Auf den Spuren des Glases: Von Boffzen nach Bad Münder und Gernheim

Der Glaskünstler der Schauglashütte in Gernheim bläst ein Trinkglas in die Holzform ein. Foto: Stefanie Waske

22 Glasfreundinnen und Glasfreunde aus Boffzen machten sich mit einem Kleinbus auf zu einem abwechslungsreichen Ausflug: Zwei besondere Orte der Glaskultur standen auf dem Programm – zunächst der Kur- und Landschaftspark in Bad Münder, anschließend das Museum Glashütte Gernheim in Petershagen.

Glas unter freiem Himmel in Bad Münder

Pünktlich um 10 Uhr begann der Ausflug in Bad Münder. Hermann Wesseling, Vorsitzender des Forums Glas, führte die Gruppe durch den spätsommerlichen Kur- und Landschaftspark. Zwischen Bäumen und Wiesen begegneten den Boffzener Glasfreunden zahlreiche Stelen und Glasobjekte. Eine Auswahl davon konnte die Gruppe bei ihrem Rundgang kennenlernen.

Besonders beeindruckten die Stelen des französischen Glaskünstlers Jean-Paul Raymond. Sie waren 2019 im Rahmen einer Glasausstellung aufgestellt worden – und kamen beim Publikum so gut an, dass mit Unterstützung von Sponsoren schließlich ein Ankauf ermöglicht wurde. Raymonds „Jahreszeitenreise“ spielt mit abstrakten vertikalen Streifen in den Farben von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Andere Stelen greifen historische Blumen- und Fruchtornamente auf.

Ein weiterer Höhepunkt war die Glasskulptur „Antiphon“ von Thierry Boissel aus München. Die vollständig aus Klarglas gefertigte Arbeit zeigt in ihrer reliefartigen Struktur zwei Menschen als Paar. Gerade im Gegenlicht entfaltete das Glas eine besondere Wirkung. Die Boffzener Glasfreunde betrachteten die Tafel deshalb nicht nur als Kunstwerk, sondern auch mit dem geschulten Blick auf ihre Herstellung: Wie wird eine solche reliefartige Struktur in Glas geschaffen?

Impressionen vom Rundweg durch den Kur- und Landschaftspark in Bad Münder, vorn im Bild Hermann Wesseling, Vorsitzender Forum Glas e.V.. Fotos: Stefanie Waske

Die Begegnung mit den Glasstelen in Bad Münder weckte dabei durchaus heimatliche Vergleiche: Auch in Boffzen gibt es einen Glasstelen-Weg, der die Geschichte der Glasherstellung am Ort vermittelt. In Bad Münder führte der kleine Rundgang über die Wiese schließlich zur großen Stele am Eingang der Wandelhalle – ebenfalls ein Werk von Jean-Paul Raymond.

Nach rund einer Stunde hieß es Abschied nehmen. Nach einem Mittagsimbiss wartete bereits das nächste Ziel: das Museum Glashütte Gernheim.

Glasskulptur „Antiphon“ von Thierry Boissel, rechts eine Herbst-Stele und zwei Stelen des Frühlings von Jean-Paul Raymond. Fotos: Stefanie Waske

Glashüttengeschichte in Gernheim

Das Wahrzeichen der Glashütte Gernheim in Petershagen ist weithin sichtbar: der imposante Kegelturm. Unter der Leitung von Katharina Koch stand er im ersten Teil der mehr als zweistündigen Führung im Mittelpunkt.

Die aktuelle Sonderausstellung „1826 – Der Turm im Dorf“ erzählt von der einstigen Produktionsstätte der Glashütte. Dabei wurde auch deutlich, wie knapp dieses wichtige Industriedenkmal dem Verfall entging. Dem Engagement der Bevölkerung in den 1970er-Jahren ist es zu verdanken, dass das Industrieerbe gerettet und schließlich das Museum aufgebaut werden konnte. Die Glashütte Gernheim gehört heute zum Verbund der acht LWL-Museen für Industriekultur.

Im Kegelturm wurde einst Tafelglas im Mundblasverfahren hergestellt. Heute lässt sich dort nachvollziehen, unter welchen Bedingungen die Glasmacher arbeiteten.

Wenn aus flüssigem Glas ein Trinkglas wird

Besonders anschaulich wurde es im zweiten Teil der Führung: Am Gernheimer Ofen konnten die Glasfreundinnen und Glasfreunde beobachten, wie aus glühend heißer Glasmasse ein Trinkglas entsteht.

Seit 1998 arbeiten am Gernheimer Ofen wieder Glasmacherinnen und Glasmacher. Der moderne Ofen steht in dem rekonstruierten Gewölbe des letzten historischen Schmelzofens von 1892. Auch die Arbeitsbühne orientiert sich an historischen Vorbildern. Für die Gäste aus Boffzen war vieles davon vertraut – nicht zuletzt aus den historischen Fotografien der eigenen Glashüttengeschichte.

Katharina Koch vom Museumsteam (unten rechts) bot den Glasfreundinnen und Glasfreuden aus Boffzen eine abwechslungsreiche Führung zur Geschichte und Glasherstellung. Fotos: Stefanie Waske und Uwe Spiekermann

Und auch die Technik ist traditionell: Mit Pfeife, Eisen, Schere und Pinzette bearbeite der Glasmacher das zähflüssige Glas. Die lange Pfeife, ein Metallrohr, wird in den etwa 1200 Grad Celsius heißen Ofen geführt und nimmt flüssiges Glas auf. Durch das erste Blasen entsteht das sogenannte Külbel, eine kleine Glasblase. Immer wieder wird sie mit heißem Glas überfangen und weiter aufgeblasen, bis genügend Material für die weitere Bearbeitung vorhanden ist.

Schritt für Schritt entsteht so aus der glühenden Masse ein Trinkglas. Was in Boffzen heute nur noch anhand historischer Abbildungen vorstellbar ist, wurde in Gernheim unmittelbar und eindrucksvoll erlebbar.

Veredeln, schleifen und gravieren

Auch ein Blick in die Schleiferei durfte nicht fehlen. Dort werden die Gläser mit Schliff, Gravur und Malerei veredelt. Wieder zeigte sich, wie eng die Arbeitsweisen in Gernheim mit der Geschichte der Glashütten im Weserraum verbunden sind.

Zum Abschluss der Führung führte der Weg noch zu den historischen Arbeiterhäusern. Auch hier entdeckten die Boffzener eine bemerkenswerte Parallele zur eigenen Glasmachersiedlung im Rottmündetal: Die Häuser verfügten über einen fensterlosen Raum. Er ermöglichte den Arbeitern, nach der Nachtschicht auch tagsüber ohne störendes Tageslicht zu schlafen.

Damit schloss sich der Bogen zwischen den beiden Orten: In Bad Münder stand das Glas als Kunstwerk im Mittelpunkt, in Gernheim wurde die historische Herstellung unmittelbar erfahrbar. Für die 22 Glasfreundinnen und Glasfreunde aus Boffzen war es ein Tag voller Eindrücke, Gespräche und spannender Verbindungen zur eigenen Glasgeschichte.

Hinterlasse einen Kommentar