeitet an dem glühenden Schmelzofen, dessen ausserordentlich hohe Temperatur eine äusserst intensive Hitze verbreitet, mit fast entblösstem Körper, nur mit Beinkleidern und einer dünnen, baumwollenen Jacke bedeckt, die in der Regel noch offen getragen wird. Die Thüren der Hütte sind geöffnet und die Arbeiter dem wechselnden Luftzuge ausgesetzt. Durch die Hitze und angestrengte Thätigkeit ist der Körper wie in Schweiss gebadet; der Schweiss rinnt in grossen, dichten Tropfen über Gesicht, Arme und Brust, während der durch die Thür eindringende Luftstrom die dem Ofen abgewendete Seite des Körpers erheblich abkühlt. Zudem verdient auch der Umstand Beachtung, dass die für die Arbeiter bestimmten Aborte für dieselben fast niemals so bequem zu erreichen sind, dass sie nicht nötig haben, ins Freie hinauszutreten; in der Regel müssen sie 50 bis 60 Schritt und oft noch bei weitem mehr über den freien, zugigen Hof gehen, um zu denselben zu gelangen. Nur selten denkt der Arbeiter daran, vor dem Heraustreten aus dem heissen Arbeitsraume den Körper abzutrocknen und einen Rock anzuziehen; schweisstriefend und mit entblösster Brust setzt er sich dem Luftzuge aus, zumal ihm derselbe, wenn auch nur für kurze Zeit, das Gefühl einer angenehmen Kühlung verschafft.“ [29]

Wissenschaftlicher Blick auf Gesundheitsgefährdungen: Glasstaub unter der Mikroskop (In den gewerblichen Betrieben vorkommende Staubarten in Wort und Bild, hg. v. Verein zur Pflege des Gewerbehygienischen Museums in Wien, 2. verm. Aufl., Wien 1895)

Gesundheitsschädlich schien insbesondere der Glasstaub: „Ein äusserst feiner, spitziger, verletzender Staub jedoch entwickelt sich beim Abkratzen und Ebnen der abgesprengten Ränder von Cylindern und Hohlgläsern sowohl, wie beim Absprengen selber und beim Graviren mit dem Kupferrädchen, auch dann, wenn bei diesen Arbeiten Wasser verwendet wird, weil das äusserst spröde Material bei der schnellen Umdrehung der Räder leicht einen gewissen Grad von Trockenheit erreicht und der Schleifer sein Gesicht dem Arbeitsstück sehr nähern muss. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist auch die recht mangelhafte Reinigung vieler Schleiferwerkstätten, die häufig als Lagerraum für allerlei unnütze und verbrauchte, mit hohen Staubschichten bedeckte Gegenstände dienen.“ [30] Während die Hüttenansichten rauchende Schlote feierten, war der Rauch selbst gesundheitsgefährdend, ferner die Hitze, „welche, da die Glasschmelze die höchste Temperatur erfordert, die der Ofen zu leisten vermag, für jeden Anderen als den Glasarbeiter einfach unerträglich ist, die strahlende Hitze des Glases am Pfeifenende, das Blasen und die Anstrengung. Die Arbeiter sind in Schweiss gebadet, nur mit Hose und Hemd bekleidet, und die ausserordentlich zugige Hütte ist zuweilen so von Rauch erfüllt, dass man auf drei Schritte Niemand erkennen kann. Die Arbeit ist sehr ermüdend und anstrengend, besonders das Blasen.“ [31] Diese Eindrücke stehen für eine andere, eine arbeitsmedizinische Perspektive: Die Hütten waren Orte der Gesundheitsgefährdung, vor denen die Arbeiter möglichst geschützt werden mussten.

Der wissenschaftliche Blick zeigte seine Kraft jedoch weniger in allgemeinen Eindrücken von der Glasarbeit, sondern in einer zunehmend kausalen Verbindung von Arbeit, Umfeld und Krankheiten. Dazu diente nicht zuletzt die Statistik als eine Leitwissenschaft des späten 19. Jahrhunderts. Zusammengefasste Krankenkassenberichte ergaben für die 1880er Jahre, dass sich jährlich ungefähr ein Drittel der Arbeiter krank meldete. Dabei handelte es sich im Regelfall um schwerere Fälle, denn die Krankheitsdauer lag bei mehr als 14 Tagen. [32] Hitze, häufige Temperaturwechsel, Rauch und Staub führten zu einer Häufung bestimmter Krankheiten: Tuberkulose und Atemwegerkrankungen, Entzündungen der Hände, Rheumatismus und Verbrennungen. [33] Hinzu kam die durch die Weitergabe der Glaspfeife begünstige und breit diskutierte Syphilis – Salvarsan wurde erst 1910 marktreif – sowie Verdauungskrankheiten als Folge des unsteten Essens am Arbeitsplatz, vor allem aber der große Menge an kalten Getränken. All dies führte im späten 19. Jahrhundert zu einer wachsenden Zahl von Statistiken, deren beträchtliche Abweichungen eines deutlich machten: Die Gesundheitsgefährdungen betrafen die Glasarbeiter in sehr unterschiedlicher Weise. Erforderlich war daher eine genauere Risikoanalyse der einzelnen Tätigkeiten.

Langzeitstudien im deutschen Elsass hatten schon Anfang der 1890er Jahre eine unterschiedliche Mortalität im Glasgewerbe festgestellt. Das Durchschnittsalter der Gestorbenen lag dort bei 35,2 Jahre, doch bei den Schleifern betrug es 32,6 Jahre, den Glasbläsern 38 und den Übrigen 41. Nur 8,3% der Schleifer wurden älter als 50 Jahre, bei den Glasbläsern lag dieser Anteil bei 21,8%, erreichte bei Schmelzern und übrigen Arbeitern 19%. [34]

Glasbläser in Aktion: Erstellen einer Walze (R[udolph] Sachsse, Einführung in die Warenkunde, 2. Aufl., Bautzen 1909, 60)

Bei den Glasmachern – in Boffzen Fertigmachern – traten vor allem vier Risiken hervor: Erstens führte das Wechselspiel der Arbeit mit heißen Glaskörpern einerseits, kurzem Stehen oder Sitzen anderseits zu vielfältigen Erkältungskrankheiten, aber auch zu dem sog. „Glasmacher-Kopfschmerz“. [35] Zweitens erforderten Arbeit und Hitze einen steten Ersatz der ausgeschwitzten Körperflüssigkeit. Dabei kamen täglich nicht selten zehn Liter zusammen. Das zumeist getrunkene Wasser war häufig von minderwertiger Qualität und führte zu Magen- und Darmerkrankungen. Das ebenfalls konsumierte Bier – damals durchschnittlich leichter als in heutigen Pils-Zeiten – beförderte Blähungen und die üblichen Folgeerkrankungen regelmäßigen Alkoholkonsums. [36] Die eigentlichen Berufskrankheiten der Glasmacher hingen jedoch mit dem Glasblasen und der dabei verwandten Glaspfeife zusammen. Auf die damit verbundenen Infektionsgefahren durch diese zumeist mit einem Holzgriff versehene Metallröhre wurde schon hingewiesen, doch wichtiger waren drittens regelmäßige Entzündungen der Hand durch kleine, von der Pfeife, heißem Glas und der spröden Haut verursachten Risse. Dies führte in vielen Fällen zu verkrüppelten und kraftlosen Händen. Das Blasen mündete viertens einerseits in Probleme des Atembereichs, zog also Heiserkeit, Husten, Bronchialkatarrhe und Lungenentzündungen nach sich. Anderseits führte die stete Belastung von Lungen und Backen zu den charakteristischen „Trompetenbacken“: „Die beim Glasblasen erforderliche Macht und Gewalt der Exspiration erzeugt die für die Glasbläser charakteristischen mageren, fleischlosen, schlaffen Wangen, welche in Folge der dauernden Ueberanstrengung und der Muskelrarefaction nach und nach blasenartig aufgetrieben erscheinen.“ [37]

Typische Gesundheitsprobleme von Glasbläsern: Entzündungen der Hände („Hakenhand“) bzw. Verdickungen der Wangenmuskulatur („Trompeterbacken“) (Hauck, 1910, 354 (l.), 387)

Noch größeren Gefährdungen waren die Glasschleifer ausgesetzt: „Auf hohen hölzernen Stühlen sitzen die Arbeiter in einer langen Reihe; vor jedem dreht sich ein vertauschbares Rad aus Sandstein, Gußeisen oder Holz, über welches beständig ein feiner Wasser- oder Sandstrom herunterfließt. Während der Arbeiter mit entblößten Armen sich gegen die Holzpflöcke anstemmt, dreht er dem Rade die zu schleifende Glasfläche zu; die Arme beständig unbeweglich, stellt er durch Drehen und Wenden des Glases in der Hand die gewünschten Schliffe her, wobei die Glaswand oft um die Hälfte verdünnt wird.“ [38] Diese Arbeit galt als schwer und ungesund, zumal, wenn sie ohne Schutzbrille durchgeführt wurde. Augenkrankheiten, etwa grauer Star, waren nicht selten, ebenso Rheumatismus. Die Überbeanspruchung der Unterarme führte häufig zu Auswölbungen, einer Art Schleimbeutel an der Innenseite des Unterarms. Zudem bewirkte der feine Staub vielfältige Atemwegserkrankungen und Spitzenwerte bei Tuberkulosefällen. Die feinen Glassplitter schädigten aber auch die Hände, die Einfallspforten für Entzündungen vielfältiger Art wurden.

Auch die Glasschmelzer waren besonderen Risiken ausgesetzt. Um 1900 dauerte die Durchmengung der für die Glasproduktion erforderlichen Rohmaterialien etwa anderthalb Stunden – mit entsprechender Staubentwicklung und hohen Tuberkulosewerten. Die Unfallhäufigkeit war hoch, ebenso die Zahl der Verbrennungen. Die Schmelzer hantierten zudem ständig mit Glasscherben, die es zu sortieren und dem Gemenge hinzuzufügen galt. Schwermetalle, wie Blei, waren toxisch, Schnittwunden und Entzündungen eine regelmäße Begleiterscheinung. [39]

Was tun gegen diese Gefährdungen der Arbeit und damit auch der Gesundheit und des Lebens der Glasarbeiter? Die Experten gaben darauf eine doppelte Antwort. Im Vordergrund stand das wachsende Arsenal der Arbeitsschutzmaßnahmen. Die Antwort eines bürgerlichen Nationalökonomen setzte schon in den späten 1880er Jahren die Zielrichtung: „Alle diejenigen, welche in stark mit Staub geschwängerten Räumen arbeiten müssen (Pocher, Hafenmacher, Glasschleifer und Glasschneider), sollten durch Polizeiverordnung gezwungen werden, nur mit Respiratoren oder angefeuchteten Schwämmen zu arbeiten, die nach Bedürfnis zu reinigen bezw. zu erneuern sind. Auch dürfte sich für solche Staubarbeiter eine leichte, zum schnellen Überwerfen eingerichtete Arbeitskleidung, die auch den Kopf schützt und täglich in geeigneter Weise gereinigt wird, empfehlen. Bei den Glasschleifern und Glasschneidern ist außerdem die Festsetzung eines Minimal-Luftraumes und eine Verbesserung der Apparate dringend notwendig, um eine gesunde Körperhaltung zu ermöglichen.“ [40] Der Staat sollte also zugunsten der Gesundheit der Glasarbeiter einschreiten und Mindeststandards auch gegen unternehmerischen Widerstand durchsetzen. Verbote von Nacht- und Sonntagsarbeit galten ebenfalls als Garanten für ein gesunderes Leben der Glasarbeiter. Der Staat handelte, regelte einiges in der Gewerbeordnungsnovelle von 1891 und der Verordnung über die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Glashütten vom 11. März 1892. Einschränkungen der ohnehin nicht wichtigen Frauenarbeit, vor allem aber ein Verbot der Kinderarbeit waren die wichtigsten Folgen, durften Glashütten doch zuvor Zwölf- und Dreizehnjährige beschäftigen. All dies milderte die Gesundheitsgefährdungen, führte jedoch nicht zu grundlegenden Verbesserungen des Arbeitsumfeldes. Es war nicht zuletzt die Halbherzigkeit staatlicher Maßnahmen im Gesundheitsschutz, die Gewerkschaften zum Streiter für ein besseres Leben werden ließ. Denn der Staat übernahm ab Mitte der 1890er Jahre häufig Unternehmerpositionen, etwa bei der Frage der Nachtarbeit von Jugendlichen, die bis Ende des Kaiserreiches 1918/19 immer wieder genehmigt wurde. [41]

Abseits des Arbeitsschutzes setzten Gewerkschaften, Gewerbeaufsichtsbeamte und Arbeitsmediziner unisono auf bessere, weil zugleich gesündere Technik. Der vermehrte Einsatz von Maschinen sollte die Handarbeit reduzieren – und damit auch die damit verbundenen Gesundheitsgefährdungen. Großbetriebe konnten dies leisten, konnten die Kosten effizienten Gesundheitsschutzes auch zahlen. Ihre Produktionsstätten konnten großzügiger ausgestaltet sein, die gesundheitsgefährdende Enge etwa der beiden Boffzener Glashütten durchbrechen. Auch eine weitergehende Spezialisierung schien ein Ansatz, um Reinlichkeit und das Arbeitsumfeld in den Betrieben zu verbessern. Der Großbetrieb schien es gar möglich zu machen, mittels Dreischichtbetrieb den Acht-Stunden-Tag einzuführen. [42] Insgesamt dürfte dieser Wandel der Unternehmen viele Gesundheitsrisiken indirekt vermindert haben.

Die praktischen Schwierigkeiten eines hygienischeren Arbeitsumfeldes waren dennoch erheblich. Das zeigte sich schon an den fast durchweg defizitären sanitären Anlagen. Toiletten hatten meist keine Wasserspülung, waren unbeheizt und befanden sich in Nebengebäuden. Bäder fehlten fast gänzlich, auch wenn einzelne Großbetriebe erste Brausebäder eingerichtet hatten. Umziehräume waren seltene Ausnahmen. Die Glasarbeiter konnten sich also nicht waschen, brachten den Arbeitsstaub hin zu ihren Familien. Dies war nicht zuletzt in Boffzen ein langwieriges Problem. Bei Noelle & von Campe bedurfte es des energischen Drängens sowohl des betrieblichen Vertrauensrates, der Deutschen Arbeitsfront und der Gewerbeaufsicht, ehe zufriedenstellende sanitäre Anlagen in den frühen 1940er Jahren schließlich eingerichtet wurden. [43] Die Unternehmen setzten eben nicht auf Prävention, sondern auf die nachträgliche Kompensation eines strukturell gesundheitsgefährdenden Umfeldes. Beispiel hierfür ist die 1903 gegründete Carl-Becker-Stiftung, die im Folgejahr ein Sechs-Familien-Haus als Unterkunft für invalide Glasmacher erbaute. [44] Derartige betriebliche Sozialpolitik mochte die Folgen von Arbeitsunfällen und Krankheiten mildern, war jedoch kein Ersatz für einen Arbeitsschutz auf Höhe der jeweiligen Zeit.

Das 1904 erbaute frühere Invalidenhaus in Boffzen im Jahre 2015 (Foto: Stefanie Waske)

Dass dies möglich war, ein Wandel so lange gedauert hat, lag allerdings nicht nur an den (kurzfristigen) Kostenerwägungen der Unternehmen. All dies war auch Folge des seitens der Gewerkschaften wieder und wieder kritisierten „unverständigen Branchenstolzes in den eigenen Reihen der Arbeitsgenossen“. [45] Eklatante Defizite im Gesundheitsschutz wurden lange Zeit hingenommen, galten sie doch als „normal“, als Teil der tradierten Arbeitswelt einer Handwerkerelite. Zu dieser alten Normalität gehörte auch eine – aus heutiger Sicht – geringe Achtung der eigenen Gesundheit, der eigenen Wohlfahrt.

Die Glasarbeiter lebten um 1900 in einer vielfach paradox anmutenden Lage. Ihr Leben war prekär und auskömmlich, galt als gediegen und war stets elementar gefährdet. Vielleicht sind „wir“ zu fern, um dieses Paradoxon zu verstehen; durch unseren Wohlstand, unsere Bildung, unser Wissen um die Fülle der Welt. Die Glasarbeiter standen um 1900 im Übergang von einer tradierten Welt der Enge und des Handwerkes hin zu unserer Welt mit ihren so anderen, vielfach aber doch ähnlichen Paradoxien und Verwerfungen.

Uwe Spiekermann, 28. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Wilhelm Hannich, Die Lebenshaltung der Glasarbeiter im Gablonzer und den angrenzenden Industriebezirken Nordböhmens, Arbeiterschutz 24, 1913, 215-217, hier 215.
[2] Angaben n. Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 40 Neu 10 Fb. 5 Nr. 70.
[3] Angaben und Zitate n. Acten des Herzoglichen Amtsgerichts Holzminden die Vormundschaft für die minorennen Kinder weil. Glasmachers Heinrich Kleine in Boffzen, Glashütte Georgshütte, betr. (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 40 Neu 10 Fb. 5 Nr. 68).
[4] Johannes Laufer, Von der Glasmanufaktur zum Industrieunternehmen. Die Deutsche Spiegelglas AG (1830-1955), Stuttgart 1997, 181.
[5] Carl Kindermann, Zur organischen Güterverteilung, Bd. II: Die Glasarbeiter Deutschlands und der Vereinigten Staaten von Amerika in ihrer allgemeinen materiellen Lage, Leipzig 1896, 195-206, 294-295.
[6] Robert Großmann, Die technische Entwicklung der Glasindustrie in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, Leipzig 1908, 18. Detailliert zur Ofentechnik: E[mil] Tscheuschner, Handbuch der Glasfabrikation nach allen ihren Haupt- und Nebenzweigen, 5. neu bearb. Aufl., Weimar 1885, 218-292; Robert Dralle, Anlage und Betrieb der Glasfabriken mit besonderer Berücksichtigung der Hohlglasfabrikation, Leipzig 1886, 2-261.
[7] Großmann, 1908, 2.
[8] Laufer, 1997, 183.
[9] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Lohnbuch Becker 1888-1898, 52-53.
[10] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Lohnbuch Becker 1888-1898, 91-96.
[11] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Lohnbuch Becker 1888-1898, 96-100.
[12] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Krankenkassenbuch Becker 1898-1901, s.p.
[13] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Lohnbuch Becker 1888-1898, 96-100, 162.
[14] Max Eugen Noelle, Geschichte der Brückfelder Glashütte (Ms.).
[15] Laufer, 1997, 189.
[16] Gustav Lange, Die Glasindustrie im Hirschberger Thale. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Schlesiens, Leipzig 1889, 102.
[17] Klaus Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, 2. durchges. Aufl., Bonn 1981, 296.
[18] Gerhard Henke-Bockschatz, Glashüttenarbeiter in der Zeit der Frühindustrialisierung, Hannover 1993 sowie Laufer, 1997, insb. 168-172.
[19] Gemeindearchiv Samtgemeinde Boffzen, Krankenkassenbuch Becker 1898-1901, s.p.
[20] Lange, 1889, 65.
[21] H[ubert] Post, Untersuchungen über den Umfang der Erwerbslosigkeit innerhalb der einzelnen Berufe und Berufsgruppen, Leipzig 1914, 23.
[22] Georg Horn, Die Geschichte der Glasindustrie und ihrer Arbeiter. Soziale Studie aus historischen und authentischen Quellen dargestellt, Stuttgart 1903, 227 und 279.
[23] Paul Helferich, Die Glasindustrie, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, hg. v. Ludwig Elster, Adolf Weber und Friedrich Wieser, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Bd. 7, Jena 1926, 1008-1013, hier 1012.
[24] Karl H. Schneider, Schaumburg in der Industrialisierung, T. 2: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg, Melle 1995; Horn 1903, 478.
[25] K. Hauck, Die Gesundheitsverhältnisse der Glasmacher, Concordia 17, 1910, 350-355, 382-387, hier 352.
[26] Lange, 1889, 68.
[27] H. Schaefer, Die Gewerbekrankheiten der Glasarbeiter, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 26, 1894, 273-291, hier 279.
[28] Hauck, 1910, 386.
[29] Theodor Sommerfeld, Handbuch der Gewerbekrankheiten, Bd. 1, Berlin 1898, 257-258.
[30] Theodor Sommerfeld, Die Schwindsucht der Arbeiter, ihre Ursachen, Häufigkeit und Verhütung, Berlin 1895, 28.
[31] Schaefer, 1894, 277.
[32] Sommerfeld, 1898, 265.
[33] Th[eodor] Sommerfeld, Industrie der Steine und Erden. Glas- und keramische Industrie, in: Heinrich Albrecht (Hg.), Handbuch der praktischen Gewerbehygiene mit besonderer Berücksichtigung der Unfallverhütung, Berlin 1896, 801-836, hier 814.
[34] Die sanitären Verhältnisse der Arbeiter in den Glasfabriken, Die Neue Zeit 13, 1894/95, Bd. 2, 245-248, hier 248.
[35] Hauck, 1910, 386.
[36] Sommerfeld, 1898, 257-258.
[37] Schaefer, 1894, 279.
[38] H. Schaefer, Hygiene der Glasarbeiter und Spiegelbeleger, in: Th[eodor] Weyl (Hg.), Handbuch der Hygiene, Bd. 8: Gewerbehygiene, Jena 1897, 967-997, hier 973.
[39] Sommerfeld, 1895, 27; Schaefer, 1897, 97; Sommerfeld, 1896, 815.
[40] Lange, 1889, 107. Ähnlich Verhältnisse, 1894/95.
[41] Paul Umbreit, Dringender Arbeiterschutz in der Glasindustrie, Sozialistische Monatshefte 18, 1912, 1561-1564.
[42] Großmann, 1908, 99-101.
[43] Protokollbuch über Vertrauensratssitzungen, Noelle & von Campe, 1937-1947, passim.
[44] Acta, den Bauantrag der Stiftung des Fabrikbesitzers Karl Becker in Boffzen betreffend (1904), Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen.
[45] Horn, 1903, 478.