Selbstbedienung als Marktchance. Glasverpackungen während der 1950er und 1960er Jahre

Glas hat eine lange Tradition, doch Traditionsfixiertheit ist eine Gefahr für den Absatz. Die Sollinger Waldglashütten oder aber die handwerklich arbeitenden Boffzener Glashütten des späten 19. Jahrhunderts stellten Waren her, die in späteren Zeiten nicht hätten verkauft werden können. Die Glasproduktion wandelte sich, andere Produkte wurden möglich und nötig, wurden billiger und damit Alltagsgüter. Die Glasverpackung ist dafür ein gutes Beispiel. Die Boffzener Hohlglashütten produzierten zuerst Flaschen, doch insbesondere Noelle & von Campe konzentrierte sich in den 1950er und 1960er Jahren zunehmend auf Sichtverpackungen für Lebensmittel.

Ein scheinbar idealer Verpackungsstoff

Glas ist ein recht idealer Werkstoff für Verpackungen, für sog. Behälterware. Glänzend und durchsichtig symbolisiert es Offenheit, etwas Schönes: „Es ist ein alter Sehnsuchtstraum des Verbrauchers, besonders aber der Hausfrau, daß man immer sehen will, was man kauft.“ [1] Die Durchsichtigkeit des Glases stand in der Zwischenkriegszeit für Sauberkeit und Reinheit, für einfache Reinigung und Hygiene. Im Gegensatz zu anderen Verpackungsmaterialien nahm Glas keinen Geruch an, veränderte nicht den Geschmack des Verwahrgutes. Seitens der Hersteller verwies man durchaus stolz auf Maßgenauigkeit, Temperaturwechselbeständigkeit, Druckfestigkeit, Stoßfestigkeit und chemische Widerstandsfähigkeit. [2] Ein wichtiges Plus war auch, dass Glas formbar war. Der Werkstoff konnte vereinheitlicht und normiert werden, ermöglichte aber auch Abweichungen, ungewöhnliche Formen, eingeprägte Beschriftungen, Verzierungen aller Art.

Es gab jedoch auch Nachteile, gewiss. Glas konnte brechen, dann Käufer gar verletzen. Es war relativ schwer, so dass die Transportkosten höher lagen. Genauere chemische Analysen ergaben in der Zwischenzeit – aber auch später – dass insbesondere saure Lebensmittel durchaus mit dem Glas reagierten. Glas war, zumal wenn es per Hand oder aber halbautomatisch hergestellt wurde, teurer als andere Verpackungsmaterialien, insbesondere als Pappschachteln. Das schöne Gefäß, die schöne Flasche wurden zudem auch im Haushalt weiterverwendet, dienten als Ort für allerhand Dinge, für Marmeladen und als Trinkgefäße. Das missfiel vielen Herstellern, die ihre Verpackung lange Zeit als Eigentum verstanden, die möglichst, gegen ein kleines Pfand, zurückgegeben werden sollte. Auch das gängige Umfüllen von anderen Produkten in alte Gläser war ein Problem, zumal wenn es sich um Essigessenz, Farben oder Heilmittel handelte.

Die Glasindustrie, vorrangig die forschungsaktiven Großbetriebe, war bemüht, diese Nachteile zu verringern. Neue Rezepturen und leistungsfähigere Maschinen verbesserten das Material, machten es weniger anfällig für Säuren. Die zunehmende Abkehr von Handarbeit erlaubte niedrigere Preise. Schon in den späten 1920er Jahren gab es quasi unzerbrechliche biegsame Glassorten, auch wenn diese nicht für Verpackungszwecke eingesetzt wurden. [3] Mitte der 1950er Jahre setzte sich dann Leichtglas durch, stabil und zugleich bis zu 40% leichter als herkömmliches Glas. Auch die Glasverschlüsse wurden damals deutlich besser, teils durch präziser arbeitende Maschinen, teils durch Kombination mit Metall und Kunststoffen.

Es verwundert daher nicht, dass schon kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, 1952, 53% der Glaserzeugung und gar 84% der in Boffzen dominierenden Hohlglasproduktion auf Verpackungsglas entfielen. Fast drei Viertel davon waren Getränkeflaschen, ein Achtel Medizinalglas und 15 % sogenanntes Konservenglas. Darunter fasste man auch Verkaufsverpackungen, etwa für Marmelade und Honig. [4] Glas war zu dieser Zeit die bevorzugte Verpackung für flüssige und zähflüssige Waren. Das waren wichtige Segmente, doch sie umfassten weniger als ein Zehntel des Verpackungsmittelmarktes. Ab Mitte der 1950er Jahre veränderte die Selbstbedienung allerdings die bisherigen Rahmenbedingungen. Verpackungen erhielten neue Aufgaben, sollten nicht mehr vorrangig die Ware schützen: „Die Warenverpackung soll den Einkaufsvorgang beschleunigen, sie soll verbrauchsgerecht sein, soll über den Packungsinhalt schnell Auskunft geben, soll für Qualität und Menge garantieren und über ihre eigentliche Funktion hinaus womöglich noch einen Sekundärnutzen als Behälter, Küchengerätschaft, Spielzeug etc. bieten.“ [5]

Der lange Weg zu Selbstbedienung und Sichtverpackungen

Schon lange vor der Durchsetzung der Selbstbedienung in den späten 1950er Jahren hatten sich im Handel verpackte Waren durchgesetzt. Markenartikel setzten seit den 1890er Jahren den Trend, lediglich Frischwaren und Landesprodukte bildeten Ausnahmen. Daneben verpackten viele Großhändler und vor allem Einzelhändler, doch dann ging es vornehmlich um den Schutz und die Bezeichnung der Ware. Die meisten Verpackungen bestanden aus Papier, Pappe und verzinntem Blech, mochte das durchsichtige Cellophan seit den späten 1920er Jahren auch für andere Akzente sorgen. [6] Glas deckte Nischen des Verpackungsmarktes ab, etwa im Medizinalsektor, stand eher für teurere Waren. Die große Ausnahme bildeten Getränkeflaschen, zumal nachdem die in den USA entwickelten Owens-Maschinen deren Preise vor dem Ersten Weltkrieg deutlich verringerten. Bier, Spirituosen, Wein, Sekt und Mineralwässer wurden verstärkt in Flaschen verpackt, ersetzten Siphons und Fässer, Steingut und Behälter der Kunden. Doch all dies erfolgte langsam: Noch Ende der 1920er Jahre lag der Flaschenbieranteil hierzulande zwischen 15 und 25 %. Glasverpackungen erlaubten jedoch nicht nur häuslichen Konsum, sondern sie galten auch als hygienisch. Das betraf etwa Säuglings- und Kindermilch, zumal nach dem Pasteurisierungszwang ab 1930.

Typisch für die Zwischenkriegszeit: Einzelhändler, Verkaufsregal und Pappverpackungen (Deutsche Handelsrundschau 30, 1937, Nr. 3)

Glasverpackungen wurden während des Nationalsozialismus staatlich propagiert, galt es doch Devisen zu sparen. Während Holz und Zinn großenteils importiert werden mussten, entstammten Quarzsand, Soda und Kalk heimischer Produktion. Dennoch blieb der Anteil der Glasverpackungen im Einzelhandel begrenzt. Waren wurden damals noch über die Bedienungstheke verkauft. Der Käufer nannte seine Wünsche, Händler oder Verkäufer holten die Waren dann aus Regalen und Verkaufstruhen, händigten sie anschließend aus. All das kostete Zeit, erlaubte ein Schwätzchen, hatte jedoch auch Folgen für die Warenverpackungen: Sie mussten haltbar und kostengünstig sein, zudem klar erkennbar. Sichtverpackungen nahmen zwar zu, doch in den meist kleinen, selten über 50 m² großen Läden war schlicht nicht der Platz für ausladende Verkaufstruhen. Sie blieben Schnitt- und Stückwaren vorbehalten, bargen Feinkost, nicht Massengüter.

Glas konnte während der NS-Zeit selbst Blechdosen nicht verdrängen, da diese schlicht robuster waren. Glasdosen hatten in den späten 1930er Jahren Verlustraten zwischen zwei und drei Prozent – und entsprechende Verluste knapper Lebensmittel wollte und konnte man nicht riskieren. [7] Glas konnte sich als Verpackung aber auch deshalb nicht durchsetzen, da mit dem wasserdichten Cellophan seit 1927 eine durchsichtige, ästhetisch-ansprechende und hygienische Alternative bestand. Es gewann jedoch indirekt: Statt industriell eingedoster Waren propagierte das NS-Regime die heimische Konservierung von Lebensmitteln, das Einmachen. Die Absatzzahlen von Konservierungsgläsern erreichten in den 1930er und 1940er Jahren historische Höchstwerte – und die Boffzener Glashütten stellten sich hierauf ein.

Behälterglaswerbung Mitte der 1950er Jahre (Die Neue Verpackung 9, 1956, 198)

Einkaufen hieß bis in die späten 1960er Jahre vor allem bedient werden, der Boffzener Konsum-, dann Coop-Laden ist dafür ein gutes Beispiel. Die heute dominante Selbstbedienung ließ lange auf sich warten. Sie entstand 1916 in den USA, eingeführt von Massenfilialisten für billige und einfache Grundnahrungsmittel. In den 1940er Jahren waren Schweden, Großbritannien und die Schweiz Vorreiter, westdeutsche Konsumgenossenschaften folgten ab 1949. In den vier Jahrzehnten zuvor wurde die neue, „amerikanische“ Art des Verkaufens zwar immer wieder diskutiert, praktische Versuche aber blieben Ausnahmen: Während des Zweiten Weltkrieges dienten die sogenannten Ratio- und Einmannbetriebe vor allem der Freisetzung von Arbeitskräften für Wehrmacht und Rüstung. [8]

Selbstbedienung stand in der Nachkriegszeit also für Kriegswirtschaft und ausländische Einflüsse. Eine Umstellung von Läden war teuer, zumal größere Verkaufslokale kaum zur Verfügung standen. Entsprechend stockte die „Self-Service Revolution“. [9] 1950 gab es in der Bundesrepublik 39, 1955 erst 738 SB-Läden. [10] Die Gründe hierfür waren im System der Selbstbedienung zu suchen. Es handelte sich nämlich nicht um Veränderungen allein im Laden, sondern es ging um ein zusammenhängendes und ineinandergreifendes System von Produzenten, Verpackungsindustrie, Groß- und Einzelhandel so­wie der Konsumenten. Die Selbstbedienung er­forderte nicht zuletzt andere und anders verpackte Lebensmittel. Präziseres Wissen über die Lebensmittel und ihre Verän­derungen in einzelnen Verpackungen waren nötig, ansonsten war der Inhalt unansehnlich und wenig attraktiv. Hinzu kamen anfangs skeptische Verbraucher: Noch 1958 bevorzugten fast drei Fünftel Bedienung durch Verkaufspersonal, wollten nicht selbst Teil einer Verkaufsmaschinerie werden. [11]

Entsprechend setzte sich die Selbstbedienung in der Bundesrepublik Deutschland erst in den 1960er Jahren durch, mit gewisser Zeitverzögerung auch in der DDR. [12] 1968 über­stieg die Zahl der Selbstbedienungsläden erstmals die der Bedienungsläden. Das Verhältnis von Kunde und Ware änderte sich. An die Stelle der Verkaufs­kräfte und ihres Wissens traten nun die Warenkunde des Käufers, die Grundinformatio­nen der Kennzeichnung und das Image des Produktes. Läden wurden neu gestaltet und wissenschaftlich optimiert. Offene Warenregale, Verkaufs­gondeln und zunehmend Kühltruhen bzw. Kühlmöbel prägten den Laden, an die Stelle der Bedienungstheke traten Kassentisch bzw. Registrierkassen am Ausgang. Die Läden wurden rasch größer, übertrafen anfangs 200 m², gegen Ende der 1950er Jahren dann schon 1.000 m². Der Lebensmitteleinkauf wurde scheinbar eigenbestimmter, da die Auswahl wuchs, die Produkte sicht- und greifbar waren und es keinen Kaufzwang gab. Doch des Kunden Wege und Blicke wurden kühl kalkuliert, folgten psychologischer Expertise. Laufwege wurden faktisch vorgegeben und die Blickführung auf die Produkte optimiert.

Die Konsumentin und die Glasverpackung – Werbung 1956 (Die Neue Verpackung 9, 1956, 445)

Die Selbstbedienung erforderte durchweg verpackte Lebensmittel – und das neue Verkaufsumfeld schien wie gemacht für die Glasverpackung: „Die Hausfrau wandelt wie eine vielumworbene Fürstin mit kritischen Blicken durch die Gänge und prüft, ehe sie sich zum Kauf entschließt, indem sie die einzelne Packung in die Hand nimmt. Und jetzt kommt das Moment, daß in starkem Maße den Ausschlag für die Kaufentscheidung gibt: Sie will sich aus eigenem Augenschein von der Beschaffenheit und Qualität der Ware überzeugen. […] Da die Hausfrau mit dem Auge kauft, muß vor allen Dingen alles griffbereit liegen oder stehen.“ [13] Und doch: Von der Selbstbedienung profitierten erst einmal Blechdosen, Pappverpackungen und vor allem die neuen Kunststoffe. Wachsender Wohlstand machte kritisch und anspruchsvoll – und entsprechend besetzten Glasverpackungen erst einmal Nischen im Angebot, setzten sich nur in Teilen der Sortimente durch.

Glas im Verkaufsregal – Aufgaben und Probleme

Die Durchsetzung der Glasverpackung in den Verkaufsregalen der Selbstbedienungsläden schien Ende der 1950er Jahre dennoch logisch zu sein. Die Käufer schienen beliebig lenkbar, wenn man sie nur richtig reizte: „Der Impulskauf wird meist durch das Auge ausgelöst. Bei der gläsernen Verpackung läuft er folgerichtig so ab: Sehen – wünschen – kaufen. Dadurch, daß die Glasverpackung ihren Inhalt zeigt, enthebt sie den Denkapparat der Notwendigkeit des Ratens um Aussehen und Menge der angebotenen Ware. Auf direktem Wege wird solchermaßen die Brücke vom Auge zum Wunschzentrum des Gehirns vorgeschlagen. Von dort bedarf es nur noch eines Schaltvorganges, und aus dem Wunsch wird der Kauf.“ [14] Doch derart simple Modelle scheiterten rasch. Zum einen war das Durchschnittseinkommen in den Nachkriegsjahrzehnten noch gering, so dass jede, auch die kleinste Anschaffung wohlbedacht sein wollte. Zum anderen hatten die Verbraucher von der Verpackung der meisten Lebensmittel klare Vorstellungen, so dass Traditionen aufgebrochen werden mussten. Kaffeeextrakte wurden in Deutschland beispielsweise seit den frühen 1940er Jahren in Metalldosen verkauft. Erst 1962 wechselte der Marktführer Nescafé zur Glasverpackung. Vorangegangen war eine umfangreiche und jahrelange Marktforschung. Der Packungswandel war erfolgreich, und rasch zogen die Wettbewerber nach. [15] Nicht unterschätzen sollte man auch, dass nicht nur Glas, sondern auch Kunststoffe Pioniere der Sichtverpackung waren. Harzer Roller wurde seit Anfang der 1930er Jahre auch deshalb in Cellophan verpackt, um der weit verbreiteten und nicht ganz unbegründeten Madenfurcht zu begegnen. Sichtfenster in Papierverpackungen erlaubten ebenfalls kritische Blicke auf die Waren.

Konkurrenz der Kunststoffe: Papiersichtverpackung mit Sichtfenster (Die Neue Verpackung 8, 1955, Nr. I, 1)

Glasverpackungen setzten sich daher erstens in Marktbereichen durch, in denen sie schon früher eingesetzt wurden. Gute Beispiele hierfür sind teurere Gemüsesorten, Fischkonserven und Feinkostwaren. Appel Majonnäse [sic!] wurde seit ihrer Markteinführung 1905 im Glas angeboten, ähnlich die späteren Speiseöle dieser Hannoveraner Firma. [16] Zweitens diente Glas dazu, Waren attraktiver zu machen, ihnen höheren Wert beizumessen. Vom Extraktkaffee war schon die Rede. Doch auch Babykost wurde seit Ende der 1950er Jahre zunehmend in Gläsern angeboten, nachdem zuvor Pappe für Kindermehle und Blechdosen für Milchpräparate gängig waren. Drittens dienten Glasverpackungen der Einführung neuer Produkte. Sie profitierten dabei von der massiven Ausweitung der Sortimente, die mit dem Übergang der anfangs noch kleineren Selbstbedienungsgeschäfte zum „Supermarkt“ Ende der 1960er Jahre nochmals beschleunigt wurden.

Selbstdarstellung der Glasindustrie: Wissenschaftliche Prüfung der Verpackungswirkung bei Gerresheim Glas (Die Neue Verpackung 18, 1965, 315)

Dieser Bedeutungsgewinn war begleitet von intensiven Tests und wissenschaftlicher Grundlagenforschung, um Lebensmittel in einer Verpackung möglichst attraktiv zu präsentieren. Spargel schön nebeneinander, parallel und in gleicher Länge. Kirschen gut verteilt, mit gleichem Abstand, ohne Quetschungen am Boden. Konfitüre ohne Zuckerkranz. Sülze mit nur geringer Fettablagerung unterm Deckel. Jedes Lebensmittel erforderte präzises biochemisches Wissen – und anschließend eine passgenaue Verpackungsvariante durch die Glasindustrie.

Derartige natur- und ingenieurwissenschaftliche Kompetenz wurde seit den 1960er Jahren jedoch überlagert und teils dominiert durch Marketingwissen. Anfangs dominierten dabei psychologische Ansätze, wie etwa die Motivationsforschung. Sie ging davon aus, dass man nicht Waren kaufe, sondern von Grundtrieben gesteuert sei, dass man nicht Schokolade kaufe, sondern Trost und Sicherheit. „Die Produkte sollen rational hergestellt werden, aber zunehmend irrationale Wünsche befriedigen.“ [17] Waren waren Projektionsflächen, neben den Preis traten andere Werte. Für das etwas teurere Verpackungsmaterial Glas war dies eine Chance. Verbraucherbefragungen ergaben: „1. Glas ist hygienisch, und für den Käufer ist Hygiene gleich Sauberkeit. Die Sauberkeit des Glases läßt sich mit eigenen Augen kontrollieren. 2. In der Lichterflut der Selbstbedienungsläden verleiht die funkelnde Brillanz des Glases seinem Inhalt noch zusätzliches Ansehen. 3. Glas ist den Menschen von den ersten Lebenstagen an lieb und vertraut. Meist sind es angenehme Stunden, in denen Glas eine Rolle spielt. […] Dieses Vertrauen der Verbraucher in gläserne Behälter kommt unbewußt auch dem Inhalt zugute.“ [18] Doch moderne Waren mussten nicht nur unbewusste Wünsche erfüllen, um erfolgreich zu sein. Sie mussten auch Gebrauchswertvorteile haben, insbesondere richtig portioniert sein. Das bedeutete eine ganze Bandbreite von Verpackungsgrößen, für die noch dominante klassische Vier-Personen-Familie, für ein Ehepaar, für die wachsende Zahl von nicht verheirateten Erwachsenen. Wichtig war auch, dass Verpackungen bequem waren, also einfach zu öffnen und zu schließen, vernünftig zu stapeln und zu lagern.

Gemeinschaftswerbung für Glasverpackung als Ausdruck der neuen Zeit (Die Neue Verpackung 24, 1971, 27)

Auch der zunehmend mächtige Einzelhandel verband mit der Verpackung neue Ziele. In der Zwischenkriegszeit dominierte die Werbung mittels Anzeigen und Plakaten. Im Selbstbedienungsumfeld wurde zudem die Ware selbst zu einer zentralen Werbefläche. Nach wie vor umkränzt von anderen Werbemitteln, nicht zuletzt der immer wichtigeren Fernsehwerbung, stand sie immer auch alleine im Verkaufsumfeld, musste dann über ihre Verpackung wirken. Die Sichtbarkeit von Glas, die damit verbundenen positiven Gefühle, ihre Bequemlichkeit und Alltagstauglichkeit waren werbewirksam. Glas reduzierte Werbekosten, indem es Verbrauchervertrauen schuf. [19] Dies erlaubte der Glasverpackung eine beträchtliche Expansion, begrenzte zugleich aber ihre Stellung im Werbearsenal. Glaubwürdig standardisierte Produkte brauchten ihrer nicht, etwa Zigaretten oder aber Tafelschokolade. Glas war angebracht bei letztlich nicht vollends zu standardisierenden Lebensmitteln. In Selbstbedienung angebotenes Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch litten unter dem „Ungläubige-Thomas-Komplex“ [20]. Bei ihnen wollte der Verbraucher doch sicher gehen, einen Blick wagen; mochte er auch der modernen Lebensmittelversorgung grundsätzlich vertrauen.

Verpackte Waren in einem SB-Geschäft in den späten 1950er Jahren (Henry Meier (Hg.), So baut man heute an der Ruhr, Rheydt 1960, s.p.)

Die Glasverpackung der 1950er und 1960er Jahre verwies ein wenig in die Vergangenheit zurück, stieß zugleich aber Debatten an, die uns bis heute beschäftigen. Gläser jeder Art hatten erst einmal einen unmittelbaren Gebrauchswert, der über den Behälter einer Ware hinausging. Noch Mitte der 1950er Jahre gab bei repräsentativen Verbraucherbefragungen mehr als die Hälfte an, dass sie Glasverpackungen auch kaufe, um sie wiederzuverwenden. [21] Dies war auch ein Grund für die zunehmende Erosion von Pfandsystemen, denn Verpackungen wurden nicht mehr länger als Eigentum der Anbieter, sondern als ein Gut in eigener Verfügung verstanden. Die Hersteller ließen sich hierauf ein, denn Verpackungsaufwand wurde für sie zunehmend Werbeaufwand. Doch zugleich stieß man damit die seit den späten 1890er Jahren immer wieder von Neuem geführte Debatte über “verlorene“ Verpackungen und ihre Folgewirkungen an. Glas war einweg- und mehrwegfähig, konnte als billiger Wegwerfartikel dienen, aber auch als gängige Pfandware. Während der „Ex und Hopp“-Euphorie der späten 1960er Jahre war das billige Leichtglas ein scheinbar idealer Begleiter für den modernen Lebensstil einer Zeit, die die Enge der Krisenzeiten überwunden hatte. Doch schon kurz darauf wurde Glas als ökologischer Verpackungsstoff gepriesen, denn er konnte über Pfandsysteme mehrfach genutzt, über Einwegsysteme aber wiederum zu Glas umgeschmolzen werden. Ähnliche Ambivalenzen gab es auch bei Standardverpackungen. Gerade Verbraucherschützer und Hausfrauenvereinigungen kritisierten, dass die vielbeschworene Transparenz auch beim Glas Grenzen habe. Das Glas täusche über eine geschönte Produktwelt hinweg, wirke es doch vielfach wie eine Lupe, die Lebensmittel größer erscheinen lasse als sie seien. [22] Mindergewicht wurde häufig bemängelt, ebenso aber die bei Kosmetika weit verbreiteten Präparate mit Formen, die das wahre Gewicht nur erahnen ließen. [23] Glasverpackungen waren Teil des Illusionstheaters moderner Konsumgesellschaften, in der Transparenz ein Versprechen ist, das im Kaufalltag nicht vollends eingehalten wird und eingehalten werden kann.

Glas als Umweltrisiko – Anzeige der Aktion saubere Landschaft (Die Neue Verpackung 24, 1971, 294)

Absolutes Wachstum, relative Stagnation

1961 wurden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 1,5 Mrd. Glasflaschen hergestellt, zudem 140.000 Tonnen Glas für Verpackungen der kosmetischen, pharmazeutischen und chemotechnischen Industrie. [24] Das waren immense Produktionssteigerungen, denn 1955 lagen die entsprechenden Werte erst bei 780 Mio. bzw. 89.000 t. [25] Gleichwohl relativieren sich diese Zahlen, bettet man sie in die Entwicklung der gesamten Verpackungsbranche ein. Glas konnte seinen relativen Anteil von 8,5% 1954 auf 9,3% steigern, doch dann begann ein moderater Abwärtstrend. 1969 lag der Anteil wieder bei den Werten von 1954. [26] Insgesamt dominierten Verpackungen aus Papier und Pappe, die etwa die Hälfte des Marktes ausmachten. Doch die Werte sanken, ebenso wie die von Metallverpackungen, deren Anteil bei einem knappen Viertel lag. Glas behauptete sich etwas besser, doch der eigentliche Gewinner waren Kunststoffverpackungen, die von 1,3% 1954 auf einen Marktanteil von 20,5% 1969 emporschnellten. Wertmäßig übertrafen sie Glasverpackungen bereits um 1960. [27] Diese Daten relativieren sich wiederum, betrachtet man die absoluten Daten. Der Bruttoproduktionswert für Glasverpackungen stieg von 1952 220 Mio. DM, über 1957 333 Mio., 1962 560 Mio., 1967 769 Mio. auf 1972 1.268 Mio. DM. [28]. Die Hälfte aller Verpackungen diente Lebensmitteln, bei Glas lag dieser Wert deutlich höher.

Erfrischungsgetränke als Wachstumsmarkt der Glasindustrie (Kristall 14, 1959, 559)

Diese Angaben decken sich mit den eher allgemeinen Aussagen über die durch die Selbstbedienung bewirkten Strukturveränderungen im Konsumgütermarkt. Kunststoffe gewannen in allen Bereichen an Bedeutung, waren sie doch flexibel und widerstandsfähig, gut zu formen, relativ preiswert und zudem als Sichtverpackung einsetzbar. Folienverschweißtes Fleisch war ein Signum der späten 1960er Jahre, die einstige Herrenspeise nun als Billigware allseits verfügbar. Hohlglas aber war wettbewerbsfähig, trotz beträchtlicher Verluste etwa bei Milchverpackungen (Aufkommen von Tetra Pak) oder Einbußen bei Einkochgläsern.

Blicken wir ein wenig genauer in die Regale, so profitierte Glas vor allem vom verstärkten Angebot und dem vermehrten Konsum von Obst und Gemüse sowie Feinkost. Es gewann Terrain bei Obst- und Sauerkonserven, bei Würstchen, Ketchup oder der schon erwähnten Babykost. Auch Essig, Öl, Nass-Saucen, Gemüsesalate und Gewürze boten neue Absatzchancen. Angesichts wachsender Realeinkommen war selbst der etwas höhere Preis kein Manko. [29] Glasverpackungen erlaubten nicht zuletzt einheimischen Angeboten, sich als höherwertige Angebote, „fort von der Preiskonkurrenz“ aus dem Ausland, im Markt zu behaupten.

Glasverpackungen setzten sich anfangs bei vielen Markenartikeln durch, hatten dann aber überdurchschnittlichen Erfolg bei den Handelsmarken. Ende der 1960er Jahre war dies besonders wichtig. Der Anteil von Gläsern nahm von 1967 bis 1970 bei Gemüse von knapp 7% auf knapp 19% zu, bei konserviertem Obst gar von 47% auf 71%. [30] Die Schönheit auch einfacher Gläser und die Sichtbarkeit des Inhaltes blieben Kernargumente für Glasverpackungen. „Man kann nicht angeschmiert werden“ [31] war die Hoffnung der meisten Verbraucher, Grundhaltung in einer offenen Gesellschaft, in der man vorsichtig sein musste, selbst im Elementaren.

Uwe Spiekermann, 9. Oktober 2020

Anmerkungen
[1] Georg Bergler, Glas gegen Dose, Markt und Verbrauch 11, 1939, 181-190, hier 184.
[2] Helmut Bräuer, Die Verpackung als absatzwirtschaftliches Problem. Eine absatzwirtschaftliche und werbepsychologische Untersuchung des deutschen Verpackungswesens, Nürnberg 1958, 24.
[3] Pollopas, das elastisch-biegsame Kunstglas, Illustrierte Technik für Jedermann 4, 1926, 609-610.
[4] Bräuer, 1958, 25.
[5] Manfred Gebhard, Die Entwicklung der Verpackung für Konsumfertigwaren seit 1945, Wiwi. Diss. Nürnberg 1957, 29.
[6] Zur Geschichte der Verpackung, zumal der Konservendose und des Cellophans s. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 452-474.
[7] Eduard Nehring, Die Verwendung metallischer und nichtmetallischer Werkstoffe als Verpackungsmaterial in der Konservenindustrie, in: Wissenschaft und Technik in der Konservenindustrie, Braunschweig 1939, 41-54, hier 44-45.
[8] Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210, hier 196-197.
[9] Victoria de Grazia, Irresistible Empire. America’s Advance through Twentieth-Century Europe, Cambridge und London 2005, 380-396. Ähnlich Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln, Weimar und Wien 2013.
[10] Hans-Viktor Schulz-Klingauf, Selbstbedienung. Der neue Weg zum Kunden, Düsseldorf 1960, 328.
[11] Verbraucherverhalten und Verbrauchsgewohnheiten […], Verbraucher-Politische-Korrespondenz 6, 1959, Nr. 9, 7-10, hier 8.
[12] Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102; Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR, 2019 [Link setzen: https://uwe-spiekermann.com/2019/09/28/die-einfuehrung-der-selbstbedienung-im-einzelhandel-der-ddr-1951-1960/ ].
[13] Waldemar Tiebel, Im Selbstbedienungsladen ist jede Verpackung ein stummer Verkäufer, Die Neue Verpackung 9, 1956, 650, 652, hier 650.
[14] Glasbehälter senden Impulse, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 44, 1959, 378.
[15] NESCAFÉ jetzt im Glas, Die Neue Verpackung 15, 1962, 822; Absatzförderung und Glaspackung, Die Neue Verpackung 15, 1962, 874, 876.
[16] Kristina Huttenlocher, Appel Feinkost. Ein Familienunternehmen im Wandel der Zeit, Springe 2013, 54-81.
[17] Herbert Gross, Die Zukunft der Glasverpackung, Düsseldorf und Wien 1964, 16.
[18] Willy Tyroler, Glas – im Kommen oder Gehen?, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 45, 1960, 102-103.
[19] Gross, 1964, 39.
[20] Tyroler, 1960, 103.
[21] Konsumenten beurteilen Glaspackungen. Großangelegte und daher aufschlußreiche Meinungsforschung, Die Neue Verpackung 9, 1956, 194-197, hier 196.
[22] Erika Luther, Verpackung von Nahrungs- und Genußmitteln aus der Sicht des Verbrauchers, Die Neue Verpackung 18, 1965, 1151-1154.
[23] Schwund in vielen Tüten, Der Spiegel 17, 1963, Nr. 18, 62-65, insb. 64.
[24] Willy Tyroler, Gläserne Warenpackung in Kosmetik und Pharmazie, Die Neue Verpackung 15, 1962, 862-863, hier 862.
[25] Produktionsstatistik für Verpackungsmittel, Die Neue Verpackung 13, 1960, 120.
[26] Die Neue Verpackung 24, 1971, 28.
[27] K. Stoeckhert, Der internationale Kunststoffmarkt und die Verpackungstechnik, Neue Verpackung 24, 1971, 25-26, 28, 31, hier 28.
[28] Matthias Nast, Die stummen Verkäufer. Lebensmittelverpackungen im Zeitalter der Konsumgesellschaft […], Bern u.a. 1997, 342-343.
[29] Die Glasverpackung erweitert ihre Anwendungsgebiete, Die Neue Verpackung 18, 1965, 745-746, 748, hier 745.
[30] Otto H.C. Scharfenstein, Verpackungen für Handels- und Eigenmarken, Neue Verpackung 24, 1971, 942-944.
[31] NESCAFÉ, 1962, 822.

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