Eine Geschäftspostkarte von 1874

Post aus Köln: Vorderseite der am 21. Dezember 1874 versandten Karte (Freundeskreis Glas)

Zwischen Köln und Boffzen

Am 27. Dezember 2025 erhielt der Vorsitzende der Glasfreunde, Walter Waske, eine Email aus Finnland. Werner Filmer, bekannt als postgeschichtlicher Sammler aus Lauenförde, war im fernen Finnland fündig geworden, hatte in den Weiten des Internets eine alte Postkarte entdeckt – und sandte den Hinweis gleich weiter nach Boffzen. Dort wurde rasch geordert, noch vor Silvester erreichte das gut erhaltene Original Stefanie Waske.

Es handelte sich um eine einfache Postkarte an die Firma Noelle & von Campe, Glashütte Brückfeld. Zur Sicherheit hatte man den größeren Nachbarort vermerkt, denn erst einen Tag nach dem Versand wurde die bisherige offene Handelsgesellschaft Schmidt & Co., Glasfabrik Steinbreite bei Höxter umbenannt.

Die Postkarte spiegelt die tiefgreifenden Veränderungen des Postwesens nach der Reichsgründung 1871: Nicht mehr länger gab es nach Entfernungen gestaffeltes Porto, sondern die Posttaxnovelle vom Mai 1873 hatte für das ganze Reich ein Einheitsporto eingeführt. Für Postkarten war das nicht ganz so wichtig, wohl aber für die Kleinpakete, für deren Versand ab Neujahr 1874 reichsweit 50 Pfennig zu zahlen waren: Das war der Startschuss für das schon lange vor Neckermann, Quelle, Amazon und Otto prosperierende Versandgeschäft.

Post aus Köln: Rückseite der am 23. Dezember in Boffzen eingehenden Karte (Freundeskreis Glas)

Zurück zur Postkarte: Die Nachricht war kurz, typisch für den Geschäftsverkehr der damaligen Zeit: „Wir empfingen Ihre Postkarte vom 18. d[ieses Monats] & bitten die Liqueur-Kelche nun zu annuliren, da wir augenblicklich noch Vorrath darin haben. Cöln 21/12. Hochachtungsvoll Ehl & Haas“

Ehl & Haas war ein seit mindestens 1870 bestehendes Kölner Porzellan- und Glaswarengeschäft, offenkundig erfolgreich, denn nur wenige Tage später suchte man ein Lehrmädchen, ein „junges Mädchen von braven katholischen Eltern“ (Neußer Zeitung 1875, Nr. 8 v. 12. Januar, 4). Die kleine Firma hatte sich auf Porzellan und Keramik spezialisiert, bot aber auch die vielgestaltigen Gas- und Petroleumleuchten der Gründungszeit an. Glas- und Kristallwaren rundeten das Sortiment ab – und dank eigener Porzellanmalerei und Glasschleiferei konnte man auch individuelle Wünsche der bürgerlichen Kundschaft rasch erfüllen.

Selbstdarstellung des Fachgeschäftes Ehl & Haas (Kölner Sonntags-Anzeiger 1877, Nr. 61 v. 23. Dezember, 10)

Dennoch konnte sich das Kölner Geschäft langfristig nicht etablieren, die vielbeschworene Gründerkrise forderte schließen ihren Tribut. Die Handelsgesellschaft wurde 1880 aufgelöst, der Betrieb 1883 endgültig liquidiert (Allgemeiner Anzeiger für Rheinland-Westphalen 1880, Nr. 258 v. 11. April, 4; ebd. 1883, Nr. 130 v. 7. Juni, 4).

Ehl & Haas bezogen aus Boffzen Likörkelche. Diese mundgeblasenen Trinkgefäße wurden bei Noelle & von Campe je nach Kundenwunsch in vielfältigen Formen und Größen angefertigt: Es gab hohe und niedere, die Verzierungen variierten ebenso wie die Füße. Das Preis-Verzeichnis vom Oktober 1875 gibt einen Eindruck von der verspielten Welt gläserner Alltagsfreuden im bürgerlichen Haushalt. Spirituosen wurden damals weit häufiger als heute getrunken, der Aufstieg von deutschem Bier nach Münchener und Pilsener Art setzte damals erst ein – und ab 1887 reduzierte die massiv erhöhte Branntweinsteuer die Preise für Likörchen, Korn, Kartoffelschnaps, etc. Bier (und auch Wein) boten allerdings gern getrunkene Alternativen – und neue Märkte für Bier- und Weingläser von Noelle & von Campe und der benachbarten Georgshütte.

Frühe Spezialität: Mundgeblasene Likörkelche aus Boffzen (Preis-Verzeichniß von Noelle & von Campe Glashütten „Brückfeld“, o.O. 1875, 4-5)

Ein Gedanke zu „Eine Geschäftspostkarte von 1874

  1. Guten Abend,  Herr Waske, eine wirklich erstaunliche Mail und Information mit dem Umweg über Finnland. Ich kenne Herrn Fillmer noch von der Kirchenvorstandstätigkeit.Schöne Information für das Archiv!Viele Grüße  Claus Arnold–Gesendet mit der GMX Mail AppEine Geschäftspostkarte von 1874

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